Resistente Keime töten mehr Menschen in Europa als der Straßenverkehr

Verglichen mit dem Aufwand, der für die Verkehrssicherheit betrieben wird, sind die Maßnahmen, die gegen die Züchtung immer mehr, und immer resistenterer Keime ergriffen werden, harmlos.

Staphylococcus cc Don Stallons

2017 kamen in der EU 25.300 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben. Der jetzt veröffentlichte Bericht  European Centre for Disease Prevention and Control geht davon aus, dass 2015 in Europa 33.000 Menschen an einer Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen gestorben sind. Diese Zahlen wachsen Jahr um Jahr an. Erkrankt waren 2015 insgesamt 670 000 EuropäerInnen. Die Ansteckung erfolgte in 75 Prozent Fälle in einem medizinischen Kontext. Rund die Hälfte dieser Ansteckungen halten die Experten für vermeidbar. Die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken, ist in Frankreich, Italien und Griechenland deutlich höher als in der Schweiz oder Deutschland. Mit 170 Infektionen pro 100 000 Menschen erkranken mehr EuropäerInnen an einem  resistenten Keime als an Grippe, Tuberkulose und HIV zusammen genommen.  40 Prozent der Infektionen beruht auf Keimen, die auf Ersatzantibiotika nicht mehr ansprechen. Weltweit sterben insgesamt rund 700.000 Menschen  an Antibiotikaresistenzen. 

Die wachsende Zahl resistenter Keime hat viele Ursachen

Der maßlose Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft, der falsche Einsatz von Antibiotika beim Menschen, mangelnde Hygiene in Krankenhäuser und Arztpraxen und die Bedingungen unter denen Arzneimittel hergestellt werden.

Das Problem ist schon lange bekannt. Es wurde nicht gehandelt. 

Prof. Rolf Müller, Sprecher des Forschungsbereiches „Neue Wirkstoffe gegen Infektionen“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI)  fasst die Lage in einem Artikel jüngst wie folgt zusammen: „Antibiotikaresistenzen sind ein globales Problem. Es wird angenommen, dass im Jahr 2050 mehr Todesfälle durch Antibiotika-Resistenzen als durch Krebs verursacht werden könnten. Leider wurde in den letzten zehn Jahren gegen die multiresistenten Erreger kaum etwas unternommen, die derzeit in unseren Krankenhäusern die größten Probleme verursachen. Es ist daher dringend notwendig, dass neue, effektive Medikamente entwickelt werden.“

Es fehlen Alternativen: Immer mehr Pharmakonzerne steigen aus der Forschung aus. 

Das Helmholtz Zentrum weist außerdem darauf hin, dass seit 1987 nur eine neue Wirkstoff-Klasse gegen gramnegative Erreger entwickelt wurde. Pharmaunternehmen investierten kaum noch in die Entwicklung neuer Antibiotika, weil sie nur selten und über einen kurzen Zeitraum zum Einsatz kommen und somit keinen Profit bringen. Erst im Julie hatte sich der Pharmakonzern Novartis aus der Antibiotika- und Infektionsforschung zurückgezogen.

Die Experten am Helmholtz Zentrum setzen ihre Hoffnung vor allem auf die Entdeckung neuer Wirkstoffe aus der Natur. Prof. Marc Stadler, Leiter der HZI-Abteilung „Mikrobielle Wirkstoffe“: „Eine schier unerschöpfliche Quelle für neue Wirkstoffe bilden beispielsweise Pilze. Sie produzieren Antibiotika natürlicherweise, um sich gegen Bakterien durchzusetzen und deren Angriffe zu überleben“.

Die Landwirtschaft ist ein Treiber dieser Entwicklung: Die EU hat im Oktober ein bisschen gehandelt. 

Letzten Monat hatte das EU-Parlament mit großer Mehrheit ein erstes Maßnahmenpaket beschlossen. Es begrenzt den präventiven Einsatz von Antibiotika auf Einzeltiere – es sei denn, der Tierarzt verschreibt sie. Vollständig verboten wird die Antibiotika-Vergabe zur Wachstumsförderung. Importiertes Tierfutter darf keine Antibiotika mehr enthalten. Und ganz wichtig: Endlich sollen einige der wenigen, derzeit noch wirksamen Medikamente, für die Behandlung von Menschen reserviert bleiben.