Raffiniert: Die Psychologie japanischer Bahnhöfe

Immer wieder ist es europäischen Medien eine Nachricht wert, dass sich ein Tokioter Unternehmen öffentlich dafür entschuldigt hat, dass ein Zug zu früh oder zu spät losgefahren ist. Wer Tokio kennt, weiß die Perfektion zu schätzen, mit der es der Stadt und ihren Unternehmen gelingt,  den dichten Verkehr zu organisieren.

cc: Peke Pon

Die Kunst Menschenströme sanft zu lenken, ist – wie kann es anders sein – in Japan höher entwickelt als anderswo. Zu diesem Schluss kommt  der in Japan lebende Jurist und Autor Allan Richarz in einem kleinen Aufsatz über die Psychologie  japanischer Bahnhöfe und zeigt an einigen Beispielen auf, wie das geht. Die Selbstmordrate in Japan ist vergleichsweise hoch und nur allzu gerne werfen sich Lebensmüde vor die Bahn. Das geschieht im Durchschnitt einmal am Tag. An vielen Bahnhöfen sind daher hohe Barrieren errichtet worden, die sich erst öffnen, wenn der Zug hält. Diese technische Lösung ist aber teuer und langwierig. Bis alle 243 Bahnhöfe diese Ausstattung erhalten, müssen 4,7 Milliarden Dollar investiert werden und vor 2032 ist das nicht zu machen. 

Inzwischen hat sich auch blaues Licht als wirksames Mittel erwiesen, um den dringenden Wunsch sich sofort das Leben zu nehmen zu dämpfen. In den Bahnhöfen, in denen die U-Bahn-Betreiber an beiden Bahnsteig-Enden blaue strahlende  LED-Lampen aufhängen, ist die Zahl der Selbstmorde um staunenswerte 84 Prozent gesunken.

Als nicht weniger wirksam hat sich Auswahl der Signale erwiesen, mit denen die Bahnhöfe über die Abfahrt der Züge informieren. Da Unpünktlichkeit in Japan geächtet ist und Scham auslöst, tun Japans Männer und Frauen alles, um die Bahn, die sie doch noch rechtzeitig zu ihrem Ziel bringt, zu nehmen. Während der Rush-Out sind die Züge außerdem extrem überfüllt. Es kommt daher immer wieder zu verzweifelten Szenen: Japaner die gegen schließende Türen trommeln oder auch dann noch mit Gewalt in die Bahn einsteigen wollen, wenn wirklich nichts mehr geht. Dies ist auch einer der Gründe, warum die Bahnsteige Bereiche ausweisen, an denen die Zugabteile halten, die in diesen Zeiten nur von Frauen genutzt werden dürfen.

Die richtige Musik auszuwählen, hat sich als ein Weg erwiesen, auf das Verhalten der Pendler Einfluss zu nehmen. Statt eines nervenden, lauten oder schrillenden Geräusches, hört man nun sanfte, beruhigende Klänge. Die meisten Stationen haben inzwischen ihre eigene Musik und nutzen es als Wiedererkennungsmerkmal.  Die Ebisu Station, zum Beispiel, ist für ihre Abfahrt-Melodie bekannt geworden. Es handelt sich um die Erkennungsmelodie des Films „Der Dritte Mann“.  Die Signale dauern genau sieben Sekunden, weil Forscher herausgefunden haben, dass alle Signale die länger dauern, nervös machen.

23. September 2018
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