Micro Greens und krumme Rüebli

Frühlingsdüfte! Sie locken ins Freie und manch einen in den eigenen Garten. Doch was tun, wenn gärtnerische Leidenschaft nicht auf der eigenen Parzelle ausgelebt werden kann? Oder wenn die Leidenschaft selbst sich gar nicht erst einstellt?


Von: Eveline Dudda


Die Zeiten, in denen ausschliesslich ein Eigenheim mit einem Stückchen Land die Voraussetzung für einen kleinen Gemüsegarten schuf, sind vorbei. Heute braucht man fürs Gärtnern keinen Garten mehr. Einige Töpfe auf dem Balkon, ein Hochbeet auf dem Parkplatz oder ein Anlehngewächshaus auf der Terrasse reichen aus, um es üppig spriessen zu lassen. Bei modernen Wohnbauten wird der Gemüsegarten teilweise sogar ins Nutzungskonzept integriert. Zum Beispiel in der Kalkbreite in Zürich.

Dort hat die Genossenschaft Kalkbreite von Anfang an nicht nur Grünräume mit Rosen und Gräsern, sondern auch eine Dachterrasse mit Gemüse vorgesehen. Statt einsam wird hier gemeinsam gegärtnert. Von den 250 Bewohnern der Kalkbreite machen 25 bei der Gemüsegruppe mit. Yvonne Christ ist im Auftrag der Genossenschaft für die Bepflanzung zuständig. Ein wesentliches Ziel der Flächen sei es, «zu erleben, wie abhängig gutes Gemüse und eine reiche Beerenernte von einem fruchtbaren Boden und sachgemässer Pflege sind», erklärt sie. Die Grundlagen für eine gute Selbstversorgung werden in der Gruppe zwar ab und zu besprochen, trotzdem vermutet Christ weiteres Potential: «Die Beteiligten schöpfen ihre Möglichkeiten der Allmendepflege noch nicht aus.» Der Boden, der zunehmend mineralisiert ist, und die Erträge, die nur mittelmässig sind, spiegeln das wider. «Der Funktion des Gartens als soziale Plattform tut das keinen Abbruch, im Gegenteil!» Man lernt dabei nicht nur vieles über die Produktion, sondern auch über den Konsum. Jedes Rüebli gleich lang, gleich orange, gleich süss? Nicht aus eigenem Anbau! Und siehe da: Das Rüebli schmeckt trotzdem, auch wenn es mal dünner, mal dicker, mal kürzer oder krummer ist. 

Auf der Dachfläche mit den Kräutern gibt es einen weiteren Bereich, explizit für grosse Töpfe. Er wird gerne und gut genutzt. Rund zehn weitere Bewohner pflegen allerdings «irgendwelche» Töpfe auf öffentlichen, für alle zugänglichen Flächen, auf denen das eigentlich nicht vorgesehen war. Bisher wird diese private Topfgärtnerei toleriert. «Aber es ist nicht so, dass die restlichen 200 Leute das alle cool finden», wendet Christ ein. Die restlichen begrünten Flächen eignen sich nicht für Pflanzungen, da sie nur einen geringen Humusanteil und vor allem Kies enthalten.

 

Fliesst Gärtnerblut in deinen Adern?

In der Kalkbreite kann man das Gärtnern einmal ausprobieren. Das ist gut so, denn so wie jeder Mensch singen kann, aber nicht alle Menschen hochmusikalisch sind, kann auch jeder und jede Gemüse anbauen – obwohl nicht alle dickgrünes Gärtnerblut in den Adern haben. Ein kleiner Test zeigt, wie es um dich steht. Er geht ganz leicht:

 

• Nimm eine Anzuchtschale, einen Topf oder, wenn du gerade nichts anderes zur Hand hast, einen Eierkarton.

• Fülle Erde hinein, egal ob Universalerde, Pflanzenerde, Aussaaterde, Erde von einem Maulwurfshügel. Der Test dauert nicht lange, deshalb spielt die Art der Erde keine grosse Rolle.

• Drücke die Erde leicht fest und verteile darauf Saatgut einer würzigen, schnellwachsenden Gemüseart wie zum Beispiel Kohlrabi, Radiesli, Rucola, Kabis oder Chinakohl. Nimm einfach, was du gerade zur Hand hast. Wenn du nichts zur Hand hast, öffne den Küchenschrank und schau nach ob sich braune, grüne oder schwarze Linsen darin befinden. Wenn ja, verwende sie. Rote Linsen gehen nicht, sie sind geschält und gespalten. Du hast zwar keine Linsen im Schrank, aber Buchweizen oder Leinsamen? Bio und ungeschrotet? Das passt auch. Wichtig ist nur, dass du aussäst. Am besten jetzt gleich.

• Drücke das Saatgut leicht an, streue wenig Erde darüber, stelle den Behälter ans Fenster und halte das Ganze ungefähr drei Wochen lang warm und feucht.

• Ernte die Pflänzchen, sobald sie so gross sind wie käufliche Kresse, also ungefähr so hoch wie der Daumen und höchstens so lang wie der Zeigefinger.

 

Die geernteten Micro Greens – genau um die handelt es sich hier nämlich – sind ein Gewürz, das den Speisen hübsche grüne Akzente verleiht und dabei noch ausserordentlich gesund ist. Sie passen eigentlich überall. Man kann sie über den Salat streuen, mit Frischkäse vermischt zum Apéro servieren, als Deko in die Suppe geben, im Smoothie mitverarbeiten und vieles mehr.

 

Gärtnern kann süchtig machen

Was hast du während der circa drei Wochen erlebt? Hast du eher das Zähneputzen vergessen als das Giessen? Die Micro Greens so nah am Boden abgeschnitten wie nur möglich? Die Mini-Pflänzlis mit geschlossenen Augen genossen? Sofort danach wieder neu angesät? Die Anzahl der Anzuchtschalen verdoppelt? Dann fliesst mit grosser Wahrscheinlichkeit Gärtnerblut in dir. Dein Bedürfnis in der Erde zu wühlen und Gemüse anzubauen, kann allenfalls berufsbedingt oder aus anderen Gründen kurzfristig verschüttet werden. Aber es wird dich nie mehr loslassen. Wenn du in deinem Leben richtig glücklich sein willst, solltest du dort leben, wo du gärtnern kannst.

Und falls nicht? Wenn du dir auf dem Smartphone eine Erinnerung fürs Giessen einrichten musstest und schon einen Tag später nicht mehr wusstest, wie die Micro Greens geschmeckt haben, sind die Gärtnergene möglicherweise etwas verschüttgegangen. Unter deinen Händen dürften es Pflanzen schwer haben, trotzdem musst du dir keine Sorgen machen. Erstens kommt das Gärtnerblut eine Generation später oftmals wieder zum Vorschein. Zweitens musst du deswegen noch lange nicht aufs «eigene» Gemüse verzichten. Es gibt heute zahlreiche Alternativen zum eigenen Topf-, Hoch- oder Flachbeet-Garten: Verschiedene Formen der Vertragslandwirtschaft bieten die Möglichkeit, sich mit «selbst angebautem» Gemüse und Salat einzudecken. Nutze diese Chance!

 

Gärtnern wie ein Profi

Ein Beispiel ist die Aargauer Gemüsekooperative biocò. Dort teilen sich die Gemüse-Abonnenten nicht nur die Ernte, sondern auch die Arbeit, die auf dem Geisshof bei der Produktion anfällt. Biocò ist eine Genossenschaft in Reinkultur: Alle bestimmen mit, alle arbeiten mit, alle tragen das Risiko. Und alle bekommen das gleiche Erntegut. Das ist wichtig, denn es beflügelt die Kochkünste: Neue Rezeptideen entstehen ja meistens erst, wenn man die Zutaten vor sich hat. Das saisonale Angebot kann zwar auch mal zur Herausforderung werden. «Paradebeispiel ist der Fenchel, entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn», sagt Biobauer Michael Köhnken. Doch wer sich auf den Fenchel einlässt, wird feststellen, dass er auch seine guten Seiten, vor allem als Naturheilmittel, hat. Köhnken stellt biocò das Land in Gebenstorf zur Verfügung und übernimmt die Hauptarbeit beim Gemüseanbau. Er sieht den Fenchel mit anderen Augen: Er passt wunderbar in die Fruchtfolge und bereichert die Vielfalt im Gemüsekorb.

Bei biocò gibt es Gemüsekörbe für zwei bis drei oder für vier bis sechs Personen. Jede Person, die von so einem Gemüsekorb profitiert, arbeitet mindestens fünf halbe Tage im Jahr auf dem Geisshof mit. Obwohl alle Hand anlegen, müssen nicht alle jäten, den Boden umgraben oder Bohnen von der Leiter pflücken. Im Gegenteil: Die Arbeit soll allen zugutekommen, aber jeder braucht nur nach seiner Façon mitwirken. Wer körperlich nicht ganz so fit ist, kann Lieferfahrten übernehmen, sich auf das Pikieren der Gemüsesetzlinge spezialisieren, den Internetauftritt betreuen oder zweimal wöchentlich beim Befüllen der Gemüsekörbe helfen. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Und die biocòs haben noch mehr Ideen, wie Sonja Korspeter von der Betriebsgruppe sagt: «Wir möchten in Zukunft auch saisonale Überschüsse gemeinsam verarbeiten. Zum Beispiel miteinander Pesto machen oder Sauerkraut.» Der Abpackraum fürs Gemüse, der sich gerade im Bau befindet, soll deshalb später mit einer kleinen Küche ausgestattet werden. Das kommt auch den regelmässig durchgeführten Festen zugute. Denn das gehört ebenfalls dazu, wie Sonja sagt: «Wir wollen ja nicht nur die Arbeit, sondern auch die Freude und Erfahrung teilen.»

Die Gemüseanbau-Kooperative biocò versorgt Genossenschaftsmitglieder im Raum Baden-Brugg mit frischem, saisonalem Biogemüse. Die 5500 Quadratmeter grosse Fläche reicht für etwa 60 bis 65 Abos. Wer weder ein eigenes Gemüsebeet noch ein Beet in einem Gemeinschaftsgarten hat: Es sind gerade noch ein paar wenige Abos für dieses Jahr frei. 

 

Weitere Infos unter www.bioco.ch

 

Eveline Dudda ist zusammen mit Klaus Laitenberger Autorin von Spriessbürger – Handbuch für den Anbau von Gemüse und Salat in der Schweiz. Spriessbürger Verlag, 2016. 368 S., geb. Fr. 40.–.

www.spriessbuerger.ch/das-buch-spriessbuerger

 

Sehr humorvoll, ausserordentlich praktisch, eine echte Perle. (CP)

 

 

Sonntag, 09. April 2017

 


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