Familienkredit: mehr Zeit für Kinder – mehr Schulden
Eltern haben zu wenig Zeit für ihre Kinder – dies belegen repräsentative Umfragen. Deshalb sollen Eltern zinsgünstige Kredite erhalten, um sich mehr Zeit für ihre Familie leisten zu können, fordert die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Was auf den ersten Blick familienfreundlich klingt, bezeichnet Thomas Gesterkamp, Autor mehrerer familienpolitischer Bücher, in der Zeitschrift «Publik Forum» als verlorenen Realitätssinn. Das Konzept ist von einer Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung entwickelt werden. Gemäss von der Leyens Vorschlag sollen Eltern den Lohnausfall aus der verringerten Arbeitszeit mit dem geliehenen Geld kompensieren.
Doch bei einer Kreditaufnahme steigt nicht nur das Familienbudget, sondern langfristig auch die Geldschuld. Zeit gewinnt man nur kurzfristig, denn der Zins wirkt wie ein Zeitdieb – jetzt ein wenig gewinnen, später viel verlieren. Um die Rückzahlung zu ermöglichen, schlägt von der Leyen ein im Lebenslauf flexibles Arbeitspensum vor: Wenn die Kinder erwachsen sind, könnten die Eltern wieder länger arbeiten. In diesem Punkt gehe das Konzept von einer fragwürdigen Annahme aus, kritisiert Gesterkamp. «Zugrunde liegt eine realitätsfremde Vorstellung von Erwerbsarbeit, die höchstens in Zeiten des Wirtschaftswunders die Regel war: Vollzeitstelle ohne Unterbrechung bis zur Rente.» Heutzutage haben jedoch viele Arbeitnehmer keine Jobsicherheit, was eine flexible Arbeitszeit bedeutend erschwert: Die Leute müssen dann arbeiten, wenn sie eine Stelle haben, nicht wenn es in ihren Lebensentwurf passt. Zum Abbau von Kreditschulden reicht es nicht. «So werden viele Eltern davor zurückschrecken, sich Kredite aufzubürden.»
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