Sahra Wagenknecht: Liebe ist politisch
Die Vordenkerin der «Linken» wagt sich auf ungewohntes Terrain. Privat ist ihr zwar Liebe nicht fremd, als Gegenstand des politischen Diskurses ist das jedoch normalerweise «kein Thema». Für sie ist Liebe ein Protest gegen eine Wirtschaft, «in der Menschen nach Nützlichkeitskriterien bewertet und Kosten zum allentscheidenden Kriterium werden.»
Es scheint ungewöhnlich, vielleicht anmaßend, wenn eine Atheistin und Sozialistin über einen Bibeltext, über das Hohelied der Liebe, schreibt. Aber das Thema ist nicht abseitig, es ist hochaktuell und es betrifft die Politik mindestens ebenso wie die Religion und die Privatsphäre. Wer die Liebe anerkennt als das Wichtigste, Schönste und Wertvollste im menschlichen Leben, als etwas, das den Menschen erst zum Menschen macht, der muss gesellschaftliche Verhältnisse mit Unbehagen sehen, in denen das menschliche Zusammenleben mehr und mehr kommerzialisiert und ökonomisiert wird, in denen nur noch zählt, was sich rechnet, und gerade die am wenigsten liebenswürdigen Wesenszüge des Menschen – Habsucht, Egoismus, Gier, Geiz, soziale Ignoranz – am stärksten kultiviert werden.
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