Ein Fahrschein nach so weit wie möglich

Wer die Autorin nicht kennt, möchte das Buch nach dem Prolog gleich wieder zur Seite legen. Die Geschichte beginnt einfach zu hart, nämlich auf dem kalten Boden einer Berner Bahnhofstoilette, wo Nadine Hudson, an Bulimie erkrankt, ins Koma fällt. Als sie wieder aufwacht, will sie nur noch weg. Sie kauft sich ein Ticket nach Bangkok, erlebt ein paar Stunden die Sicherheit eines buddhistischen Klosters und taumelt schon in ein nächstes Abenteuer, wie man es einer jungen Frau nun wirklich nicht wünscht. Kein Wunder, will sie «einen Fahrschein nach so weit wie möglich.» Und in diesem Rhythmus geht es weiter.


Während zwanzig Jahren ist Nadine Hudson mehr oder weniger ständig auf allen fünf Kontinenten unterwegs, zuerst auf der Flucht vor sich, dann auf dem Weg zu sich selbst. Eine deutliche Wendung zum Erfreulichen nimmt ihre spannende Geschichte in Kochi in Kerala/Indien. Dort lernt sie den Engländer Michael kennen, den es wegen eines falschen Bustickets dahin verschlagen hatte. Drei Stunden, nachdem sie sich kennengelernt hatten, stellt er ihr einen Heiratsantrag, den sie annimmt. Unterbrochen von Aufenthalten in der Schweiz und in England geht die Reise weiter, später mit zwei kleinen Jungs, mittlerweile bald erwachsen. Unter anderem leiten sie während fast zwei Jahren ein kleines Hotel in der chinesischen Pampa.
Seit ein paar Jahren lebt die Familie nun in Steinen/SZ. Die 46-jährige Nadine Hudson studiert an der Pädagogischen Hochschule Goldau, erzielt nebenbei noch ein Einkommen als Web-Publisherin, sie ist aktiv in der Betreuung von Flüchtlingen, sie bloggt über die erfreulichen Dinge im Leben (gfreut.ch), betreut die Facebook-Seite des Zeitpunkt und hat vor Kurzem ihr drittes Buch fertiggeschrieben: «wegwünschen», ihre eigene Geschichte. Sie liest sich wie die Geschichte eines Schmetterlings, der von Blüte zu Blüte flattert, oft übergossen, manchmal sogar eingesperrt wird, aber in seiner Leichtigkeit immer mit einer lehrreichen und oft schönen Erfahrung davonkommt.         


Nadine Hudson: wegwünschen. 468 S., geb. CHF 29.90. Bezug: www.wegwuenschen.ch
16. März 2017
von:

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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