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Die Zirkuskinder von al-Fara'a

Spielen statt kämpfen. Doch das Ziel bleibt dasselbe.


Von: Klaus Petrus (Text und Bild)


Früher oder später kommt sie immer, die Sache mit dem Sack über dem Kopf. In der Geschichte von Nayef Abdallah steht sie ganz am Anfang. Wir sind in Al-Fara’a nordöstlich von Nablus im Westjordanland und stehen im Innenhof eines ehemaligen Internierungslagers. Von 1982 bis Mitte der 1990er Jahre hat hier die israelische Armee palästinensische Zivilisten inhaftiert, verhört und – gefoltert. «Auf solchen Steinblöcken, kaum mehr als 60 auf 60 Zentimeter, mussten sie zu viert sitzen, die Beine angewinkelt, stundenlang, mit einem schwarzen Sack über dem Kopf, der zuvor in Gülle getunkt oder mit Erbrochenem beschmiert wurde.» Nayef erzählt von seinen Cousins und einem Onkel, sie alle waren in diesem Gefängnis, einige von ihnen während Jahren. Und von seiner Mutter, die man eines Morgens aus dem Flüchtlingslager über der Strasse hierherbrachte und erst nach drei Monaten wieder frei liess. Darüber geredet hat sie nie, sagt Nayef.

Wir verlassen den Trakt, gehen ein paar Schritte um die Ecke und kommen in eine grosse Turnhalle. An einer Wand hängt die palästinensische Fahne. «Genau hier standen die Zellen. Eine neben der anderen. Und heute bringen wir den Zirkus nach Al-Fara’a.» Nayef stupst mich an und lacht. «Siehst du, es tut sich doch etwas in unserem Land.» Noch viele Male werde ich an diesen Satz denken.

 

 

Es geht um mehr als nur ums Jonglieren

Einige Wochen davor. Ich fahre nach Bir Zeit, in eine Stadt in den Hügeln nördlich von Ramallah mit zwei Moscheen, drei Kirchen, einem Nationalmuseum – und seit ein paar Jahren auch mit einem Zirkuszelt. Es gehört Shadi Zmorrod und seiner belgischen Ehefrau Jessika Devlieghere. Gemeinsam gründeten sie im August 2006 die einzige Zirkusschule im Land, die Palestinian Circus School. «Wir starteten bei Null», erzählt Shadi. «Eine Kiste mit Diavolos, ein paar Bälle, das war alles. Aber wir hatten eine Vision. Und Leute, die unbedingt mitmachen wollten.» Einige von ihnen sind heute selber Trainer, so auch Nayef Abdallah. Shadi traf ihn 2008 in Ramallah, wo er in einer Bar arbeitete. Von dessen Idee, eine Zirkusschule aufzubauen, war der damals 24-jährige Nayef auf Anhieb begeistert. «Ich wollte etwas aus mir machen, und ich wusste: Die Zirkusschule ist der richtige Ort dafür, hier kann ich viel lernen und hier kann ich etwas für mein Land tun.»

Etwas für Palästina tun. Damit dieser Traum vom eigenen Staat endlich wahr werde. Das sagt Nayef immer wieder. «Natürlich trainieren wir hart und sind stolz auf unsere Auftritte, aber es geht um mehr: Wir wollen den palästinensischen Jugendlichen wieder Hoffnung geben, wir wollen sie stark und unabhängig machen.» Nayef redet über die endlose Gewaltspirale in seinem Land; er klagt über die Ausweglosigkeit und die verlorene Kindheit der Jugendlichen, die auf die Strasse gehen und Steine oder Molotowcocktails gegen israelische Soldaten werfen. Und dann im Gefängnis landen. Besonders betroffen seien die Jungen aus den Flüchtlingslagern, die oft unter prekären Bedingungen aufwachsen und schon früh mit der Gewalt konfrontiert werden. «Deshalb war für mich klar: Wollen wir mit unserem Zirkus etwas verändern, müssen wir zu den Kids in die Flüchtlingslager.»

 

«Ich wollte etwas aus mir machen, und ich wusste: die Zirkusschule ist der richtige Ort dafür, hier kann ich etwas für mein Land tun.» Nayef Abdallah, 32, ist heute Cheftrainer der einzigen Zirkusschule Palästinas.

70 Kinder aus dem Flüchtlingslager Al-Fara’a nehmen am wöchentlichen Training der Zirkusschule teil. Fünf davon sind Mädchen.

Überreste des Internierungslagers Al-Fara’a: Von 1982 bis Mitte der 1990er Jahre hat hier die israelische Armee palästinensische Zivilisten inhaftiert, verhört und gefoltert.

 

Spielen, um einander zu vertrauen

Eines dieser Flüchtlingslager ist Al-Fara’a bei Nablus, wo auf engem Raum über 8'000 Menschen leben. Dass Nayef gerade hier einmal die Woche ein Training leitet, ist kein Zufall. Er stammt selbst aus Al-Fara’a. «Unsere Familie war sehr arm, wie alle hier. Wir mussten als Kinder früh aufstehen und Holz sammeln, da wir kein Geld fürs Gas hatten. Dann bis Nachmittag in die Schule, danach etwas essen und raus auf die Strasse, wo wir stundenlang Nüsse oder Kaugummis verkauften. Zeit zum Spielen blieb da kaum. Und wir haben uns oft gestritten. Der Druck in den Flüchtlingslagern ist gross, es staut sich viel Frust und negative Energie an.»

Und genau diese Energie will Nayef nun in seinen Trainings nutzen und ins Positive drehen. Wir stehen in der grossen Turnhalle gegenüber dem Flüchtlingslager, und es ist die Ruhe vor dem Sturm. In wenigen Minuten werden hier siebzig Kinder – davon fünf Mädchen – kreischend herumrennen, Rumpfbeugen machen, wie wild auf den Boden stampfen, sich hinwerfen und wieder aufstehen, auf einem Bein hüpfen und dabei in die Hände klatschen. Länger als eine Stunde geht das so, dann sind sie alle erschöpft und das eigentliche Training kann beginnen. «Wenn die Luft draussen ist, hat es Platz für Neues», sagt Nayef und teilt die Kinder in Gruppen ein. Die einen schlagen das Rad oder üben sich in der Hechtrolle, andere wirbeln mit Diavolos, hantieren mit Jongliertellern und Bällen oder steigen einander auf die Schultern und bauen einen Menschenturm. Wo zuvor noch Hektik war, herrschen jetzt Ruhe und Konzentration.

Der Ball fällt zu Boden, Murad bückt sich und versucht es wieder und wieder. Und wieder. «Mit den Tellern ist es einfacher als mit Bällen. Und wenn ich es dann mit den Bällen kann, kommen die Keulen.» Der Zehnjährige will Jongleur werden, und zwar der beste im ganzen Land. Das möchte auch Laith, der ein Jahr jünger ist, und wohl auch Mohammad und Ahmad. Konkurrenz sei wichtig, sagt Nayef, gegenseitige Hilfe müsse aber die Basis sein. Viele der Kinder wüssten gar nicht, wie mit ihren Emotionen umgehen. Bei Konflikten würden sie einander anschreien, sich prügeln oder einfach weglaufen. Deswegen sei das Lernen im Spiel so wichtig. «Die Kinder wissen: Sie kommen nur weiter, wenn sie voneinander lernen. Dafür müssen sie sich die Hand reichen, einander zuhören, sich stützen.» Nayef meint das ganz wörtlich. Und ist fest davon überzeugt, dass der Zirkus den palästinensischen Jugendlichen das geben kann, was sie nie hatten oder was ihnen verloren ging: das Vertrauen in sich selbst und in die anderen.

 

Murad (rechts) ist zehn und will Jongleur werden. Und zwar der beste im ganzen Land.

Die Zirkusschule hat ihren Sitz mitsamt Zelt in Bir Zeit bei Ramallah. Fast 200 Jugendliche zwischen 9 und 25 Jahren werden hier jedes Jahr trainiert. 

«Es geht nicht nur ums Jonglieren, es geht um mehr: Wir wollen den palästinensischen Jugendlichen wieder Hoffnung geben, wir wollen sie stark und unabhängig machen.» Junger Artist unter dem Zirkuszelt in Bir Zeit bei Ramallah.

 

Ohne Gewalt der Besatzung trotzen

Es ist später Nachmittag, die Kinder sind zurück im Camp. Wir warten auf ein Sammeltaxi, wollen in den Süden nach Bir Zeit. Und reden, einmal mehr, über die Zukunft des Landes. «Wir müssen andere Wege finden, um der israelischen Besatzung zu trotzen, mit Gewalt geht das nicht.» Dass es, irgendwann einmal, eine Lösung geben wird, davon ist Nayef überzeugt. Das sagte schon sein Grossvater zu seinem Vater, und das werde auch er, Nayef Abdallah, seinen Kindern sagen. Um weiterzumachen, müsse man manchmal an das schier Unmögliche glauben. «Wir vom Zirkus haben eine gemeinsame Vision, über die wir oft reden. Sie geht so: Stell dir vor, unsere Kids werfen keine Steine mehr, sondern stellen sich mit ihren Jongliertellern, Bällen und Diavolos bei den Checkpoints vor die israelischen Soldaten und fangen an zu spielen. Was würden die wohl tun?»

Ich schaue nach links auf das Flüchtlingslager Al-Fara’a, drehe mich um und sehe inmitten der kargen, leeren Landschaft diese grosse Turnhalle mit den Überresten des Gefängnisses, in das Freunde und Verwandte von Nayef eingesperrt wurden. Und auch seine Mutter. Dazwischen liegt eine Strasse, mehr nicht. Ein paar Schritte, und doch ein langer Weg.        

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Palestinian Circus School

«Wir gehören keiner politischen Partei an, auch keiner Religion. Wir machen Zirkus für die Jugendlichen, wir gehen in die Flüchtlingslager, arbeiten mit Behinderten, das ist unsere Arbeit», sagt Shadi Zmorrod, Gründer der Palestinian Circus School. Finanzielle Unterstützung seitens der palästinensischen Regierung erhält die Zirkusschule bisher nicht –trotz der positiven Resonanz, die sie infolge ihrer Verdienste und zahlreicher Auftritte im In- und Ausland geniesst. Derzeit besuchen pro Jahr an die 200 Kinder die Zirkusschule. Um ihre Arbeit fortzusetzen, ist sie auf Spendengeldern angewiesen. Mehr Informationen finden sich hier: www.palcircus.ps/en

 

Montag, 26. September 2016

 


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