Kandidaten auf dem Geld-Grill

Was verstehen Nationalratskandidaten von der wichtigsten gesellschaftlichen Einrichtung, dem Geld? Dies wollte der Verein Gelddebatten wissen und lud die wichtigsten Parteien des Kantons Zürich zu einer öffentlichen Prüfung vor Publikum ein.

Gewonnen hat der Landwirt Hans Egli von der EDU, der sich mit dem Buch «Geld aus dem Nichts» von Mathias Binswanger vorbereitet hatte. Die Jury mit Prof. Mathias Binswanger, dem Volkswirtschafter Reinhold Harringer und dem UBS-Historiker Robert Urs Vogler war grosszügig: Sieben der neun Kandidaten erhielten eine Urkunde mit Wahlempfehlung.

Wahlveranstaltungen sind weder lustig noch interessant – die Kandidaten wiederholen ihre Parolen, es wird Plastik verteilt und wenn’s gut kommt, gibt es noch eine Bratwurst. Das wollte der Verein Gelddebatten, eine vom Zeitpunkt mitgegründete Initiative, besser machen. Denn gerade bei diesem entscheidenden Thema herrscht bedenkliches Halbwissen, auch unter Politikern.
Die Spielregeln des Anlasses vom 26. September in Miller’s Theater in Zürich waren einfach: Die Kandidaten erschienen einzeln auf der Bühne und beantworteten die Fragen, die ihnen fünf Minuten zuvor überreicht worden waren. Dann stellte die Jury ein paar Fragen und verteilte die Punkte. Im zweiten Teil stellten sich die Kandidaten den Fragen des Publikums, das aufgrund der Antworten den Publikumspreis verlieh.

Das waren die Fragen:

1. Erklären Sie die juristischen und ökonomischen Unterschiede zwischen Bargeld und Giralgeld.
Ungefähr richtige Antwort: Bargeld wird von der Nationalbank in Umlauf gebracht und stellt einen Anspruch auf einen entsprechenden Anteil der volkswirtschaftlichen Produktion dar. Giralgeld wird von den Banken geschöpft und ist eine Forderung an die Bank, auf Verlangen Bargeld in entsprechender Höhe auszuzahlen.

2. Was ist der gesetzliche Auftrag der FINMA?
Die richtige Antwort: Art. 5 des FINMA-Gesetzes «Die Finanzmarktaufsicht bezweckt … den Schutz der Gläubigerinnen und Gläubiger, der Anlegerinnen und Anleger, der Versicherten sowie den Schutz der Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte.» Interessant und relevant ist die Reihenfolge.

3. Wer ist für die Stabilität des globalen Finanzsystems zuständig? Weltbank, UNO, IWF, OECD, G20, FSB, BIZ, WTO?
Ungefähr richtige Antwort: Das Financial Stability Board. Diese relativ formlose Körperschaft ohne völkerrechtliche Basis wurde 2009 im Auftrag der G20 gebildet. Das Sekretariat wird am Sitz des BIZ geführt.

Schätzfrage: Wie ist das ungefähre Verhältnis zwischen globalen Geldschulden und globaler Geldmenge? 1:5 (Geldmenge 5 x grösser als Schuldenmenge), 1:2, 1:1, 3:1?
Ungefähr richtige Antwort: Die globalen Geldschulden betragen gemäss McKinsey 199 Bio. Dollar. Die aktuelle globale Geldmenge wird offiziell nicht erhoben. 2010 betrug sie rund 55 Bio. Dollar (Mike Hewitt, DollarDaze.com). Heute dürfte sie bei rund 65 Bio. Dollar liegen. Die Geldschulden liegen folglich rund dreimal höher als die Geldmenge.

Mehrheitlich richtige Antworten gab es nur bei der Schätzfrage. Erstaunlich, dass die meisten Politiker wissen, dass die Menge der Schulden dreimal so hoch ist wie die Geldmenge und dabei ganz gelassen bleiben. Was sind Schulden, wenn das Geld gar nicht da ist, sie zu decken? Und was ist ein Geld wert, das mehrheitlich aus Schulden besteht, die nicht bezahlt werden können. Pech hatte Judith Bellaiche, die als erste ins Rennen musste und von der Jury trotz guter Antworten strenger bewertet wurde.

Dank entgegenkommender Bewertung durch die Jury erhielten folgende sieben Kandidaten ein Zertifikat mit Wahlempfehlung und der Bestätigung «hat die öffentliche Prüfung seines/ihres Fachwissens über die Funktionsweise des Geldsystems bestanden und ist in der Lage, eine sachliche, parolenfreie politische Debatte zu führen».
Jacqueline Badran/SP
Judith Bellaiche/GLP
Markus Bischoff/AL (mit Publikumspreis)
Hans Egli/EDU (mit Bestnote der Jury)
Bastien Girod/Grüne
Stefan Hunger/BDP
Philipp Kutter/CVP
und Peter Vollenweider/FDP
Kein Zertifikat erhielten Nik Gugger/EVP und Wolfram Kuoni/SVP.

Der Besuch am Samstagnachmittag war mit 50 Personen eher schwach. Die Kandidaten, denen sonst wenig Auftrittsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, äusserten sich dafür sehr positiv zu diesem neuen Diskussionskonzept. Leider reichten die Mittel nur für eine einmalige Durchführung, Verbesserungsmöglichkeiten können erst auf die nächsten Wahlen realisiert werden. Aber das Format, Sachwissen von Kandidaten jenseits von Parolen abzuklopfen, verdient eine Fortsetzung.   

Thema der nächsten Gelddebatte: Weltmacht IWF
Ernst Wolff: Raubzug der Retter – wie der IWF Staaten ausnimmt und Krisen verschärft

Mit einer Replik von Paul Inderbinen – Leiter Schweizer Staatsekretariat für internationale Finanzfragen SIF


„Der IWF erpresst Staaten. Er plündert Kontinente. Er hat Generationen von Menschen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft genommen und ist dabei zur mächtigsten Finanzorganisation der Welt aufgestiegen. Sein Wirken gleicht einem Kreuzzug gegen die arbeitende Bevölkerung auf fünf Kontinenten.“ So der Journalist und Buchautor, Ernst Wolff.

Ernst Wolff warnt dafür, diese schwierigen Zeiten und ihre grossen Gefahren nicht ernst zu nehmen. Gleichzeitig ist er der Überzeugung, dass wir „nie dagewesene Möglichkeiten haben, die Welt nachhaltig zum Besseren zu verändern.“

Nach dem Inputreferat von Ernst Wolff nimmt Paul Inderbinen kritisch Stellung. In der anschliessenden Plenumsdebatte werden die Erkenntnisse vertieft.

Moderation: Thomas Gröbly – Dozent, Ethiker und Buchautor

Eintritt Kategorie C = CHF 25.00

www.gelddebatten.ch


Lockere Stimmung trotz schwieriger Prüfung: Politiker auf dem Kandidaten-Grill des Vereins Gelddebatten.

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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