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Neu erschienen




Leila Dregger, Frau-Sein allein genügt nicht. Mein Weg als Aktivitistin für Frieden und Liebe, edition Zeitpunkt 2017, ca. 180 S., CHF 19.- / Euro 17.-

 

Geld: die schärfste Analyse auf dem Buchmarkt




Christoph Pfluger: Das nächste Geld – die zehn Fallgruben des Geldsystems und wie wir sie überwinden. edition Zeitpunkt, 2015. 248 S., Fr. 23.–/€ 21.–.

 

Sie sah, was die Messgeräte verkannten




Cornelia Hesse-Honegger: Die Macht der schwachen Strahlung - was uns die Atomindustrie verschweigt. edition Zeitpunkt, 2016. 232 S., Fr. 29.-/€ 26.-.

 

Der lebt, was er denkt, und tut, was er sagt




Erwin Jakob Schatzmann: unverblümt – aphoristische Denkprosa. edition Zeitpunkt, 2015. 148 Seiten, mit 13 ganzseitigen farb. Abb. Geb. Fr. 18.–/€ 16.–.

Ein Buch, das die Schweiz verändert




Die Vollgeld-Reform – wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können. Mit Beiträgen von Hans Christoph Binswanger, Joseph Huber und Philippe Mastronardi. Edition Zeitpunkt, 3. Aufl., 2013. 84 S. Fr.12.50 / Euro 9.50.


Das Neuste von Übermorgen

Rembrand aus der Maschine, ewiges Leben und nie wieder französisch büffeln


Von: Philippe Welti


Rembrandt aus der Maschine

 

Kann man einem Computer beibringen, wie ein Künstler zu denken und zu malen? Ein Team in Amsterdam hat genau das getan. Künstliche Intelligenz hat sich jedenfalls nach eingehendem Studium von 346 Rembrandt zugeschriebenen Gemälden einen neuen Rem­brandt ausgedacht. Urheber des Projekts «The Next Rembrandt» sind Wissenschaftler der Technischen Universität in Delft, des Museums Het Rembrandthuis und von Microsoft. Gemeinsam haben sie den Malstil des Meisters sowie die von ihm bevorzugten Techniken und Farben mit Hilfe von Big-Data-Technologien analysiert. Nun sind sie in der Lage, Bilder im Rembrandt-Stil herzustellen, die von den Originalen kaum zu unterscheiden sind. Aus den Daten wurde ein Algorithmus abgeleitet, der es nicht nur ermöglicht, die Arbeitsweise Rembrandts nachzuahmen, sondern auch selbständig ein für den Maler typisches Motiv zu schaffen: das Porträt eines Mannes zwischen 30 und 40 Jahren mit Bart, Hut und Kragen, der nach rechts blickt. Im Detail wurden dann Gesichtseigenschaften nachgebildet, die dem Stil des Meisters entsprechen: die Augen, die Nase, der Mund, die Ohren – und die Abstände zwischen den Sinnesorganen.

 

Der Herr mit Hut und Kragen blickt etwas erstaunt und fast trotzig, so, als könne er es selbst nicht fassen, dass er aus dem Rechner stammt. Kunstexperten in Holland haben sich entsetzt geäussert über das Projekt. So fehle beispielsweise der Tränenfilm, der auf dem Unterlid jedem Auge seinen Glanz gibt. Der Computer hätte nichts verstanden. Microsoft will das Projekt trotzdem weitertreiben. Vielleicht werden die Algorithmen bald schon Kunstfälschungen aufspüren.

www.nextrembrandt.com

 

 

 

 

Ewiges Leben im Netz

 

Während wir in der physischen Welt seit Jahrtausenden versuchen, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, ist einer der ältesten Träume der Menschheit in der digitalen Welt heute Realität geworden: das ewige Leben. Möglich macht es «Eter9», das soziale Netzwerk für die Ewigkeit. Nachdem man sich angemeldet hat, lernt die künstliche Intelligenz des Netzwerkes mit der Zeit, welche Beiträge geliked, geteilt oder erstellt werden und führt diese Aktivitäten bei Inaktivität oder nach dem Ableben selbstständig fort. Eter9 hat heute über 5000 Mitglieder – Tendenz steigend.

Ist eine solche Applikation auch wünschenswert? Befürworter argumentieren, dass der Tod eines Angehörigen für einen Hinterbliebenen weniger traumatisch sei, wenn er mit der Person virtuell weiterhin in Kontakt bleibe. Gut möglich. In ein paar Jahrzehnten stehen die Nutzer vor der Frage: Sind das noch reale Freunde, die ihnen Updates schicken, oder ist die Person im Netz längst tot? Es stellt sich auch die Frage, wie wir in einer Gesellschaft miteinander umgehen, die den Abschied verlernt hat. Ist es sinnvoll, nach dem Tod virtuell weiterzuleben? Diese Diskussion wird schon bald geführt werden.

www.eter9.com

 

 

 

Mit dem «Pilot» durch Babylon

 

Arabisch büffeln ist mühsam, kostet Zeit und Geduld. Wäre es nicht viel toller, wenn ich einfach ein kleines Gerät ins Ohr stecken könnte, das alles simultan übersetzt, was ich höre und sage? Ich spreche Schweizerdeutsch, mein Gesprächspartner Portugiesisch – wir können uns in unseren Muttersprachen unterhalten. Die Babylonische Sprachverwirrung (1. Mose, Genesis, 11, 1-9) wäre überwunden. Ein solches völkerverständigenes Gadget habe ich mir gewünscht, als ich vor einem halben Jahr in Marokko war und oft nur Bahnhof verstand. Jetzt schöpfe ich Hoffnung.

Das Start-Up «Waverly Labs» will ein solches Gerät im September dieses Jahres auf den Markt bringen. Das Gerät, «The Pilot», besteht aus einem kabellosen Stöpselpaar, das sich via Bluetooth mit dem Smartphone verbindet, auf dem eine neu entwickelte App installiert ist. App und Smartphone bilden die Daten- und Rechenzentrale des Übersetzungsprogramms. Die Spracherkennung läuft über einen Clouddienst, soll aber auch offline funktionieren. Damit sich zwei Menschen unterhalten können, trägt jeder einen der beiden Knöpfe im Ohr. Kosten soll das kleine Gerät zwischen 249 und 299 US-Dollar. Finanziert wird das Projekt über eine Crowdfunding-Plattform. Vorerst soll der «Pilot» Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch unterstützen, später auch andere Sprachen, darunter asiatische und afrikanische. Obwohl die Übersetzungsprogramme in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht haben, bin ich skeptisch, ob der Knopf im Ohr auch alle Dialekte richtig verstehen wird und Bedeutungsfelder vermeiden kann. Falls das Gerät hält, was es verspricht, bleibt offen: Was tun wir, mit unseren Gehirnen, wenn wir alle geistigen Herausforderungen an unsere Smartphones delegieren? Vor Verblödung schützt nur, dass sich «The Pilot» nicht jedermann leisten kann.

 

Sonntag, 14. August 2016

 


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