Mobilität für eine bessere Welt

Selbstfahrende Autos, sinkende Kosten für Solarstrom und Batterien, und ihre dezentrale Verfügbarkeit machen bis zu 90 Prozent aller Autos überflüssig, sagt Innovationsforscher Tony Seba. Diese Zukunft hat in Kalifornien schon begonnen.

Potsdamer Brücke 1890 Autor unbekannt

Kalifornien hat das erste autonom fahrende Automobil zugelassen. Es darf ohne Sicherheitsfahrer auf die Straße. Das Auto gehört der Google-Schwesterfirma Waymo und wird rund um die Zentralen von Google und Waymo in Mountain View und Palo Alto unterwegs sein. Dort sind selbstfahrenden Autos schon seit Jahren im Test – mit Sicherheitsfahrer.

Die Lernkurve der selbstfahrenden Autos ist steil.

Insgesamt sollen sie über 16 Millionen Kilometer gefahren sein. In Arizona, das diese Erlaubnis schon einmal erteilt - und dann kurzfristig zurückgezogen hatte - baut die Waymo einen Robotertaxi-Service für Einwohner eines Vororts der Stadt Phoenix auf. Nach einem tödlichen Unfall im März diesen Jahres, war das Programm erst einmal gestoppt werden. Jetzt wird es an anderer Stelle fortgesetzt. Dass künstliche Intelligenz eine so dumme, mechanische Tätigkeit wie das Autofahren nicht erlernen kann, ist unwahrscheinlich. Und last but noch least: Auch Menschen versagen im Straßenverkehr. Am Ende wird dies alles zu einer Frage der Wahrscheinlichkeit.

Tony Seba: Ein hochattraktives Mobilitäts-Szenario ist möglich

Außerdem muss man sich diese Entwicklung auch dringend wünschen. Denn kein Mobilitäts-Szenario wäre derzeit wünschenswertes, als das Szenario, das des US-Zukunftsforscher Tony Seba durchgerechnet hat, und für dessen Realisierung er wirbt.  

Seba beginnt seine Vorträge stets meinem Bild der Wallstreet von 1900. Das Foto zeigt eine Straße voller Pferdekutschen. Inmitten der vielen Pferdekutschen ist das eine Automobil, das dort fuhr, kaum zu sehen. Das nächste Foto ist von 1913. Diesmal ist die letzte Pferdekutsche unter den vielen Autos kaum zu finden.

Viele Experten versagen, weil sie linear denken

Niemand hatte diese Entwicklung vorausgesehen. Das war, so Seba, ein gutes Beispiel für disruptive Innovation. Weitere Beispiele sind die Entwicklung der Computer bzw. Mikrochips oder das Handy. McKinsey, so Seba, habe das Marktpotential für Handys damals auf 900 000 Stück geschätzt. Tatsächlich lag es bei 109 Millionen, also 120 Mal so hoch.

Alle drei Beispiele, so Seba, haben eines gemeinsam: Sie wurden von Experten nicht vorausgesehen, weil diese linear dachten. Tatsächlich aber entwickelten sich diese Märkte exponentiell.

Seba argumentiert vor allem ökonomisch 

Sebas Buch von 2014 geht von sinkenden Kosten und technologischen Sprüngen in drei Bereichen aus: Sonnenenergie, Batterien und Künstlicher Intelligenz. Bisher hat er in allen drei Segmenten Recht behalten und wird teilweise von der Wirklichkeit sogar überholt. Strom aus regenerativen Quellen ist heute kostengünstiger, als alle anderen Energiequellen. Die Leistungsfähigkeit von Batterien wächst exponentiell und die Kosten für ihre Herstellung sinken. Die Leistungsfähigkeit von Smartphones ist heute größer, als man es sich je hatte vorstellen können, und künstliche Intelligenz plus Digitalisierung (Internet of Things) ermöglichen, flexible, lernfähige und individualisierbare Angebote in vielen Lebensbereichen.

Damit sind – so Seba -  alle Voraussetzungen für ein Mobilitätsszenario gegeben, in dem autonom fahrende, umweltfreundliche Fahrzeuge alle individuellen Mobilitätswünsche zu Preisen und unter Bedingungen anbieten können, die so attraktiv sind, dass sie – im Vergleich zu den Kosten eines eigenen Autos und den Problemen des öffentlichen Nahverkehrs – unschlagbar sind.

unschlagbar attraktiv

Seba rechnet vor, das achtzig Prozent aller Autos eigentlich überflüssig sind, wenn man die individuellen Mobilitätbedürfnisse intelligent als Services organisiert. Und er verweist auf die hohen Kosten öffentlicher Infrastruktur.

Autos werden heute nur eine Stunde am Tag gefahren

Richtig ist: Autos werden im Durchschnitt nur eine Stunde am Tag gefahren. Und in einer Stadt wie Los Angeles hat Uber mit seinen Ruf- und Sammeltaxen-Angebot bereits einen Anteil von 20 Prozent. Ohne Handy und Künstliche Intelligenz wäre das nicht möglich. Doch dies ist erst der Anfang.

Für Seba geht dieses Mobilitäts-Szenario zwangsläufig Hand in Hand mit einer dezentralen Energieerzeugung und –speicherung. Sinkenden Batteriekosten sorgen dafür, dass regenerative Energien nicht nur in dünn besiedelten Regionen alternativlos würden. Angesichts der hohen Kosten für den Bau und die Instandhaltung zentraler Infrastruktur ist das kein Wunder.

Dass dieses Szenario attraktiv ist, liegt auf der Hand. Es gäbe viele Gewinner: Private Haushalte können Geld sparen, weil sie kein Auto brauchen. Der Parkplatzbedarf in den Städten würde dramatisch sinken. Fahrradfahren würde sehr attraktiv. Die Innenstädte würden lebenswerter und die Stadt bekämen sehr viel zusätzlichen Entwicklungsräume. Der frei werdende Raum kann zur Steigerung des Gemeinwohls und der Lebensqualität genutzt werden (Urban Gardening, Parks, Wohnen, Kultur etc.), denn er ist im Besitz der BürgerInnen. Der ländliche Raum wäre attraktiver und vor allem Senioren und Menschen mit Handicaps würden profitieren. Die dezentrale Energieerzeugung lässt private Haushalte am neuen Energiewohlstand teilhaben.

Frei werdende Einkommen können für andere Zwecke genutzt werden oder sie müssten – was nachhaltiger wäre – gar nicht erst verdient werden.

Elektroautos gibt es in allen möglichen Bauweisen und Preisklassen, und sie gelten als besonders kostengünstig, langlebig und wartungsarm. Last but not least, wären fast alle ökologischen und gesundheitlichen Bedenken gegen den Individualverkehr ausgeräumt. Die verbleibende kleine Fahrzeugflotte liesse sich nachhaltig managen. Die Luft wäre sauber.

Was für eine schöne neue Welt!!! 

Wer es ganz genau wissen möchte: Diesen Vortrag hielt Seba 2017 auf dem Welt-Zukunfts-Energie-Tag. 

Mobility Disruption | Tony Seba, Silicon Valley Entrepreneur and Lecturer at Stanford UniversityTony