Mehr Gigabyte – weniger Zeit

Wer ein Smartphone besitzt, verbringt durchschnittlich drei Stunden mit dem Gerät und schaut mehr als 80 Mal am Tag aufs Display. Experten gehen davon aus, dass die Geräte künftig noch mehr Raum im Leben ihrer Besitzer einnehmen werden – schliesslich wächst die Zahl der Funktionen immer weiter. Was dafür weniger wird, ist Zeit für echte Begegnungen. Das belegen die Daten des Freizeit-Monitors, den das Hamburger Institut für Zukunftsfragen herausgibt. Binnen fünf Jahren sank der Anteil derjenigen, die regelmässig etwas mit Freunden unternehmen, von 23 auf 16,6 Prozent. Auch die Zeiten fürs Spielen mit Kindern oder das Mittagsschläfchen, für Erotik und Sex werden immer kürzer.


Benötigte der mobile Surfer vor zehn Jahren typischerweise 30 bis 100 Megabyte im Monat, so sind es inzwischen mindestens zehnmal so viel. Nicht nur die Nutzungsintensität wächst, sondern auch die Datenpakete werden immer dicker, allen voran die Übertragung von Filmen. Hinzu kommt, dass im Jahr 2020 etwa 50 Milliarden Dinge weltweit über Smartphones oder auf andere Weise aus der Ferne steuerbar sein sollen – von der Kaffeemaschine bis zum Offshore-Windrad. Mit vielen Dingen kann man dann auch direkt reden: Die Lampe gehorcht, wenn sie heller werden soll und umgekehrt meldet der Kühlschrank, wenn er Leere wahrnimmt.


Für diejenigen, die für IT-Sicherheit zuständig sind, ist das «Internet der Dinge» ein Horror. Denn anders als die Software in Rechenzentren, die inzwischen relativ gut gegen Viren, Würmer und Trojaner geschützt ist, wirkt die sogenannte «operative Technologie» wie eine weit geöffnete Tür für Hacker. Vor allem die Übergabestellen zwischen Internet und den angeschlossenen Gegenständen sind neuralgische Punkte – auch für die Funktionsfähigkeit der Systeme. Die meisten dieser Vermittlungsgeräte verfügen nämlich bisher weder über Backups noch über Redundanzen und fallen irgendwann einfach aus, und damit häufig auch die angeschlossenen Geräte. Ob es für die ansonsten voll funktionsfähige Kaffeemaschine dann ein Update gibt, ist eher unwahrscheinlich: Warum sollte sich der Hersteller um so etwas kümmern? Schliesslich verdient er sein Geld mit dem Verkauf neuer Geräte, die dann selbstverständlich noch mehr Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Gut, dass uns dann wenigstens die neue Kaffeemaschine noch zuhört, denn unsere Freunde haben dafür absehbar noch weniger Zeit als heute. 



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25. April 2017
von:

Über

Annette Jensen

Submitted by christoph on Sa, 09/16/2017 - 09:46

Annette Jensen (* 1962) ist freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt schwerpunktmässig über Wirtschaft, Umwelt und Arbeit. Seit ein paar Jahren interessiert sie sich insbesondere für konkrete enkeltaugliche Ansätze und die Möglichkeiten ihrer Verbreitung. Annette.Jensen@t-online.de 

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