Was lebt, wenn alles still ist?

Wie spricht man über Stille? Der Film «Zeit für Stille» hat einen Versuch gewagt und sich dem Thema auf inspirierende Weise genähert

Was ist Stille? Die Ruhe nach einem lauten Schrei? Ein glatter See in der Landschaft? Die Weite der Wüste? Meist geht es um ein Gefühl, das sich einstellt, wenn wir still werden, oder um unsere Wahrnehmung die sich verändert, wenn wir uns der Stille hingeben. Genau das versucht das Film «Zeit für Stille» des US-Regisseurs Patrick Shen einzufangen.

Zu Beginn taucht ein Wanderer entlang der Autobahn auf und man sieht ihm an, dass er bereits seit längerer Zeit draussen unterwegs ist. «Ich habe ein Schweigegelübde abgelegt und durchquere die USA zu Fuss, von Nashua nach Los Angeles (4700 Kilometer)», schreibt der Reisende in einen Block und hält ihn in die Kamera.

«Stille ist die Unterbrechung der Gewohnheit, der Welt unser Ego aufzudrücken.»

Auf den Spuren der Stille erforscht der Film, wie sich unser Verhältnis zu ihr gewandelt hat. Früher, als der Mensch noch mit der Natur lebte, war sie überlebensnotwendig, um Beute und Gefahr auszumachen. Heute hingegen bedarf es grosser Anstrengung, ihr überhaupt zu begegnen. Dabei ist sie nicht nur für die Gesundheit wichtig – Lärm ist nach Luftverschmutzung der grösste die Krankheitslast vergrössernde Umweltfaktor – sondern auch für den Weltfrieden: «Stille schafft eine Atmosphäre, in der alle auf Augenhöhe sind», beschreibt es eine Teezeremonie-Meisterin. «Wenn niemand spricht, kann auch niemand dominieren.»

Was ist Stille? Der Autor des gleichnamigen Buches zum Film formulierte es so: «Stille ist die Unterbrechung der Gewohnheit, der Welt unser Ego aufzudrücken.» Und der Wanderer antwortete auf den Grund seines Schweigegelübdes, nachdem er im Juli 2014 sein Ziel erreichte: «Ich hatte das Gefühl Stille sei wichtig. Und dass sie erlebt, nicht erklärt werden sollte.» Der Film ist eine gelungene Inspiration, sich auf die Suche nach ihr zu machen.

«In Pursuit of Silence» von Patrick Shen, 81 Minuten, USA 2016, mindjazz pictures. 

Ab April 2018 auf DVD