Die rote Fahne weht über den Börsen

Ein Indikator, der in den letzten 50 Jahren zuverlässig Rezessionen ankündigte, steht auf rot.

(Foto: CC_flickr.com)

Wie entwickelt sich die Wirtschaft? Das interessiert fast alle, ganz besonders die professionellen Anleger. Die Börsianer haben Dutzende von Indikatoren entwickelt, die mehr oder weniger zuverlässige Prognosen ermöglichen. Einer ragt dabei heraus. Er hat in den letzten 50 Jahren zuverlässig jede Rezession angekündigt und lag kein einziges Mal falsch: das Verhältnis der Erträge zwischen dreimonatigen und zehnjährigen US-Staatspapieren.

Liegt der Ertrag der kurzfristigen Treasury-Bills über demjenigen der langfristigen Treasury-Bonds, hat sich jeweils eine Rezession entwickelt, und dies ist seit vergangenem Montag erstmals seit 13 Jahren wieder der Fall (CNBC). Die letzten sogenannten Inversionen ereigneten sich 1989, 2000 und 2006, jeweils gefolgt von zunehmend heftigeren Wirtschaftskrisen.

Warum das Ertragsverhältnis zwischen kurz- und langfristigen US-Staatspapieren ein derart zuverlässiger Indikator ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Normalerweise liegen die Zinsen für die kurzfristigen – und daher weniger risikobehafteten – Papiere aus naheliegenden Gründen tiefer. Jetzt ahnen die Börsianer, dass etwas im Busch ist und preisen ihre Erwartungen ein. Die Risiken in näherer Zukunft liegen offenbar höher als die in der ferneren.

Wie die Politik und die Zentralbanken als wichtigste Player in diesem Spiel mit dieser Situation umgehen, ist offen. Die Antwort auf die Rezession der frühen 1990er Jahre lag in einer gigantischen Deregulierung unter Clinton, die ihrerseits zur Dotcom-Blase führte. Als diese im Jahr 2000 platzte, halfen die Kriege gegen den Terror, gegen Afghanistan und den Irak sowie erleichterte Massenkredite für ärmere Hausbesitzer der Wirtschaft aus der Talsohle. Als auch diese Blase 2008 in der sogenannten Finanzkrise platzte, begannen die Zentralbanken im grossen Stil, Aktien und Staats- und Firmenanleihen zu kaufen, was vorher tabu war.

Viele meinen, die Zentralbanken hätten mit Zinsen in der Region von Null ihr Pulver nun verschossen und könnten einen grösseren Knall nicht mehr verhindern. Ich bin mir da nicht so sicher.

Von dieser Blase aus billigem Geld der Zentralbanken lebten die Börsen in den letzten zehn Jahren ganz ausgezeichnet. Viele meinen, die Zentralbanken hätten mit Zinsen in der Region von Null ihr Pulver nun verschossen und könnten einen grösseren Knall nicht mehr verhindern. Ich bin mir da nicht so sicher. Seit der Kündigung der geldpolitischen Nachkriegsordnung von Bretton Woods durch Präsident Nixon 1971 haben die Leute an den geldpolitischen Machthebeln noch immer ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert, mit dem das Spiel eine Runde weiter lief.

Wenn ich im Finanzolymp sässe und den Glauben an die Götter des Geldes sichern müsste, würde ich dosierten Zwang ausüben und die Zinsen merklich unter Null drücken, mit verschärfter Kontrolle die Profite den Mega-Multis zuleiten und die Welt mit ein bisschen Säbelrasseln gefügig machen. Lösungen sind das natürlich nicht. Aber ich würde ein bisschen Zeit gewinnen und könnte die Kräfte für den unvermeidlichen Showdown sammeln. denn alles hat ein Ende (nur die Wurst hat zwei).
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Quelle: Wall Street Red Flag (Zero Hedge)

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Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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