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Ländliches Wohnen – ohne inszenierte Idylle

Verdichtetes Bauen ist für Architekten und Städteplaner zu einer Herausforderung geworden. Landschaft und Gemeinden sollen nicht weiter zersiedelt werden. Das Beispiel der über fünfzig Jahre alten Siedlung Halen zeigt, wie verdichtetes Bauen auch zu mehr Miteinander führen kann – mittlerweile in der dritten Generation.


Von: Denise Fricker


In den 83 Wohnhäusern der Siedlung Halen leben rund 220 Menschen. Eigene Gärten und Terrassen bieten den Bewohnern viel Privatsphäre inmitten der Gemeinschaft. Foto: Croci & du Fresne

In den 83 Wohnhäusern der Siedlung Halen leben rund 220 Menschen. Eigene Gärten und Terrassen bieten den Bewohnern viel Privatsphäre inmitten der Gemeinschaft. Foto: Croci & du Fresne

Seit jeher träumen viele Schweizer von einem Einfamilienhaus mit Garten. Allerdings wurde schnell klar: Bekäme jeder sein freistehendes Haus, wäre die schöne Landschaft schnell zersiedelt. Bereits vor über sechzig Jahren erkannten Architekten dieses Problem und plädierten schon damals für kompaktes, verdichtetes Bauen: Individuelles Wohnen, aber in Gemeinschaft mit anderen. Mit der Siedlung Halen wurde dieses Konzept erstmalig konsequent durchgesetzt, das Architekturbüro «Atelier 5» schuf damit ein Meisterwerk, das auf der ganzen Welt bekannt werden sollte.

 

Die Idee entstand in den Köpfen von Hans Hostettler, Erwin Fritz, Rolf Hesterberg und Alfredo Pini, die 1954 gemeinsam im Büro von Hans Brechbühler arbeiteten. Bei Brechbühler, Vertreter des Neuen Bauens und in den 30er Jahren Mitarbeiter bei Le Corbusier, waren die vier jungen Männer nicht ausgelastet – sie hatten Zeit, Pläne zu schmieden. Und sie wollten etwas bauen. Ihr ursprüngliches Konzept war, in der Lichtung hoch über der Aare Wohnungen und Ateliers für sich selbst zu errichten. Aber der Landeigentümer wollte das Grundstück nur «im Ganzen» verkaufen, für den Eigengebrauch wäre es viel zu gross gewesen. Also musste ein neuer Plan her. Zusammen mit Samuel Gerber, einem Kollegen, der in Brasilien Erfahrungen gesammelt hatte, gründeten sie 1955 das Architekturbüro Atelier 5 und skizzierten erste Entwürfe für eine Siedlung. Kurz darauf stiessen Niklaus Morgenthaler und Fritz Thormann zu dem Team. Inspiriert hatte sie die Berner Altstadt und Le Corbusiers nicht realisierte Projekte «La Sainte-Baume» und «Roq et Rob». Gemeinsam setzten sie mit ihrem Konzept neue Massstäbe: Ihre Bauweise durchbrach die idyllische Wohnform der Schweizer, die Max Frisch als «inszenierte Idylle» in «Landstil-Tradition» kritisierte, «als möchte die ganze Schweiz ein Kindergarten sein».

 

Bei der Realisierung des Projektes gab es viele Schwierigkeiten zu überwinden. Mit den Plänen unterm Arm und einem Modell in der Hand klapperten die Architekten sämtliche Banken in der Schweiz ab – ohne Erfolg. Ihre Ideen waren zu modern für die Zeit, das Projekt drohte zu scheitern.

Schliesslich trat das damalige Zürcher Bauunternehmen Ernst Göhner AG als Finanzier auf den Plan und im Jahr 1959 konnten die Arbeiten für die Siedlung Halen beginnen. Zweieinhalb Jahre später standen 83 Wohneinheiten auf 24 720 Quadratmeter Land – und warteten auf Interessenten. Anfangs lief der Verkauf zögerlich, erst mit den Jahren fanden immer mehr Familien ein neues Zuhause in den dreigeschossigen Bauten. Die meisten fünf Meter breit – orientiert an den Lauben in Bern –, einige kleinere sind einen Meter schmaler. Fast jedes Haus hat einen Innenhof und einen kleinen Garten, umgeben von hohen Mauern.

 

«Die Architektur trägt dazu bei, dass wir so gut miteinander leben», sagt Hans Peter Luginbühl, der seit 2003 in der Siedlung lebt. Sie bietet absolute Privatheit inmitten einer Gemeinschaft. Wenn die Bewohner ihre Türen zu den Innenhöfen schliessen, ist das ein Zeichen, sie möchten nicht gestört werden. Doch die meisten Türen in «der Halen» stehen offen.

 

Unmittelbar nach der Fertigstellung kostete ein Haus durchschnittlich 110 000 Franken, bis heute ist der Preis auf zirka eine Million gestiegen. So leben vor allem Besserbetuchte dort, jene, die die besondere Lebensform reizt: Intellektuelle, Ärzte und Architekten. Trotzdem vermittelt nichts den Eindruck einer elitären Gemeinschaft.

Das Zentrum der Siedlung ist der «Dorfi» – so der liebevolle Spitzname für den Dorfplatz. Vor allem im Sommer verströmt er das Flair einer italienischen Piazza. Kinder springen umher, spielen Fussball, lachen, schreien oder verschwinden pfeifend in den schmalen Gassen, die durch die Wohnreihen führen. «An lauen Sommerabenden essen wir oft zusammen auf dem Dorfi», sagt Luginbühl. Lange Tische und Bänke füllen dann den Platz, den tagsüber die Halen-Kinder in Beschlag nehmen.

Im Sommer findet das alljährliche Halen-Fest auf dem «Dorfi» statt. Die Bewohner treffen sich zum Essen, Tanzen und Plaudern. Foto: Metzger-Juilland

 

Gegenüber vom Dorfplatz liegt der Halen-Laden, der vor gar nicht langer Zeit das Schicksal der meisten «Tante-Emma-Läden» teilen musste: Die Konkurrenz der Supermärkte war zu gross, die eigenen Umsätze schmolzen dahin. Der Laden musste schliessen. Für zwei Jahre hatte die Halen keine Einkaufsmöglichkeit, bis einige Bewohner selbst die Initiative ergriffen. Nach nächtelangen Diskussionen präsentierten sie der Eigentümerversammlung ein neues Konzept – der Laden wird in Eigenregie weitergeführt und die verwaiste Ecke wiederbelebt. Kein Platz zum blossen Einkaufen – vielmehr ein Treffpunkt, wo man eine Tasse Kaffee trinkt und Neuigkeiten austauscht.

 

Auch das gemeinsame Waschhaus ist ein solcher Begegnungsort. Sechs Maschinen und acht Trockenräume stehen in dem zweigeschossigen Gebäude zur Verfügung. Eigentlich ist es nicht mehr zeitgemäss, seine Wäsche ausser Haus zu waschen, aber die Bewohner nutzen ihren Waschtag für ein Treffen und anregende Gespräche mit Nachbarn. So geht es auch Eva Wertenschlag. Sie verzichtet gerne auf den Komfort einer eigenen Waschmaschine, weil sie die netten Begegnungen nicht missen möchte.

Die 66-Jährige wohnt seit 1984 in der Halen. «Die Siedlung ist braver und konventioneller geworden», sagt sie. Früher hörte sie vom Dorfplatz öfter feuchtfröhliches Gejohle und Frauen bräunten sich oben ohne am Swimmingpool.

Und die Halen-Kinder? In den 80er und 90er Jahren prägten sie das Leben in der Siedlung. Als sie älter waren und auszogen, wurde es ruhiger, der Lärm in den Gassen verstummte. Auch für Eva Wertenschlag änderte sich das Leben, als ihre beiden Töchter das Haus verlassen hatten. Heute kommen viele Halen-Kinder wieder zurück – oft mit ihren eigenen Familien. Auch bei den Wertenschlags leben drei Generationen zusammen. Vor vier Jahren zog es die jüngere Tochter Sibylle mit ihrem Mann und den beiden Kindern wieder «nach Hause» in die Halen.

 

Vor allem für Kinder und junge Eltern ist die Siedlung ein Paradies: Nachbarn helfen sich gegenseitig, übernehmen sogar kurzfristig den Hütedienst. Die Halen ist autofrei, so bieten Strassen und Dorfplatz einen sicheren Ort zum Toben, auch kleine Kinder müssen nicht ständig von den Eltern begleitet werden.

Die Kinder sind sowieso das Herz der Siedlung. So stellen sie auf ihre Art Kontakte zu Neuankömmlingen her. Magdalena Forster, die vor sechs Jahren in die Siedlung gezogen war, wurde von den Kleinen mit Klingelstreichen und Kurzbesuchen auf «Herz und Nieren» geprüft. Als die Neugier befriedigt war und die neu Zugezogene als «halentauglich» befunden wurde, kehrte Ruhe ein. Von den Nachbarn wurde Magdalena Forster von Anfang an freundlich aufgenommen, sie lebt aber eher zurückgezogen inmitten der zweihundert Bewohner und fühlt sich in der Gemeinschaft gut aufgehoben – auch das ermöglicht die Halen.

Heute fühlt sie sich in der Gemeinschaft gut aufgehoben, lebt aber eher zurückgezogen inmitten der über zweihundert Bewohner – auch das ermöglicht die Halen.

Die «Halen» thront hoch über der Aare in einer Waldlichtung in der Nähe von Bern. Foto: Croci & du Fresne

 

Seit über fünfzig Jahren blieb die Bausubstanz der Siedlung relativ unverändert, seit über zehn Jahren steht die Halen darüber hinaus unter Denkmalschutz. Im Jahr 2003 wurde sie in das «Inventar schützenswerter Bauten des Kantons Bern als Objekt von kantonaler Bedeutung» aufgenommen. Doch der Zahn der Zeit nagt: An den Aussenwänden der Häuser bröckelt der Beton, das Schwimmbad wurde mehrmals saniert, macht aber zurzeit einen eher bedauernswerten Eindruck. Die Diskussionen über Sanierungsarbeiten in der Siedlung sind nicht einfach, sämtliche Massnahmen müssen von der Eigentümermehrheit beschlossen werden. Wer in der Halen ein Haus kauft, ist gleichzeitig Miteigentümer sämtlicher öffentlicher Plätze – das war in den 50er Jahren ein absolutes Novum. Auch die Dachsanierungen der letzten Jahre waren teilweise mühsam, denn sie erforderten das gemeinsame Einverständnis einer ganzen Häuserreihe.

 

Die Kontrolle der Denkmalpflege erschwert Sanierungen und Umbauten zusätzlich. «Anpassungen sind möglich, aber es ist mühsamer geworden als früher», sagt Eva Wertenschlag. Während der 32 Jahre habe sie Mauern durchbrochen, ihre Räume immer wieder umgestaltet – eine Lebendigkeit, die die Architekten beabsichtigten. Die Wohnhäuser sollten verschiedene Ansprüche erfüllen, sich den wandelnden Bedürfnissen ihrer Bewohner anpassen. Das ist durch die Denkmalpflege nun in Frage gestellt.

Trotzdem lassen sich die Bewohner nicht entmutigen, die Siedlung lebt von tollen Ideen und schönen Festen, selbstorganisierten Filmnächten, Konzerten oder auch dem alljährlichen Halen-Fest im Sommer.

Noch immer wohnt und arbeitet Hans Hostettler, einer der Schöpfer der Siedlung, in der Halen. Sein Haus, und das mag die Denkmalschützer freuen, ist in unverändertem Originalzustand geblieben – entgegen dem ursprünglichen architektonischen Konzept.   

 

Mittwoch, 29. März 2017

 


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