Der Fall Ken Jebsen

Von einem Journalisten, der rausflog und im Internet seine Unabhängigkeit zurückgewann.

Bis in die «New York Times» schlugen die Wellen, als Ken Jebsens Sendung «Ken FM» 2012 nach über zehn Jahren beim Radio Berlin-Brandenburg (RBB) abgesetzt wurde, weil er angeblich den Holocaust leugnen würde. Nachdem er und seine Anwälte schnell richtig gestellt hatten, dass an diesem infamen Vorwurf absolut nichts dran war, ging er wieder auf Sendung. Doch bald darauf trennte sich das ARD-Radio «in gegenseitigem Einvernehmen» von seinem Reporter, der auf Jugendradio «Fritz» jeden Sonntagnachmittag vier Stunden Programm gemacht hatte. Der Grund war nicht die mangelnde Quote, KenFMs Mischung aus Pop und Politik zählte zu den beliebtesten Sendungen des Kanals, sondern die politischen Themen, denen sich Ken Jebsen gewidmet hatte: der uranverseuchten Munition der NATO, den traumatisierten Afghanistan-Soldaten der Bundeswehr oder den Zweifeln an der offiziellen Darstellung der 9/11-Anschläge.

Und so nahm sich Ken Jebsen einen Keller, baute mit privaten Möbeln ein kleines Studio auf und transferierte KenFM mit einem kleinen Team vom öffentlich-rechtlichen Äther ins weltweite Netz. Und die Fans, die er in 545 Radiosendungen gewonnen hatte, transferierten ebenso, nämlich ihre Gebühren, mit denen sie den neuen Kanal freiwillig unterstützten und KenFM zu einem der erfolgreichsten crowd-finanzierten Journalismus-Projekte im Internet machten. Und das nicht mit Stars und Sternchen, sondern mit Wissenschaftlern, Schriftstellern und Intellektuellen, die komplexe Themen der Geopolitik, der Finanzwelt, der globalen Ressourcen oder der Friedensforschung erörtern. Es ist letztlich nichts anderes als das gute alte «Bildungsfernsehen», was KenFM da macht. Ein Genre, das die Öffentlich-Rechtlichen – eigentlich per Gesetz primär dazu verpflichtet – verkommen liessen und das als «Quotenkiller» gilt. Bei KenFM aber ist es ein Hit: stundenlange Gespräche mit Ökonomen, Soziologen oder Theologen kommen in kürzester Zeit auf sechststellige Zuschauerzahlen.

Nachdem Ken Jebsen dann als Privatmann auf verschiedenen Friedensdemonstrationen («Montagsmahnwachen») gesprochen hatte, wurde er von einigen Medien und in einer merkwürdigen Studie der gewerkschaftsnahen «Otto-Brenner-Stiftung» zum Anführer einer «Querfront» stilisiert, in der Linksextreme und Rechtsextreme eine Koalition bilden würden. Zur Last gelegt wurde ihm hier, dass er mit dem Herausgeber des «Compact»- Magazins Jürgen Elsässer verbunden sei. Als jedoch «Compact» begann, eine deutsch-nationale Familienpolitik zu propagieren und rassistischen «Witzbolden» wie Akif Pirinçci Raum gab, zogen Jebsen und etliche andere ehemalige Autoren mit einem offenen Brief die Reissleine.

Und doch ist Ken Jebsen in linken und linksliberalen Kreisen nach wie vor schlecht beleumundet – «er ist eben an der rechten Flanke offen», wie es eine Kollegin ausdrückte. Wer das Programm-Archiv auf KenFM.de durchforstet, findet nichts, um solche Vorwürfe zu erhärten, sondern ein aufklärerisches, linkes Programm. Denn Ken Jebsen ist nicht «rechts», sondern echt: als Kriegsgegner und Anti-Militarist, als Vertreter sozialer Gerechtigkeit und scharfer Kritiker des neoliberalen «Jeder gegen jeden». Mit 545 Folgen «RückblickKEN» hält er den ARD-Rekord im Warnen vor Faschismus und Holocaust. Dass er rausflog, weil ein als Denunziant berüchtigter Journalist der rechten Springer-Presse, Henryk M. Broder, ihn als «Holocaustleugner» diffamierte, ist insofern ein Treppenwitz. Und ein weiterer Beleg für den desolaten Zustand der etablierten Medien, die mit dem ideologischen Holzhammer «Lügenpresse» sehr unzutreffend beschrieben ist, mit «Lückenpresse» aber sehr viel genauer.

Diese Lücken sind der eigentliche Grund für den Erfolg von KenFM, wo Ken Jebsen jetzt einfach nur das macht, was ihm die öffentlich-rechtlichen Sender verwehrten: die Lücken im Programm zu füllen.
Im Sommer 2016 habe ich den rasenden Reporter und schnellsprechenden Moderator mit übervollem Terminkalender für drei Tage in einem Hotel an der Elbe eingesperrt und verhört: über sein Leben, seine Arbeit, den Erfolg von KenFM und darüber, wie unabhängiger Journalismus im Netz funktionieren kann. Daraus wurde ein Buch, das jetzt erschienen ist.    



Mathias Bröckers: Der Fall Ken Jebsen oder Wie Journalismus im Netz seine Unabhängigkeit zurückgewinnen kann. Westend/Fifty-Fifty, 256 S., CHF 26.90/ € 18.–
www.kenfm.de
27. März 2017
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