Mensch ärgere dich nicht! Tu etwas

Ein Blick in die Zeitung, ein halbes Ohr voll Radio und ein kurzer Blick auf den Bildschirm – und schon hat man genug Stoff, sich wieder einen Tag zu ärgern: Abzockerei bei den Banken, Begünstigung und Willkür bei den Behörden, Pferdefleisch im Erdbeer-Joghurt, abgeholzte Regenwälder in der Sonnencreme. Es nimmt nicht nur kein Ende, es scheint immer schlimmer zu werden.

«Jetzt gibt es drei Möglichkeiten», schreibt Harro Honolka in seinem eben erschienen Buch ‹Jetzt reicht’s›: «Sie sagen: ‹Da kann man nichts machen›, schlucken Ihren Ärger hinunter und schaden damit Ihrer Gesundheit. Oder Sie schwören: ‹Beim nächsten Wahltag ist Zahltag›, ahnen aber, dass sich wie schon nach der letzten Wahl nicht viel ändern wird. Die dritte Möglichkeit: Sie tun etwas.» Davon handelt sein Buch, im Untertitel «50 Anleitungen zum Bürgerprotest – was jeder gegen Missstände tun kann».
Seine Vorschläge sind ein bisschen deutsch, aber das ist durchaus ein Vorteil. Weil in Deutschland die direkt-demokratischen Möglichkeiten praktisch inexistent sind, hat sich die Kultur der Bürgerproteste differenzierter entwickelt als in der Schweiz. Auch wir können nicht jedes Übel mit einer Volksinitiative beantworten. Zudem haben viele Missstände eine globale Ursache. Für Honolka haben Bürgerproteste eine «staatstragende Funktion», sie helfen, das Primat der Politik wiederherzustellen.

Kann der einzelne Protest überhaupt etwas bewirken, mag man sich angesichts vieler fruchtloser Massendemonstrationen fragen. Dazu Honolka: «In Spanien … begann der Widerstand gegen die zahlreichen Zwangsräumungen von Wohnungen im Zuge der Immobilien-Banken-Krise zunächst in Form von spektakulären Massendemonstrationen, die nicht die erhoffte Wirkung zeitigten. Inzwischen verlagert er sich zu individuellen Protestaktionen: Feuerwehrleute weigern sich, Menschen aus einer von der Bank kassierten Wohnung zu holen; empörte Bürger brandmarken öffentlich Abgeordnete vor ihren Privathäusern; Gerichte werden mit Protestschreiben gegen Zwangsräumungen überschwemmt.»
Die Aktionsvorschläge des Buches sind alle erprobt, die meisten legal, viele brauchen etwas Mut und bei ein paar wenigen wird bewusst eine begrenzte Übertretung von Gesetzen in Kauf genommen. Das Verrückte, Visionäre an der Sache: Wenn alle Menschen einen Tag lang «jetzt reicht’s» sagen und danach handeln würden, hätten wir am Abend eine vollkommen andere Welt.

Harro Honolka: Jetzt reicht’s. 50 Anleitungen zum Bürgerprotest – was jeder gegen Missstände tun kann. Westend Verlag, 2013. 240 S. Fr. 21.90/€15.–.

Die 50 Anleitungen

1:    Zum Aufwärmen: Wechseln Sie zu einem nachhaltigen Stromanbieter!
2:    Per Mausklick demonstrieren: Onlineproteste unterschreiben
3:    Verwischen Sie Ihre Surfspuren beim Googeln
4:    Nutzen Sie ausgiebig Beschwerdemöglichkeiten
5:    Durch Petitionen ein bisschen mitregieren
6:    Nerven Sie datensammelwütige Firmen durch Selbstauskünfte
7:    Treten Sie NGOs wie Attac oder Greenpeace bei oder spenden Sie an sie
8:    Heikle Behördengänge nur mit Begleitschutz!
9:    Bei Mietproblemen im Haus: Laden Sie andere Mieter zum Kaffee ein
10:    In sozialen Netzwerken mitdiskutieren
11:    Melden Sie irreführende Produktangaben an Lebensmittelklarheit.de
12:    Machen Sie von Ihren Auskunftsrechten bei Behörden ausgiebig Gebrauch
13:    Wehren Sie sich mit Ombudsmännern und -frauen gegen Ungerechtigkeiten
14:    Konsumentenmacht:    Nichts von verantwortungslosen Firmen kaufen!
15:    Dämmen Sie die Werbeflut wenigstens zu Hause ein
16:    Das T-Shirt als politisches Statement
17:    Schicken Sie’s zurück! Firmen, die es verdienen, mit Retouren abstrafen
18:    Abgeordneten sagen, was Sache ist
19:    Per Aufkleber protestieren
20:    Demnächst im Supermarkt: Einkaufskorb mit unfair hergestellten Waren stehenlassen
21:    Veröffentlichen Sie Ihren Protest in Leserbriefen
22:    Demonstrieren ist gesund
23:    Konto kündigen und zu einer verantwortungsvollen Bank wechseln
24:    Zahlen Sie mit Regionalgeld
25:    Konsumieren ohne zu kaufen:    tauschen, leihen oder gemeinsam nutzen
26:    Im Alltag Flagge zeigen
27:    Starten Sie Ihre eigene Kampagne im Internet
28:    Kein Kita-Platz? Nicht jammern – klagen!
29:    Whistleblowing:    betriebliche Missstände ans Licht bringen
30:    Hartz-IV-Eingliederungsvereinbarung nicht oder nur unter Vorbehalt unterschreiben
31:    Hundehaufen
32:    Protestieren Sie mit Filzstift oder Spraydose
33:    Unterschriften sammeln
34:    Lassen Sie sich auf der Bank ausführlich über eine fiktive Erbschaft beraten
35:    Adbusting: Plakate umfunktionieren
36:    Spritfressern den Spass verderben
37:    Mit Denkmälern und Ortstafeln zum Nachdenken anregen
38:    Fairtrade-Einkauf in Firmenkantinen, Kindergärten oder Schulen einführen
39:    Mahnwachen und Ein-Mann-/Ein-Frau-Demos
40:    Schlagen Sie Ihren Protest wie Martin Luther an
41:    Mit Flugblättern gezielt und persönlich informieren
42:    Kleinaktie kaufen und auf Hauptversammlungen gehen
43:    Vorbildliche Geschäfte mit einem Carrotmob belohnen!
44:    Einen Smart Mob organisieren
45:    Luxussanierungen? Nein danke!
46:    Stellen Sie Ihr Depot auf ethische Anlagen um
47:    Guerilla Gardening gegen hässliche öffentliche Räume!
48:    Sitzblockaden gegen Zwangsräumungen in der Nachbarschaft
49:    Wenn eine Schliessung droht: Jugendtreffs, Seniorenklubs, Schwimmbäder oder Büchereien besetzen
50:    Die Krönung des Bürgerprotests: eine Bürgerinitiative gründen

Sonderaktion: Teilen Sie auf www.anleitungenbuergerproteste.die Aktionserfahrungen mit und erfinden Sie neue Aktionen!

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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