«Der Druck von unten gedeiht auch in China»

Die Unterdrückung des tibetischen Volkes rückt in den Hintergrund, während die internationale Gemeinschaft intensive Beziehungen mit China pflegt. Im Gespräch erzählt Kelsang Gyaltsen, warum er trotz allem Hoffnung hat.

Kelsang Gyaltsen, in der Schweiz aufgewachsen, wurde 1992 Sekretär des Dalai Lama. Sieben Jahre später folgt die Rückkehr in die Schweiz als Europa-Abgesandter. Heute ist er pensioniert und lebt in Rapperswil-Jona. (Foto: zvg)

Dieses Jahr jährt sich die Flucht des 14. Dalai Lamas vor der chinesischen Besatzung zum 60. Mal. Tausende Tibeter leben seither im Exil. Die meisten Landsleute unterstützen den vom Dalai Lama vorgeschlagenen «Mittleren Weg» zur Lösung des Tibet-Problems. Dieser sieht keine Unabhängigkeit vor, dafür echte Autonomie. Damit ist die freie Ausübung ihres Glaubens, ihrer Sprache und ihrer Kultur gemeint. Die Kontrolle von China über Tibet wird jedoch immer rigider. Heute ist es Tibetern im eigenen Land gar verboten, ein Bild des Dalai Lamas zu besitzen.

Herr Gyaltsen, als vergangenen Herbst der 14. Dalai Lama die Schweiz besuchte, wurde er einmal mehr nicht vom Bundesrat empfangen. Waren Sie enttäuscht?

Es ist für uns Tibeter natürlich eine grosse Ermutigung, wenn seine Heiligkeit von den Vertretern eines Landes mit Würde empfangen wird. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Welt die schwierige Situation der Tibeter nicht vergessen hat und daran Anteil nimmt. Die Schweizer Regierung scheint hier den leichteren Weg zu gehen, weil sie die Proteste seitens China fürchtet. Vor den Tibetern hat man weniger Angst, die gelten ja als so friedfertige Menschen.

Sie waren also enttäuscht?

Die Schweiz gilt als eines der fortschrittlichsten Länder der Welt, das eine lange humanitäre Tradition pflegt. Wenn es Werte wie Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrechte den wirtschaftlichen Interessen unterordnet, muss man sich die Fragen stellen, welches Bild die Schweiz nach aussen vermittelt. Hält man die Werte hoch, auch unter schwierigen Bedingungen oder lässt man sie fallen? Ich glaube jedenfalls nicht, dass die aktuelle politische Praxis für das Image der Schweiz gut ist.

Das Verhältnis der Schweiz mit China ist laut Alt-Bundesrätin Doris Leuthard so eng wie nie zuvor. Lässt die Schweiz Tibet jetzt fallen?

Die Rücksichtnahme der Schweiz auf die chinesische Empfindlichkeit schränkt auf jeden Fall die Meinungsfreiheit der Tibeter ein. Besonders spürbar wird dies bei chinesischen Staatsbesuchen, bei denen die tibetische Gemeinschaft an den Rand gedrängt und ihnen das Wort verboten wird. Das ist bedauerlich – vielmehr noch für die Schweiz als für die Tibeter.

Aber die Tibeter sind doch die Leidtragenden.

Wissen Sie, das sogenannte Tibet-Problem existiert nun seit genau 60 Jahren. Die Lösung hängt nicht davon ab, wie sich die Schweiz gegenüber Tibet positioniert. Die Tibeter haben bereits viele Wendungen erlebt. Als kleines, unterdrücktes Volk ist man immer auch ein Spielball politischer Kräfte. In den 60er-Jahren waren es die konservativen politischen Kräfte in Europa, die sich für unser Anliegen interessierten. Später waren es Parteien mit grüner und linker politischer Ausrichtung. Fakt ist: Bis heute beschädigt das ungelöste Tibet-Problem das internationale Ansehen von China. In Taiwan und Hongkong wird Chinas Vorgehen in Tibet als warnendes Beispiel erwähnt, warum es notwendig ist, sich gegen Chinas Einverleibung zu wehren. Aus diesem Grund dürfen wir Tibeter uns nicht vom Auf und Ab der internationalen Politik entmutigen lassen.

Das stelle ich mir schwierig vor. Die Entwicklung, Tibet zu einem Teil der Volksrepublik China zu machen, ist im vollen Gange. Aktuell sind Tibeter im eigenen Land die Minderheit. So wenig Autonomie wie heute gab es wohl noch nie seit dem Konflikt.

Das stimmt. Wenn wir das Verhalten der chinesischen Regierung gegenüber Tibet betrachten, dann hat sich die Unterdrückung verstärkt. Die Kontrolle ist viel rigider geworden. Das ist ein Fakt. Aber es gibt vor allem zwei Entwicklungen, die mir Hoffnung machen.

Die wären?

Zum einen schöpfe ich Hoffnung durch die in Tibet lebenden Tibeter. Ihr Widerstand gedeiht noch immer, nach 60 Jahren Besatzung! So hat sich das China bestimmt nicht vorgestellt. Der Aufstand von 2008 im Jahr der Olympischen Spiele in Peking war grösser als der von 1959! Und die meisten Beteiligten waren jünger als 35. Es gibt also ein starkes politisches Bewusstsein in der jüngeren Generation, das macht mir Hoffnung.

Und die andere Entwicklung?

Ich beobachte auch gesellschaftliche Veränderungen in China. Die Solidarität von jungen Chinesinnen und Chinesen mit Tibet hat zugenommen. Immer mehr interessieren sich für den tibetischen Buddhismus und die Kultur. Es gibt chinesische Menschenrechtsaktivisten, die sich öffentlich mit den Tibetern solidarisieren – so der kürzlich verstorbene Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo oder der Künstler Ai Weiwei. Wenn man bedenkt, wie stark die Zensur in China ist und welche persönlichen Risiken diese Aktivisten auf sich nehmen, ist diese Entwicklung bemerkenswert. Nicht zuletzt hat die Geschichte immer wieder gezeigt, dass totalitäre Systeme nie ewig halten. Das ist, wenn man so will, das «Positive» an ihnen. Ein Wandel kann über Nacht kommen. Der Druck von unten gedeiht auch in China. Ich bin trotz der aktuell bedrückenden Lage zuversichtlich, dass sich das irgendwann positiv auf Tibet auswirken wird.

Ein Merkmal des tibetischen Widerstandes ist die Gewaltlosigkeit. Wird sich das ändern, wenn der 14. Dalai Lama, heute 83 Jahre alt, einmal nicht mehr da ist?

Der Dalai Lama hat sein Leben lang dazu aufgefordert, strikt gewaltfrei zu bleiben und eine Lösung durch Dialog zu suchen, die für beide Seiten akzeptabel ist. Damit hat er stets einen besänftigenden Einfluss auf das tibetische Volk ausgeübt. Deshalb habe ich tiefe Sorge darüber, was passieren wird, wenn wir es nicht schaffen, bis zum Ableben des Dalai Lamas eine einvernehmliche Lösung des Tibet-Problems zu finden. Meine Befürchtung ist, dass die Situation viel konfliktreicher werden wird. Dass sie mehr Leid für die Tibeter und die Chinesen herbeiführen wird. Es ist jedenfalls ein fataler Trugschluss von den Chinesen, zu glauben, dass das Ableben des Dalai Lamas auch das Tibet-Problem lösen wird. Denn dieses existiert, weil die chinesische Regierung eine falsche Politik in Bezug auf Tibet anwendet. Nicht, weil es den Dalai Lama gibt.

Was wird sich auf der internationalen Bühne verändern? Immerhin ist er das Aushängeschild des tibetischen Freiheitskampfes.

Ja, der Dalai Lama geniesst sehr viele Sympathien und internationale Aufmerksamkeit. Das werden wir verlieren. Aber mit dieser Tatsache müssen wir leben – und uns bestmöglich darauf vorbereiten. Der Dalai Lama hat bereits in weiser Voraussicht damit begonnen: Er hat sich dafür eingesetzt, die tibetischen Gemeinschaften zu demokratisieren, Institutionen aufzubauen und dafür gesorgt, dass auch im Exil eine grosse Zahl junger Mönche und buddhistische Gelehrte herangewachsen sind. Der Verlust des Dalai Lamas könnte bei den Tibetern auch viel Kreativität freisetzen. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch dieser Herausforderung gewachsen sein werden.

Wie gestaltet sich seine Nachfolge?

Nun, die Suche nach einer Reinkarnation eines hohen Buddhistischen Meisters ist in erster Linie ein Akt des Glaubens. Und nicht eine Frage des Protokolls oder des Prozedere. Es ist der 14. Dalai Lama, der bestimmen wird, wie sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin gefunden werden soll, ob er oder sie in Tibet oder im Exil geboren wird. Mit anderen Worten: Welche Instruktionen er betreffend seiner Reinkarnation ausgeben wird. Das alles wird entscheidend sein. Wir Tibeter gehen jedoch davon aus, dass der Dalai Lama gut über 100 Jahre alt wird. Jetzt ist er 83, es bleibt also noch etwas Zeit.

Was wird sein grösstes Erbe sein?

Was der Dalai Lama in seinem Leben bereits erreicht hat, kann man nicht genug wertschätzen. Sollten nach seinem Ableben bessere Zeiten für Tibet kommen und Lösungen möglich sein, kann man mit Sicherheit sagen, dass er den Grundstein dafür gelegt hat. Als Tibeter und als Buddhist glaube ich aber fest daran, dass die Lebensdauer des 14. Dalai Lamas länger sein wird als die Herrschaft der chinesischen kommunistischen Partei.

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Kelsang Gyaltsen war siebenjährig, als er mit seinen Eltern aus Osttibet nach
Indien flüchtet. Mit zwölf schicken ihn die Eltern zur Ausbildung in die Schweiz. Er wird Kaufmann und arbeitet bei einer Schweizer Grossbank. Nach Einsätzen als Freiwilliger in der tibetischen Exilregierung in Dharamsala wird er 1992 Sekretär des Dalai Lamas. Sieben Jahre später folgt die Rückkehr in die Schweiz als Europa-Abgesandter. Heute ist er pensioniert und lebt in Rapperswil-Jona.

12. April 2019
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