Protest ohne 68er
Seit dem Beginn von Occupy Wall Street hört man sie täglich: die Beschwerde, dass die Protestler kein Programm haben. Lustvoll werden 40 Jahre alte Klischees von ungewaschenen Hippies hervorgekramt, die die Kohle ihrer Eltern wegkiffen, statt sich Arbeit zu suchen. Sympathisanten aus dem linken Establishment sind hingegen beleidigt, dass keiner der Mittdreißiger nach ihren Erfahrungen im politischen Aktivismus fragt. Sie könnten so viel lernen! Was sie übersehen ist, dass sich Occupy - zumindest in den USA - formal und inhaltlich ganz bewusst außerhalb der Tradition der Protestbewegungen der letzten 45 Jahre stellt.
Das hat mit einem Generationswechsel zu tun; vor allem aber mit der Enttäuschung über Obama, dessen Wahl einen Moment lang wie der Endspurt im langen Marsch von Bürgerrechts-, Antikriegs-, Schwulen-, Umwelt- und Gewerkschaftsbewegungen aussah, bis sich dies als Illusion erwies. Das bittere Erlebnis, kombiniert mit der immer krasseren wirtschaftlichen Ungleichheit, war für viele der letzte Beweis, dass den Verhältnissen mit den bürgerlichen Mitteln des Protests nicht beizukommen ist und auch nicht mit Konfrontationen wie bei den Anti-WTO-Protesten 1999 in Seattle.
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