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Krieg der Götter

Wie entstanden die Figuren von Star Wars, dem erfolgreichsten Kinoprojekt der Filmgeschichte. Seit vierzig Jahren zieht das Epos in Form von Filmen, Comics, Games die Menschen in seinen Bann. Sogar als Religion machte «Jediismus» von sich reden und ist in einigen Ländern gar offiziell als solche registriert. Worauf beruht diese beispiellose Faszination?


Von: Ingo Hoppe


Wer das Erfolgsgeheimnis der schiessfreudigen Weltraum-Saga entschlüsseln will, müsse sich ebenso wie ihr Schöpfer George Lucas ausgiebig mit Mythologie befassen, sagen Experten. Denn Einfluss auf sein Filmschaffen hatte nach einhelliger Meinung vor allem Joseph Campbell, der als bedeutendster Mythenforscher des 20. Jahrhunderts gilt. Weniger bekannt ist, dass auch Rudolf Steiners Anthroposophie grossen Einfluss auf Lucas’ Filmschaffen hatte, wahrscheinlich einen bedeutend grösseren. Seit längerem kursieren Hinweise, Lucas habe sich insgeheim von Steiner inspirieren lassen. Nun geben neue Enthüllungen von unerwarteter Seite dem Verdacht neue Nahrung.   

 

Anthroposophie in Star Wars?

Es ist kein Geheimnis, dass Lucas seine Kinder auf die Waldorfschule schickte und sich aktiv engagierte, unter anderem als grosszügiger Gönner des Waldorflehrerseminars in Sacramento (USA). Auch wird von zuverlässiger Quelle bezeugt, dass er sich intensiv mit Steiners Schriften befasste. Er wirkte im sogenannten «Raphael-Kreis» mit, wo er sich laut Bericht einer Teilnehmerin lebhaft an der Diskussion anthroposophischer Themen beteiligte.1 Erstaunlich sind neuere Enthüllungen des US-amerikanischen Professors für Waldorfpädagogik Douglas Gabriel. Er behauptet in einer schriftlichen Erklärung, selbst am Drehbuch der ersten Star-Wars-Filme mitgewirkt zu haben. Und zwar im Rahmen eines dreitägigen Thinktanks auf Einladung von niemand geringerem als Marcia Lucas, der damaligen Frau von George Lucas. Sie spielte eine bislang unterschätzte Rolle bei der Produktion der ersten Star-Wars-Filme, wie neue biographische Studien belegen. Der bekannte Anthroposoph Werner Glass hatte den Thinktank arrangiert und mit den Worten eingeleitet: «Marcia ist vertraut mit der Anthroposophie und der Arbeit Rudolf Steiners und braucht unsere Hilfe für die Gestaltung des Drehbuchs […]»2. Und sie ergänzte: Das Kino solle dazu benutzt werden, «dem Publikum wichtige Botschaften zu vermitteln und eine spirituelle Geschichte zu erzählen, die eine gute Grundlage in der Wahrheit hat»3. Und damit meinte sie nicht Campbells Theorien, sondern Steiners Anthroposophie.

 

Der Mythos unserer Zeit

Einige Philosophen halten Star Wars für den «Mythos unserer Zeit»4. In Form moderner mythologischer Bilder werde hier das Drama der Gegenwart auf die Leinwand projiziert. Es handelt sich demzufolge nicht um das blosse Wiederkäuen antiker Mythen aus der Sammelkiste Campbells, sondern um die Schöpfung eines neuen Mythos. Das passt insofern zur Anthroposophie, als auch sie – sehr vereinfacht – als eine Art «neuer Mythos» aufgefasst werden kann (allerdings mit wissenschaftlichem Anspruch, was freilich nicht unumstritten ist). Denn auch sie beschreibt das äussere Geschehen als Ausdruck des Wirkens geistiger Wesen. Wie in antiken Mythen versteht auch sie Planetennamen wie Jupiter, Venus oder Saturn zugleich als Namen von Göttern. Krieg der Sterne (Star Wars) bedeutet demnach in etwa dasselbe wie Krieg der Götter. Götter kämpfen gegeneinander, nicht die Sterne als solche, die lediglich deren Wohnstätten sind. In Star Wars sind es übermenschliche Fantasy-Wesen wie Jabba the Hutt auf dem heissen Wüstenplaneten «Tatooine» oder dessen Gegenpol Darth Vader auf dem kalten Maschinenplaneten «Todesstern». «Darth Vader ist ein Wesen, das wir in der Anthroposophie‚ Ahriman‘ nennen»5, erklärt Gabriel. Die Parallelen sind tatsächlich frappierend. Entsprechend kann Jabba mit dem «Luzifer» der Anthroposophie identifiziert werden, der das exakte Gegenteil Ahrimans darstellt.6

 

Die zwei Gesichter der Versuchung

Die Polarität des Bösen, repräsentiert durch Jabba und Vader, stimmt bis in viele Einzelheiten mit Steiners Lehre über die polaren Wesen Luzifer und Ahriman überein. Jabba ist weich, aufgedunsen, fett. Vader hingegen hart und sklerotisch. Jabba geniesst die sinnlichen Freuden des Lebens und lacht auch gerne mal schallend. Er haust in einer schmutzigen Lasterhöhle, dessen Boden nächtliche Schnapsleichen zieren. Leider gehört auch Grausamkeit zu seinen «Vergnügungen». Der Kontrollfreak Vader hingegen versteht keinen Spass. Pedantisch und freudlos beherrscht er einen blitzblanken Maschinenplaneten, an dem allenfalls ein Hygieneverein Vergnügen finden könnte.

 

Schwert und Mönchskutte

Zentrales Bemühen des Helden angesichts der Polarität des Bösen ist das fortwährende Ringen um das Gleichgewicht zwischen Luzifer und Ahriman. In den ersten Star-Wars-Filmen ist es vor allem der angehende Jedi-Ritter Luke Skywalker, der dieses Ringen repräsentiert. Er ist weder kalt und berechnend wie Vader, noch genusssüchtig wie Jabba. Das hier zum Ausdruck kommende mittlere Prinzip nannte Steiner den «Menschheitsrepräsentanten» bzw. «Christus». An ihm zeige sich die harmonische Ausgeglichenheit zwischen den Extremen. Als Sonnenheld muss er beide Einseitigkeiten in sich selbst besiegen und miteinander versöhnen. Im Film kommt dies dadurch zum Ausdruck, dass Luke sowohl Jabba wie Vader entgegentreten muss. Zwei Kämpfe, die jedoch nicht mit denselben Waffen geführt werden können: «Es gibt nur eine Macht», erklärt Steiner, «vor der sich Luzifer zurückzieht: das ist die Moralität. Das ist etwas, was den Luzifer brennt wie das furchtbarste Feuer. Und es gibt kein anderes Mittel, welches dem Ahriman entgegenwirkt, als an der Geisteswissenschaft geschulte Urteilskraft und Unterscheidungsvermögen. Denn was wir uns auf der Erde als gesunde Urteilskraft aneignen, das ist etwas, was Ahriman furchtbar flieht.»7

Star Wars bringt dieses Konzept sinnbildlich zum Ausdruck: In Jabbas Lasterhöhle erscheint Luke im Mönchsgewand, ein Symbol für Moralität. Gegen Darth Vader hingegen kämpft er mit dem Lichtschwert, ein Sinnbild für denkendes «Unterscheidungsvermögen». Wie der messerscharfe Verstand scheidet es richtige von falschen Begriffen und erleuchtet wie das «Licht der Vernunft» die Finsternis des dunklen Ahriman.  

 

 

Jedi-ritter und Michaeliten

 

Das zuversichtliche Motiv des Lichtschwerts, das durch Star Wars weltberühmt wurde, stammt nach Aussagen Gabriels ebenfalls aus der Anthroposophie. Es ist in Waldorfkreisen von jeher bekannt.8 Auch Lucas wird ihm dort begegnet sein, etwa wenn ihm seine Kinder während der Michaeli-Zeit im Herbst Schulhefte mit dem «Strahlenschwert» Ritter Georgs heimbrachten. In dem sogenannten «Jahreszeitenbuch» der Waldorfschulen trägt eine Geschichte sogar explizit den Titel «Das Lichtschwert». Die Autorinnen haben sie nach Motiven alter Michaelslegenden geschrieben. Im Puppentheater am Goetheanum in Dornach, dem Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft, wird es regelmässig aufgeführt. Es schildert, wie ein mutiger Ritter mit Hilfe eines Flammenschwerts, das ihm Erzengel Michael aushändigte, einen Drachen besiegt. In Star Wars heissen diejenigen, die mit dem Flammenschwert gegen «Darth-Ahriman» kämpfen, «Jedi-Ritter». Die Anthroposophie nennt sie «Michaeliten»,  Menschen mit einer Affinität zu selbständiger Urteilskraft. Der Kampf der Michaeliten gegen Ahriman, den Star Wars thematisiert, entspricht aus anthroposophischer Sicht ziemlich genau dem, was sich gegenwärtig in unserer Zivilisation abspielt. Materialismus, Überwachung, Gentechnik usw. sind demnach nur Facetten ein und desselben ahrimanischen Prinzips. Dem treten die Michaeliten entgegen, die das Machtsystem Ahrimans mit dem Lichtschwert des freien Denkens zurückzudrängen – sei es durch das Aufdecken industrieller Wissenschaftskriminalität, die Entlarvung von Kriegslügen oder das Kreieren alternativer Kulturformen.

 

 

 

Auf dem Weg zum Maschinenplaneten

Werden einseitige Entwicklungen zu Ende gedacht, entstehen groteske Bilder, die Wesenhaftes offenbaren. Die Hauptwaffe Darth Vaders in Star Wars ist der sogenannte «Todesstern», ein riesiger Maschinenplanet, der ganze Planeten zerstören kann – die Horrorvision jedes Umweltschützers. Nicht umsonst haben Organisationen wie Greenpeace ihn bei Aktionen gegen den Raubbau an der Natur als Symbol benutzt. Er symbolisiert die letzte Konsequenz einer Gesellschaftsentwicklung, die alles maschinisieren will. Fragt man den einzelnen Menschen, wird diese Konsequenz kaum jemand ernstlich wünschen. Erstaunlicherweise verhalten sich dennoch Milliarden von Menschen täglich so, als sei gerade dies ihr allersehnlichster Wunsch. Oder glaubt jemand, sein ständiges Rumdrücken auf dem Smartphone habe nichts mit den ätzenden Handymasten zu tun, die überall aus dem Boden schiessen?

 

Obwohl es der Einzelne nicht will, das Kollektiv strebt zielsicher in Richtung Maschinenplanet. Das wiederum provoziert die Frage: Wer oder was bewirkt dieses Verhalten in uns? Die Antwort darauf können die meisten Menschen offenbar nur in Form von Film-Mythen ertragen. Die Mehrheit der Star-Wars-Fans würde entsetzt Reissaus nehmen, wenn man ihr ungeschminkt sagte, dass «ahrimanische Wesen» in ihrem Unterbewusstsein wirken. Scheinbar hat aber genau dieser Gedanke bei der Kreation von Star Wars Pate gestanden. Marcia Lucas hatte, wie zitiert, den Entschluss gefasst, mittels Star Wars anthroposophische Botschaften zu transportieren. Eine dieser Botschaften, die auf der Leinwand deutlich wiedererkennbar ist, lautet in den Worten Steiners: Ahrimanische Wesen «stürmen ins Unbewusste des Menschen herein, in das Willensleben». Sie seien das Geschlecht unter den geistigen Wesenheiten, die dem Menschen ein besonderes Interesse für alles Mineralisch-Materielle, das Äusserlich-Maschinelle beibringen wollten.9 Sie «möchten, dass die Tierwelt verschwinde, dass die physische Menschenwelt verschwinde, die Pflanzenwelt verschwinde, dass vom Mineralreich nur die physischen Gesetze bleiben, aber namentlich, dass die Menschen von der Erde weggenommen würden; und einen neuen Saturn aus lauter Maschinen möchten sie bilden, eine neue Welt aus lauter Maschinen. So soll die Welt dann weitergehen.»10 Wer diesen Maschinenplaneten, den Steiner „neuen Saturn“ nennt, im Bildschirm visualisiert sehen möchte, kann das in den Star-Wars-Filmen IV-VI. Schon im Mittelalter galt der finstere Saturn als «Gott des Todes», was, wie wir gesehen haben, ohne weiteres als «Stern des Todes» übersetzt werden kann, sprich «Todesstern». «Das ist kein Mond, das ist eine Raumstation»11 ruft der Jedi-Ritter Obi Wan entsetzt, während sein Raumschiff von dem «magnetischen Fangstrahl»12 des Todessterns ergriffen wird (Steiner ordnet den Magnetismus Ahriman zu. Zufall?). Und es folgt die Befreiung der schönen Prinzessin Leia aus den Fangarmen des Maschinengottes. Magnetisch gebannt zittert das Kinopublikum mit den Jedi-Rittern im Lichtschwertkampf gegen Darth Vader und ist sichtlich erleichtert, wenn der Todesstern endlich zerstiebt. – In der Wirklichkeit jedoch tobt weiterhin der ungestüme High-Tech-Enthusiasmus unserer Zeit. Und dieser ist es doch wohl, den man eigentlich gemässigt sehen möchte, den Darth Vader im Leben.

 

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Fussnoten

1 Gabrielle Charren, Leserbrief Info 3 11/ 1999.

2 cosmicconvergence.org, aufgerufen am 25.07.2016.  

3 cosmicconvergence.org, aufgerufen am 25.07.2016.  

4 Philosophie Magazin, Sonderausgabe 05, Star Wars – Der Mythos unserer Zeit. November 2015 Berlin.

5 Douglas Gabriel, cosmicconvergence.org, aufgerufen am 25.07.2016.  

6 Gabriel identifiziert Luzifer mit der Star-Wars-Figur Kanzler Palpatine, was meines Erachtens ein Irrtum ist. Anfangs mag dies in Gabriels Think Tank (in dem er Steiners Lehre von der Zweiheit des Bösen thematisierte) tatsächlich der Plan gewesen sein. Später aber muss dieser Plan von Marcia und George Lucas differenziert worden sein, wahrscheinlich nachdem sie Steiners Lehre von der Dreiheit des Bösen (Luzifer, Ahriman, Asura) studiert hatten. Palpatine hat zwar tatsächlich luziferische Züge, ist aber letztlich als ein Wesen asurischer Natur zu verstehen, das sowohl luziferische als auch ahrimanische Züge in sich vereint. In der Hierarchie des Bösen steht Asura über Ahriman und Luzifer, was in Star Wars u.a. in Palpatines übergeordneter Machtposition zum Ausdruck kommt: Er ist mächtiger und böser als Darth Vader und Jabba the Hutt.  

7 Rudolf Steiner, Die Offenbarung des Karma, GA 120, S. 139.

8 Man findet es auch in der keltischen Mythologie, die in anthroposophischen Kreisen sehr geschätzt wird.

9 R. Steiner: Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwicklung (GA 203), Vortrag vom 11. März 1921, S. 259f.

10 ebd. Hervorhebung Ingo Hoppe.

11 Star Wars IV.

12 Star Wars IV.

 

 

Überarbeitet am 20.Oktober 2016.

 

Mittwoch, 28. September 2016

 


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