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Zeitpunkt 119, Mai/Juni 2012
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Ein Buch, das die Schweiz verändert




Die Vollgeld-Reform – wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können. Mit Beiträgen von Hans Christoph Binswanger, Joseph Huber und Philippe Mastronardi. Edition Zeitpunkt, 2012. 80 S. Fr.12.50 / Euro 9.50.

Endlich wieder erhältlich




P.M.: Neustart Schweiz – so geht es weiter. Edition Zeitpunkt, 2010.
2. erw. Auflage, Fr. 18.70/€ 14.–.



Patriarchat? Gibt’s das bei uns überhaupt noch?


 


Neandertaler, Germanen und Moslems werden als finstere Machos dargestellt, die westliche Gesellschaft dagegen als weitgehend patriarchatsfreier Raum. Dabei werden eigene Patriarchatsprobleme ignoriert und individualisiert.

Machos, Kinderschänder und Frauenzüchtiger betrachtet die bürgerliche Ideologie als Ausländer oder als charakterschwache, geistesgestörte einheimische Einzelfälle. Das ernst zu nehmende gesellschaftliche Problem wird privatisiert und auf andere abgeschoben, die man als minderwertig betrachtet.

Projizieren und ignorieren
TV-Dokumentationen mit anschaulichen Spielfilmsequenzen behaupten breitbeinig wider besseres Wissen der Ethnologie und Archäologie, die Neandertaler seien streng patrilineal und patriarchal organisiert gewesen. Archäologiesendungen ignorieren Darstellungen und Symbole der weiblichen Einflüsse auf das öffentliche Leben und projizieren patriarchale Strukturen in matrizentrische Gesellschaftsordnungen.

Je älter die Kultur, desto barbarischer und patriarchalischer soll sie gewesen sein. Griechen, Römer und Faschisten barbarisierten die Kelten und Germanen, die eine feinere, sanftere und differenziertere Spiritualität hatten als sie selbst – und effektiv mehr matrizentrische Elemente beibehielten.

Teile und herrsche
Weibliche spirituelle Figuren und das Mysterium der Geburt standen im Zentrum des gesellschaftlichen und spirituellen Lebens der matrizentrischen Gesellschaften. Sexuell und spirituell waren die Geschlechter frei und gleichberechtigt, die beiden Bereiche gehörten ganzheitlich zusammen. Wo die Männer männliche Gottheiten erhöhen, die Frauen aus wichtigen kultischen Funktionen verdrängen und zu Tempelhuren degradieren, hat die patriarchalische Teile-und-herrsche-Trennung bereits stattgefunden.

Einzelkämpfer, Superprojekte, Gewalt
Wo Männer Frauen und andere Menschengruppen, die Dritte Welt und die Natur zu Macht- und Profitzwecken instrumentalisieren, ist Patriarchat. Ebenfalls da, wo der Hollywood-Einzelkämpfer aufbricht zu neuen Ufern und sein Ziel gegen alle Widersacher mit viel Gewalt und unter der Missachtung der Regeln erreicht.
Der gesellschaftlich integrierte moderne Mann tut dasselbe: Hetzt gedopt, Handy am Ohr, von einem lukrativen Superprojekt zum anderen ohne Rücksicht auf seine Gesundheit, dazu kommen noch aktiver Freizeitstress und die Befriedigung kleiner und grosser Laster als Kompensation.

Kampf, Konkurrenz, Geld
Wichtige Eigenschaft des Patriarchen ist, dass er in den Krieg zieht, in den Kampf um einen Platz in der Arbeitswelt, um Marktanteile, Einschaltquoten, Beute. Die Familie und die aufopfernde Frau idealisiert er, kokettiert damit, im Grund ein Familienmensch zu sein und beteuert routinemässig an den Eröffnungsfeiern der Projekte: „Hätte nicht meine Frau meine langen Abwesenheiten erduldet und mich gestützt, hätte ich das grossartige Projekt nicht vollenden können.“

Vereinzelung und Gewinnorientierung
Heilig ist heute die Unternehmung, die oft als Familie bezeichnet wird und einseitigen Gewinninteressen dient. Die scheinheilig geheiligte Familie ist längst tot, zerrissen durch die auseinander strebenden Interessen der vereinzelten Kämpferinnen und Kämpfer im verschärften kapitalistisch-patriarchalischen Wettbewerb.

Emotionen, Geld, Gewalt
Die Zweigenerationen-Kleinfamilie wird dabei meist emotional überfrachtet, oft entsteht Gewalt, mässigende Einflüsse und Unterstützung von Grosseltern, Onkeln und Tanten fallen weg. Die Ehefrau ist die Tankstation für den grossen Kämpfer und den Kämpfernachwuchs und muss in der Familie wichtige logistische, psychologische und gegenüber dem Mann sexuelle Funktionen übernehmen. Ist genug Geld da, kann sie einen Teil der Arbeit an Externe wie Seelenklempner, Putz- und Kinderhütepersonal delegieren. Ist wenig Geld da, muss sie zusätzlich arbeiten gehen und die Kinder mindestens teilweise vernachlässigen.

Schönes neues Patriarchat
Ein paar Frauen schaffen es, in Männerdomänen einzudringen und in der Machowelt mitzuhalten. Die männliche Elite beweist damit ihre Offenheit und Toleranz, die tüchtigen Frauen gehören dazu, fühlen sich gleichberechtigt, werden bewundert und angefeindet. Sie finden eine individuelle Lösung für ein gesellschaftliches Problem, das bestehen bleibt.
Der Westen lehnt die plumpen alten Formen des Patriarchats ab und schafft neue, die dem Kapitalismus dienen und den Schein von Gewaltfreiheit und Gleichberechtigung verbreiten.

db.

 

Mittwoch, 10. Dezember 2008

 


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