Ein krasser Fall: der Zins und die Kirche

Eine bedeutende Organisation, die zu einem zentralen Thema A sagt, aber sich standhaft weigert, B zu tun, ist die Kirche. Das Zinsverbot der Bibel gilt, aber sowohl die katholische, als auch die evangelische Kirche haben keine Hemmungen, ihr Geld zinsbringend anzulegen und damit von der weltweiten Umverteilung von arm zu reich zu profitieren. Und nicht nur das: Sie weigern sich sogar, ihre Gelder bei weniger profitorientierten Banken zu deponieren. Davon kann der 52 Jahre alte Maschinen-Ingenieur und Entwicklungsaktivist Alec Gagneux ein Liedchen singen. Seit Jahren versucht er mit Vorstössen, Aktionen und Anträgen an Kirchgemeindeversammlungen dem Zinsverbot Nachachtung zu verschaffen – ohne Erfolg.


«Wir sind uns der Mittäterschaft bewusst»

Der Kontrast zwischen Wort und Tat ist krass. Niklaus Peter, Pfarrer am Zürcher Fraumünster bezeichnete in seiner letzten Bettagspredigt den Mammonismus als «stärkste Form des Götzendienstes» und beklagte «das blinde Vertrauen in das Geld als jener Macht, die uns gutes Leben, Sicherheit, Erfolg und Status verleihen könne, einer Macht, in der sich all unsere Wünsche verdichten und geradezu religiöse Kraft bekommen können». Warum lese man nie von «kriminellen» Gewinnen?»
Wenn es aber darum geht, den Tanz um das goldene Kalb wenigstens in der Kirche zu unterbinden, den Verkaufsstand mitten im Kirchenraum aufzuheben oder die Pensionskassengelder anders anzulegen, lehnt Niklaus Peter das Gespräch mit Alec Gagneux ab.
Ganz ähnlich Gina Schibler, Pfarrerin in Erlenbach, die in der Zeitung der reformierten Landeskirche schrieb: «Die biblische Skepsis gegen Verschuldung könnte unseren Blick dafür schärfen, welch erheblicher Zinsanteil in den Preisen unserer Güter steckt. … Könnte es hilfreich sein, sich der Ansätze der drei monotheistischen Religionen zu erinnern und daraus Impulse für die Suche nach gerechten Ordnungen für die Gegenwart zu gewinnen?»
Ja, es könnte sicher hilfreich sein, aber dazu müsste man selber hilfreich werden und konkrete Schritte einleiten.
Rechtsgrundlagen hätte auch die reformierte Kirche, z.B. im «Accra-Dokument, das der reformierte Weltbund 2004 verabschiedet hat und in dem sich u.a. dieser schöne Satz findet:
«Wir sind uns der Mittäterschaft und Mitschuld derer bewusst, die, gewollt oder ungewollt, aus dem gegenwärtigen neoliberalen Weltwirtschaftssystem Gewinn ziehen; wir erkennen, dass dies sowohl auf Kirchen wie auf Mitglieder unserer eigenen reformierten Familie zutrifft, und wir rufen deshalb zum Bekennen unserer Sünde auf.»


Tempelreinigung der neuen Zeit
Anstatt nur Anträge zu stellen, zu schreiben und zu diskutieren, hat Alec Gagneux eine neue Aktionsform entwickelt, die «Tempelreinigung». Sie geht auf die biblische Episode zurück, nach der Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem vertrieb. Bei einer Tempelreinigung der neuen Art steht ein Banker während des Gottesdienst auf und fordert im Mittelgang schweigend, aber hartnäckig von einem Bettler seinen Tribut. Dann erscheint Jesus und vertreibt den Banker in langsamen Bewegungen aus der Kirche. Unterwegs verliert der Banker sein Geld, über das die Kirchgänger am Ende des Gottesdienstes schreiten müssen. Eine mutige, eindrückliche Aktion, die von den Kirchenverantwortlichen kontrovers aufgenommen wird. Der Pfarrer am Fraumünster in Zürich reagierte empört auf die bliblische Störung des Gottesdienstes, «wie die Pharisäer damals auch», meint Alec Gagneux. Jürg Welter, Pfarrer am Berner Münster dagegen schrieb: «Die Osteraktion ihrer Gruppe war für mich notwendig und anregend. Sie legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Kircheseins. Botschaft und Tun klaffen oft schmerzlich auseinander. Wir brauchen m.E. auch eine neue Spiritualität, die uns ermutigt und befähigt, unser persönliches Leben einzuschränken und bewusst auf Möglichkeiten, die uns diese Gesellschaft aufdrängt, zu verzichten. Sie zeigen ja einen ganzen Katalog von möglichen Massnahmen auf institutioneller Ebene an. Da gibt es in den Leitungsgremien zu tun und zu kämpfen.»

Kämpfen – ja, aber humorvoll und kreativ, das will Alec Gagneux auch weiterhin. Wer mithelfen will, ist herzlich willkommen. Ein bisschen Mut und Gelassenheit muss man allerdings mitbringen.         

Kontakt: Alec Gagneux, Albulagasse 7, 5200 Brugg,
Tel. 056 441 45 75. www.fairch.com.

Anlässlich des WEF, am 28. Januar 2012, führt Alec Gagneux bereits zum zehnten Mal eine «Prozession» zum «Denk-mal für alle» in Davos durch. Thema des Fackelspaziergangs mit anschliessenden kurzen Ansprachen, musikalischen Darbietungen und einem gemeinsamen Teilen mitgebrachter Lebensmittel ist «Geld macht arm».
Details: www.zeitpunkt.ch/news/artikel-einzelansicht/artikel/davos-das-treffen-der-anderen-weltverbesserer.html
22. Januar 2012
von:

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

032 621 81 11
christoph.pfluger@zeitpunkt.ch