Anarchie verbreiten, theoretisch
In den USA wird seit einiger Zeit intensiv über New Anarchism und Post-Anarchismus diskutiert. Hierzulande hat die Linke das bislang kaum bemerkt.
Für Oaklands Polizeichef Howard Jordan war sofort klar, wer Anfang November beim kalifornischen Occupy-Generalstreik für die Ausschreitungen und die zerschlagenen Fensterscheiben verantwortlich war: „Anarchisten und Provokateure.“ Auch in Griechenland tauchen Anarchisten im Zuge der Krisenproteste regelmäßig und medienwirksam in schwarzen Blöcken auf und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. In den Berliner Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln hängen an Hauswänden in den letzten Monaten immer öfter Plakate anarchistischer Gruppen mit Solidaritätsadressen für Gefangene oder mit martialisch bebilderten Aufrufen zum militanten Widerstand. Und vor knapp einem Jahr erlangte das Manifest Der kommende Aufstand fast Bestsellerstatus. Dessen ideologische Grundausrichtung lässt sich am besten in der darin formulierten Forderung „Kommunismus leben – Anarchie verbreiten“ ablesen.
Nur – was genau verbirgt sich heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, hinter dem meist diffus verwendeten Begriff Anarchismus? Die Theoretiker, die ihn im 19. Jahrhundert aus der Taufe gehoben hatten, sind mit aktuellen politischen Bewegungen nur bedingt kompatibel. Michail Bakunin war überzeugter Antisemit und Pierre-Joseph Proudhon, der als erster das Wort Anarchismus als positiven Kampfbegriff benutzte, war ein sexistischer Frauenhasser. Auch Kropotkin, der wegen seiner Rezeption im Andalusien der 1930er Jahre etwas zu Unrecht stets auf ein Konzept des Agrarkommunismus reduziert wird, spiegelt kaum die Lebenswelten postindustrieller Gesellschaften wider. Und Rudolf Rockers Texte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirken heutzutage auch schon recht angestaubt.
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