Was uns die Glückswissenschaften in diesem Jahr bescheren

Die Wissenschaftler am Greater Good Science in Berkeley beschäftigen sich schon lange mit der Frage, was Menschen glücklich macht. Gute Beziehungen zu anderen Menschen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Doch Beziehungen sind kompliziert, und wir wissen immer mehr darüber, was sie gelingen oder scheitern lässt. Zum Jahresende fassen die Experten aus Berkeley die wichtigsten neuen Erkenntnisse aus 2018 zusammen. 

cc: grandjete

Freundschaften wachsen langsam und erfordern viel gemeinsam verbrachte Zeit. Jeffrey Hall von der „University of Kansas“ hat sich mit der Frage beschäftigt, wie lange es braucht, bis man „befreundet“ ist. Dazu hat er Studienanfänger und Menschen begleitet, die umgezogen sind. So konnte er Daten darüber sammeln, wie lange es braucht, bis Freundschaften entstehen.

Schüler brauchten 43 Stunden und Erwachsene 94 Stunden, bis Fremde gute Bekannte waren. Nach 57 Stunden waren die guten Bekannten der Studentinnen zu FreundInnen geworden. Erwachsene brauchten dafür im Durchschnitt 164 Stunden.  Nach 119 gemeinsam verbrachten Stunden hatten StudentInnen das Gefühl, richtig gute oder sogar beste Freunde zu sein. Bei Erwachsene waren dafür im Durchschnitt 264 Stunden notwendig.

Wir überschätzen oft unsere Fähigkeit zur Empathie 

Gleich mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass unsere Fähigkeit zu verstehen, wie Andere sich fühlen, weniger gut ist, als wir glauben. Das scheint vor allem für Menschen zu gelten, die ganz besonders stolz auf ihre Menschenkenntnis sind. Wer sicher gehen möchte, dem empfehlen die Experten Fragen zu stellen und dann aufmerksam zuhören.

Alles eine Frage der Atemtechnik?!?

Der eigenen Wut freien Lauf zu lassen ist selten nützlich. „Achtsamkeitsübungen“  helfen, mit diesen Gefühlen anders umzugehen. Wer regelmäßig meditiert, lernt Ärger und Wut zu kontrollieren und damit gelassener umzugehen. Wegatmen hilft tatsächlich.

Gut ausgeschlafen, sind wir weniger einsam

Menschen, die sich einsam fühlen, schlafen schlechter als andere, das war schon lange bekannt. Neu ist, dass wohl auch umgekehrt gilt: Wenn wir schlecht geschlafen haben, wollen wir nicht, dass andere Menschen uns näher kommen und diejenigen, denen wir begegnen, spüren es. Ein Teufelskreis! Umgekehrt gilt also auch: Wären alle ausgeschlafen, wären alle weniger einsam.

Smartphones machen persönliche Begegnungen weniger befriedigend.

Eine andere Studie untersuchte, wie Smartphones persönliche Begegnungen beeinflusst. Es lohnt sich nämlich bei einer gemeinsamen Mahlzeit das Handy auszumachen. Man ist weniger abgelenkt, zugewandter, langweilt sich seltener und ist besser gelaunt.

Es gibt außerdem deutliche Hinweise darauf, dass Jugendliche, die viel Zeit mit ihrem Smartphone oder vor dem Computer verbringen, weniger glücklich sind. Das muss aber nicht immer der Fall sein. Jugendliche, die intensiv mit Freunden chatten, verbringen mit diesen Chatt-Freunden auch mehr persönliche Zeit. Das Smartphone kann also Beziehungen fördern. Beim gemeinsamen Essen allerdings nicht.

Die Gefühle der Teenagern sind tatsächlich „durcheinander“.

Emotionale Achterbahnfahrten mit Teenagern sind normal. Das weiss jeder. Allerdings war immer noch nicht ganz klar, warum Jugendliche so starken Gefühlsschwankungen ausgesetzt sind. Forscher von Harvard und der University of Washington baten junge Menschen im Alter von fünf bis 25 Jahren, sich Bilder von weinenden Babys anzusehen. Teenager konnten diese Bilder weniger gut deuten als andere. Sie fühlten sich manchmal gleichzeitig wütend und traurig, weil sie diese Gefühle nicht gut unterscheiden konnten.

Jugendliche müssen aber nicht erst erwachsen werden, um sich selber besser zu verstehen. Versuche mit Jugendlichen in der Schule mit dem Ziel, ihnen dabei zu helfen, ihre Gefühle besser zu verstehen, waren sehr erfolgreich. Sprechen hilft. 

Das Gefühl zu einem politischen Lager zu gehören, hat mehr Gewicht als die Haltung zu konkreten Themen

Sind wir für oder gegen die gleichgeschlechtliche Ehen oder Einwanderung? Wir glauben meist, dass unsere politischen Haltungen rationale Erwägungen zugrunde liegen. Eine ganze Reihe von Studien lassen aber den Schluss zu, dass nicht unsere Position zu konkreten Themen für unser Wahlverhalten und Denken entscheidend ist, sondern das Gefühl zu einem bestimmten "Lager“ zu gehören. WählerInnen, die sich dem konservativen Lage zugehörig fühlen, wählen auch dann konservativ, wenn sie in vielen Forderungen des „gegnerischen“ Lager übereinstimmen. Konstruktiv gewendet bedeutet dies: Es gibt meist mehr Gemeinsamkeiten als man denkt und sprechen hilft, ideologische Gegensätze zu überwinden. Für die Wähler Trumps war übrigens letztlich das Gefühl entscheidend, zum Lager der weißen, christlichen Rasse zu gehören, deren Existenz bedroht ist. 

Egalitäre Gesellschaften sind glücklicher 

Eine andere Studie hat erneut die Bedeutung von „Gleichheit“ bzw. „Gleichberechtigung“ für das Glück von Nationen untersucht. Anhand des World Values ​​Survey - einem großen Datenpool, der das Wohlbefinden von Menschen weltweit misst – wurden die Bewohner Westeuropas, der USA, Kanada, Australien, Neuseeland und Japan unter diesem Gesichtspunkt betrachtet. Untersucht wurden die Gleichstellung der Geschlechter, der Bildungsstand, der Frauenanteil im Parlament, Einkommen, Lebenserwartung und anderes mehr. Das Ergebnis war eindeutig: Menschen, die in egalitären Ländern leben, sind glücklicher.  Interessanter Weise gilt das (noch) mehr für Männer als für Frauen. Die Forscher schließen daraus, dass Regierungen den Themen Gleichheit und Gleichberechtigung eine sehr viel höhere Priorität einräumen sollten. 

22. Dezember 2018
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