Anti-Aging-Medizin: Das Altern sparen wir uns für später auf

Körperliche Gesundheit, mentales Wohlbefinden und jugendliches Aussehen: Das sind die Ziele der Anti-Aging Medizin, die die beiden amerikanischen Mediziner Ronald Katz und Robert Goldmann 1993 «erfanden». Heute begegnet man dem Begriff Anti-Aging überall. Welche Angebote aber tatsächlich leisten, was sie versprechen, ist für Konsumentinnen und Konsumenten unklar. Deshalb hat das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung TA-SWISS eine Studie durchgeführt, die einen Überblick schafft und aufzeigt, wo Potenziale und Risiken liegen.

Ob Hormontherapien, Chelatoren, Statine oder extra-Dosen an Vitaminen die Gesundheit im Alter verbessern können; ob sich Organe mit Stammzellen reparieren lassen oder ob Gentests dazu führen werden, dass Krankheiten verhindert werden können: Das alles kann in den meisten Fällen (noch) nicht nachgewiesen werden. Die neueste Forschung lässt aber hoffen, dass die Leistungsfähigkeit auch mit zunehmendem Alter erhalten werden kann. Und dies wäre angesichts der demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft höchst willkommen. Legitim sind die Bedürfnisse und die Hoffnung, nicht nur länger zu leben, sondern auch länger gesund und leistungsfähig zu bleiben. Dies besonders im Hinblick darauf, dass in der Schweiz in ca. 40 Jahren ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein wird.

Die Anti-Aging-Medizin ist per Definition «eine medizinische Teildisziplin, die auf der Anwendung von fortschrittlichen wissenschaftlichen und medizinischen Technologien beruht, die für die Früherkennung, Prävention, Behandlung und Umkehr von altersbedingten Funktionsstörungen, Behinderungen und Krankheiten eingesetzt werden.» So gesehen steht nicht ein normales Altern, sondern ein erfolgreiches Altern im Mittelpunkt. Essentiell sind dafür die körperliche und geistige Gesundheit und Leistungsfähigkeit und für viele auch ein Äusseres, das sich an den Schönheitsidealen der Jugend orientiert.

In vielen Fällen kann aber die Forschung noch keine gesicherten Nachweise für Wirksamkeit und allfällige Nebenwirkungen der einzelnen Anti-Aging-Methoden liefern. Schneller ist der Markt, der den Bedürfnissen einer ewig jungen Gesellschaft nachkommt, und kräftig hilft, solche Wünsche zu generieren. So meint denn eine Teilnehmerin an einem PubliTalk von TA-SWISS: «Anti-Aging-Medizin gaukelt vor, dass Gesundheit einfach so eingekauft werden kann.» Dass dem nicht so ist, zeigt die TA-SWISS Studie. Viele Angebote auf dem Markt verfügen über einem mangelhaften Wirksamkeitsnachweis, und zudem sind Sicherheits- und Qualitätskon trollen häufig ungenügend. Andere Methoden sind noch in der Phase der Forschung, es fehlt der Transfer der Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte.

Da sich die Anti-Aging-Medizin zwischen Medizin, Wellness und Kosmetik situiert, ist nicht klar, in wessen Zuständigkeitsbereichen allfällige Qualitätskontrollen fallen. Ein weiteres Problem ist, dass zahlreiche Produkte im Internet mit vollmundigen Versprechungen angepriesen werden und über diesen Kanal auch im Ausland erworben werden können. Zu Anti-Aging-Angeboten gibt es eine wahre Informationsflut im Internet. Die Frage ist nur, wie verlässlich vor allem die Angaben mit rein kommerziellem Hintergrund sind.

Die Studie vom Zentrum für Technologiefolgenabschätzung TA-SWISS wurde unter der Leitung von Dr. Astrid Stuckelberger von der Universität Genf erarbeitet und liefert eine umfassende Übersicht und zeigt Möglichkeiten und Risiken von Anti-Aging-Methoden auf. Einzelne dürften tatsächlich zu einer guten Gesundheit im Alter beitragen. Bei vielen Angeboten lässt sich heute aber nicht beurtei len, ob sie wirksam sind oder ob sie gar zu Gesundheitsschäden führen könnten. Deshalb ist es wichtig, ein Auge auf diese Angebote, die häufig durch die Maschen der Prüf- und Zulassungssysteme fallen, zu werfen. Denn nicht gedient wäre einer immer älter werdenden Gesellschaft, wenn ausgerechnet die Nebenwirkungen der Anti-Aging-Medizin das Gesundheitssystem noch stärker belasten würden.

Aus der TA-SWISS Studie resultieren folgende Empfehlungen

1. Das Angebot an Behandlungsmethoden, die ein Gesundheitsrisiko darstellen, muss besser reguliert werden, um die Konsumentinnen und Konsumenten vor Gefahren zu schützen und den Ärzten eine grössere Behandlungssicherheit zu geben. Hier ist der Bundesrat gefordert, entsprechende Gesetze auf den Weg zu bringen. Behörden, wie das Bundesamt für Gesundheit BAG und Swissmedic, in deren Kompetenz die Überwachung von Unternehmen fällt, die Anti-Aging-Produkte herstellen, müssen ihre Kontrollfunktion stärker wahrnehmen.


2. Der Einsatz von medizinischen Wirkstoffen für Zwecke des Anti-Aging, für die sie nicht zugelassen sind, muss unterbunden wer den. Ein Qualitätslabel muss für die Sicherheit und Wirksamkeit der Methoden bürgen. Neue Anwendungen sind einem Genehmigungsverfahren zu unterwerfen. Swissmedic, das BAG und medizinische Fachgesellschaften müssen hier Lösungen entwickeln.

3. Die Forschungsarbeiten über die Wirksamkeit von Anti-Aging-Methoden müssen intensiviert werden. Der Schweizerische Nationalfonds sollte ein Nationales Forschungsprogramm zu diesem Thema auflegen. Das Staatssekretariat für Bildung und Forschung SBF sollte eine technische Informationsplattform einrichten, die der Kommunikation und dem Wissensaustausch unter den Beteiligten dient. Wirtschaftswissenschaftliche Fakultäten sollten Studien über die sozio-ökonomische Bedeutung des Anti-Aging-Markts durchführen.

4. Die Erarbeitung von wissenschaftlichen und ethischen Leitlinien für die Anti-Aging-Medizin und eine nationale Plattform zum Austausch über die Entwicklung auf diesem Gebiet ist notwendig. Hier ist die Schweizerische  Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW  gefordert, die Federführung zu übernehmen.

5. Die Gefahren von möglichen Interessenskonflikten müssen im Auge behalten werden, da bei der Anti-Aging-Medizin rein kommerzielle von wissenschaftlichen Interessen schwer zu trennen sind. Eine «Task Force Ethik» sollte Richtlinien aufstellen, unter welchen Bedingungen Forschung durchgeführt werden soll, die von der Industrie gefördert wird.

6. Durch ein Qualitätslabel sollen sichere und wirksame Anti-Aging Methoden gekennzeichnet werden, damit Konsumentinnen und Konsumenten sichere Produkte erkennen können. Diese sollen als marktfähige Produkte schneller als heute zur Verfügung stehen.

7. Die Entwicklung und rasche Anwendung von Präventionsmassnahmen, die zu einem besseren Altern führen, müssen gefördert werden. Spezielle Präventionsprogramme sind notwendig und bei ihrer Umsetzung alle Beteiligten gefragt, wie zum Beispiel die Gesundheitsbehörden, die Krankenversicherer oder die Ärzteschaft. Die Kosten für wichtige Vorsorgeuntersuchungen sollten von den Krankenversicherungen übernommen werden.
Die TA-SWISS-Studie wurde unterstützt von der Kommission für Technologie und Innovation KTI und von der Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW

Information zum Projekt:http://www.ta-swiss.ch/d/them_biot_anti.html

Auskunft: Susanne Brenner, Tel. 031 324 13 42; susanne.brenner@swtr.admin.ch

Publikationen zum Thema:
Das Altern sparen wir uns für später auf.
Kurzfassung zur TA-SWISS-Studie «Anti-Aging Medicine: Myths and Chances». Erhältlich bei TA-SWISS oder Download http://www.ta-swiss.ch/a/biot_anti/KurzfassAntiAging.pdf

TA-SWISS-Studie Anti-Aging Medicine: Myths and Chances.
Erscheint im Juni 2008 im vdf-Hochschulverlag AG der ETH Zürich.

Zufrieden alt statt krampfhaft jung: Bericht zum Dialogverfahren PubliTalk «Anti-Aging-Medizin»
Erhältlich bei TA-SWISS oder Download http://www.ta-swiss.ch/a/biot_anti/Web_PubliTalk_AntiAgingd.pdf


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