Gerechtigkeit vor Effizienz
Der emeritierte HSG-Professor Peter Ulrich will die Marktwirtschaft zivilisieren und wieder in den Dienst der Gesellschaft stellen. Ein Gespräch über die angeblich wertfreie Ideologie des Neoliberalismus, die Parteilichkeit des Marktes und den Egoismus der Besitzenden.
WOZ: Herr Ulrich, wir befinden uns im vierten Jahr einer Wirtschaftskrise, es herrscht grosse Orientierungslosigkeit. Ist die Krise auch eine Krise des Denkens?
Peter Ulrich: Gewiss! Alle sagen, es müsse anders werden, doch niemand sagt, wie. Wir stecken im Nebel. Viele sind noch blockiert im alten ideologischen Streit «mehr Staat» versus «mehr Markt». Aber darum geht es gar nicht: Eine hochentwickelte Volkswirtschaft braucht eine intelligente Verbindung von Marktanreizen und rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen – das ist trivial. Unser wirkliches Problem liegt woanders, nämlich im durcheinandergeratenen Verhältnis zwischen Marktwirtschaft und Bürgergesellschaft: Wie können wir die Gesellschaft so intelligent organisieren, dass das marktwirtschaftliche System dem guten Leben aller Bürgerinnen und Bürger dient? Im Moment ist es ja eher so, dass die Gesellschaft den Sachzwängen eines allzu eigendynamischen Wirtschaftssystems unterworfen ist.
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