Elternzeit für Kühe

Die meisten Kälber lernen ihre Mütter nie kennen, viele nicht einmal deren Milch. Der Hof Gasswies in Südbaden zeigt, dass es auch anders geht

Kalb Cora mit ihrer Mutter / Bild: Rebecca Müller

Kurz nach 17 Uhr stehen im Stall des Hof Gasswies gut ein dutzend Kälber in Reih und Glied und warten auf ihr Abendessen. «Wie beim MacDrive», sagt Landwirtin Silvia Rutschmann und deutet auf das Jungvieh, das sich ungeduldig hin und her schubst, die Augen auf ihre Mütter an der Melchstation gerichtet. Auf Rutschmanns zertifizierten Bioland-Betrieb im südbadischen Klettgau wird jene Form der Milchviehhaltung betrieben, wie sie sich so manch ein Konsument beim Frühstücksmüsli gerne zurechtlegt. Weidegang, heimisches Grünfutter, reichlich Platz im Stall. Kühe, die auf Julia oder Loreley getauft sind und ihre Hörner stolz zur Schau tragen. Das Beste: die Milch, die im Müsli landet, wurde keinem Kalb weggenommen.

Das Ehepaar Alfred und Silvia Rutschmann betreibt seit 2005 die sogenannte muttergebundene Kälberaufzucht. Dabei werden die Jungen nicht kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt, wie in den allermeisten Betrieben üblich, sondern dürfen die ersten drei Monate bei ihr trinken. Wie ein echtes Säugetier.

Praktisch läuft das so ab: Morgens und Abends nach dem Melken werden die Mütter zu ihren Kälbern geführt und verbringen rund eine Stunde zusammen. Die Kühe, die noch säugen, tragen ein grünes Band am Hinterbein. Als Zeichen dafür, sie nicht ganz leer zu melken. Nach den drei Monaten kommen die Kälber in die Obhut einer Amme, so etwas wie eine Kindergärtnerin, bei der sie weitere drei Monate säugen dürfen, während sie sich langsam von der Mutterkuh abnabeln.

Es ist ein Versuch, der ausbeuterischen Logik der Milchviehhaltung entgegen zu halten: Denn Kühe müssen, um Milch zu geben, jedes Jahr ein Kalb auf die Welt bringen. Die Milch, die die Kuh für das Kalb produziert, wird von den Bauern weggemolken und an die Molkereien geliefert. Das Kalb bekommt stattdessen die Flasche, sogenannte Milchaustauscher, nicht selten mit billigstem Milchpulver und pflanzlichem Fett angerührt. Diese Trennung wird vollzogen einerseits, weil die Milchviehhaltung ein Wirtschaftszweig ist der für die Bauern Gewinn abwerfen sollte. Andererseits, weil eine späte Trennung von Kuh und Kalb den Abschiedsschmerz nur noch vergrößert.

«Das können die Kühe aushalten», meint Silvia Rutschmann. Die Trauerphase sei von Kuh und Kuh individuell, in der Regel dauere sie nicht länger als drei Tage. Für sie kein Grund, zur frühen Trennung zurückzukehren. «Die muttergebundene Kälberaufzucht hat so viele positive Aspekte.» Das Kalb sei gesünder und sozial aktiver. Und auch die Kühe gewinnen: Sie können ihren Mutterinstinkt ausleben, der bei dieser Tierart sehr ausgeprägt sei. «Die Kühe gehen richtig auf in ihrer Mutterrolle, beim Säugen sind sie ganz Euter», schwärmt Rutschmann.

 

„Das Original kommt eben aus dem Euter. Die Natur regelt vieles von selbst.“

 

Dabei wurde die kälbergerechte Haltung damals aus der Not geboren. Eine Krankheit grassierte unter den Tieren und führte zu schlimmen Durchfallerkrankungen, viele Kälber starben. Als verschärfte Hygienemaßnahmen und homöopathische Behandlungen nichts halfen beschlossen die Rutschmanns, die Jungen einfach länger mit der Muttermilch zu tränken, die wichtige Immunstoffe für das Kalb mitliefert. «Das Problem löste sich innert kürzester Zeit auf», erzählt Silvia Rutschmann. Im Nachhinein erscheint ihr das logisch. «Das Original kommt eben aus dem Euter. Die Natur regelt vieles von selbst.»

Muttergebundene Kälberaufzucht tut sichtlich allen gut: Ehepaar Rutschmann auf Weidegang mit ihren Kühen
Muttergebundene Kälberaufzucht tut sichtlich allen gut: Ehepaar Rutschmann auf Weidegang mit ihren Kühen

 

Fast alle praktizierende Landwirte bestätigen eine bessere Kälbergesundheit durch die Aufzuchtform. Laut Untersuchungen des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau, das seit 2003 zum Thema forscht, kann allerdings auch ohne die Mutter-Kind-Beziehung der gleiche Gesundheitszustand erreicht werden. Veränderungen seien hingegen im Sozialverhalten wissenschaftlich erwiesen. «Die Sozialkompetenz der trinkenden Kälber ist viel ausgeprägter, sie fügen sich besser in Gruppen ein und sind stressresistenter», sagt Kerstin Barth, Forscherin am Institut. Wie viele Höfe diese Form der Milchviehhaltung betreiben, ist nirgends genau erfasst. Die Initiative «Kuh plus Du» des Vereins Welttierschutzgesellschaft zählt auf ihrer Website in Deutschland gerade einmal 40 Höfe, erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. «Vor einem Jahr waren es noch 30», weiss Barth und bestätigt, dass das Interesse an dieser Haltungsform zunehme. Kürzlich hat erstmals auch ein konventioneller Betrieb in Sachsen-Anhalt umgestellt, mit 300 Milchkühen der größte bisher. Dennoch: bei den rund 70 000 Milchviehbetrieben in Deutschland bleibt es eine Nischenhaltung.

Das liegt mitunter daran, dass es sich wirtschaftlich zunächst nicht lohnt. Denn das Kalb säuft den Bauern die Milch weg. Anfangs hat die Umstellung auch den Hof Gasswies fast in den Ruin getrieben. Unerfahren wie sie waren, liessen die Landwirte das Kalb 24 Stunden bei der Mutter. «Die haben die Euter fast leergetrunken», sagt Rutschmann. Mit dem heutigen System gibt eine ihrer rund 50 Milchkühe noch etwa 3500 Liter pro Jahr. Eine Spitzenkuh aus herkömmlichem Betrieb schafft 10 000. «Wir wollen die Kuh nicht ausquetschen und das letzte aus ihr herausholen», so Rutschmann. «Das führt halt automatisch zu weniger Milchertrag.»

«Wir haben wunderschöne Kälber, weniger Tierarztkosten - und es macht einfach mehr Spaß!»

Zwar erhalten sie für ihre Biomilch von der Molkerei «Schwarzwaldmilch» einen im Vergleich zur konventionellen Haltung hohen Milchpreis. Der Mehraufwand für die muttergebundene Kälberaufzucht wird jedoch nirgends vergütet, für die Haltungsform gibt es keine extra-Kennzeichnung. Eine erste Ausnahme bildet die «Vier-Jahreszeitenmilch» der Öko-Melkburen aus dem nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein, die erstmals Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht als solche im Handel verkaufen. Davon träumt auch Rutschmann. «Es kann doch nicht sein, dass ich höchste Qualität produziere und trotzdem das gleiche Einkommen erziele.»

So bleibt die Milchviehwirtschaft denn auch das Sorgenkind des Ehepaars, das die 120 Hektar zusammen mit einem Hilfsarbeiter und einer Praktikantin bewirtschaftet. Nur mit anderen Wirtschaftszweigen wie Fleisch- und Sojaerzeugung, Schnapsbrennen, Obst- und Ackerbau sowie der Solaranlage auf dem Stalldach lassen sich die Verluste ausgleichen. «Aber man muss den Hof als ein Ganzes betrachten und nicht alle Wirtschaftszweige gegeneinander aufrechnen», sagt Rutschmann. «So kaufen viele Kunden ihr Fleisch bei uns weil sie von der Haltungsform überzeugt sind.» Und auf anderer Ebene hätten sie ohnehin längst gewonnen: «Wir haben wunderschöne Kälber, weniger Tierarztkosten - und es macht einfach mehr Spaß!» 

Vor allem dann, wenn sie dem Jungvieh beim trinken zuschaut, wie jetzt. Gierig saugen die Kälber an den Eutern, stupsen hinein, um den Milchfluss anzuregen. Während die Mutter in einer Seelenruhe dasteht, die Augen halb geschlossen, und es tatsächlich so aussieht, als würde sie es geniessen. Ganz Euter eben.

Wer den Hof Gasswies und ihre muttergebundene Kälberaufzucht unterstützen will, kann eine Kuhpatenschaft übernehmen oder verschenken:

www.patenschaft.hof-gasswies.de

www.hof-gasswies.de