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Teufelswerk und Paradies

Dank eines Bergsturzes ist das Walliser Val Derborence heute ein Paradies. Früher, so dachte man, spielte der Teufel sein böses Spiel. Heute lassen lauschige Wege oder anspruchsvolle Wanderungen durch Urwald und Kalkfelsen das Herz höher schlagen.


Von: Lioba Schneemann (Text) und Jacques Sauthier (Bilder)


Schon der Weg ins Hochtal Derborence ist abenteuerlich. Postbus und Auto begegnen sich hupend auf schmaler Strasse oder in dunklen Tunnels, enge Kurven behindern die Sicht. Stets fällt der Blick in die tiefe Schlucht der Lizerne. Kein Zuckerschlecken für Ängstliche! Kaum zu glauben, dass die Walliser bis Mitte der 50er Jahre nur zu Fuss auf halsbrecherischem Weg zu ihren Maiensässen gelangten. Damals gab es nur zwei Ausweichstellen, an welchen man ausruhen und kreuzen konnte. Heute gelangt man von Mai bis November auf der sicheren Route ins Tal. Im Winter jedoch gehört es ganz der Natur, da Lawinen die Zufahrt verhindern.

Nach einer halben Stunde ist das Paradies inmitten der gigantischen Felsarena erreicht. Würde man wie der einheimische Bartgeier Gildo durch die Lüfte schweben, sähe man eine Auenlandschaft, glasklare Bergseen, einen Urwald und riesige Geröllhalden mit lichtem Pionierwald. Als Wanderer nähert man sich der einzigartigen Flora gemächlich Schritt für Schritt.

 

Der Teufel war’s!

Die Geburt dieses Naturwunders war katastrophal: Zwei grosse Bergstürze in den Jahren 1714 und 1749 haben das Hochtal gänzlich verändert. Diese als «grösste historische Ereignisse der Schweizer Alpen» bezeichneten Stürze liessen rund 50 Millionen Kubikmeter Gestein zu Tal poltern. 55 Alphütten, 120 Tiere und zahlreiche Menschen wurden unter Schutt begraben. Dank «unterirdischem Grollen im Bergesinnern, das Tage vor der Katastrophe zu vernehmen war», hatten Hirten und Herden Zeit, zu verschwinden, und die meisten taten es auch, wie man nachlesen kann. Damals konnten sich die Menschen das Unfassbare nur als ein Werk des Teufels vorstellen. Nicht ohne Grund tauften sie den Gipfel des Tour St. Martin, der die Felsarena krönt, Teufelskegel. Und so ist verständlich, dass man auch hier versuchte, mit Teufelsaustreibungen der Katastrophe zu begegnen. Bekannt wurde das Tal später durch den Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz und seinem erfolgreichen Roman «Derborence» von 1934. Er erzählt von Antoine Pont, der sieben Wochen lang unter dem Schutt begraben war.

 

 

Rendez-vous mit seltener Flora

Geschützt wird das Tal im Norden vom Diableretsmassiv (auf deutsch «Teufelshörner») – einem kolossalen Felsengürtel von knapp 3300 Metern Höhe. Nicht nur Bartgeier finden hier eine Heimat, sondern vor allem auch eine eindrückliche Palette von seltenen Pflanzen. So verwundert es nicht, dass das Walliser Geographen- und Botaniker-Paar Sabine und Charly Rey Carron ihr Herz hier verloren haben. «In der Region von Derborence werden 775 Arten an Flora gezählt,» erklärt Charly Rey. «Grund dafür ist das spezielle Klima, das hier auf fast 1500 Metern Höhe herrscht. Vor allem die Niederschläge beeinflussen das Lokalklima stark.» Mit 1600 Millimetern pro Jahr fallen hier im Vergleich mit anderen hoch gelegenen Tälern des Zentralwallis fast ein Drittel mehr Niederschläge. Die Vegetation passt sich dem feuchteren Klima an, so wächst hier die Buche, die im Haupttal oberhalb von Martigny kaum vorkommt. Auffallend sind jedoch vor allem die stattlichen Pinien wie Bergföhre und Legföhre sowie Lärchen und Birken, die sich im Pionierwald auf den dicken Kalkbrocken des Geröllfeldes breit machen. «Der Stinkende Nieswurz, die Kohldistel oder die Gelbe Berg-Platterbse, um nur drei von den vielen Pflanzen zu nennen, profitieren ebenfalls vom speziellen Klima», so Sabine Rey. Natürlich fühlen sich auch seltene Tiere wohl wie Steinbock, Reh und Hirsch sowie Luchs, Feld- und Schneehase. Sogar der Wolf hat hier ein Revier.

 

Wandern mit Kulisse

Einige leichte Wanderwege, perfekt für Familien, und anspruchsvolle Routen über Bergpässe findet man hier. Lieblingsorte und -wege zu finden, fällt nicht schwer: Sei es die Tour rund um den grossen hellgrünen See, am Fusse des Urwalds entlang oder den Wanderweg mitten durch das grosse Geröllfeld mit seinen riesigen Kalkbrocken. Wasser ist vor allem im Frühling bei Schneeschmelze das beherrschende Element: Überall rauscht es, die Wege kreuzen kleine Bächlein und tosende Gebirgsbäche. Ein Stück Wald ist gar im Fluss versunken, Holzbrücken weisen dort den Weg. Das Auengebiet mit seinen kalkreichen mageren Schotterflächen eignet sich fürs Sonnenbaden. Der See bildete sich erst nach dem ersten Bergsturz und ist somit der jüngste See der Schweiz. Eindrücklich ist auch der Urwald, der am Nordhang von Ecorcha zwischen dem Gewässer und der Alpe Vérouet steht und seit 1959 geschützt ist. Er gilt als einer der urtümlichsten der Schweiz. Einige Fichten und Tannen sind Riesen: Über 80 Exemplare sollen einen Stammdurchmesser von mehr als 100 Zentimetern aufweisen. Bis zu 44 Meter hohe und 450 Jahre alte Tannen sind wichtige Zeugen für die Luftverschmutzung.

Heute ist eine Fläche von mehr als 260 Hektar im Tal unter der Kontrolle von Pro Natura; das Herz des Naturschutzgebietes ist der 25 Hektar grosse Urwald. In der Strauchschicht wächst die Vogelbeere, die sich vor allem dank des Sturmes «Vivian» im Jahr 1980, als viele Bäume umstürzten, gut entwickelt hat. Kennzeichen des ganzen Tals ist dauernde Veränderung. Im Gegensatz zu vielen Orten in den Alpen darf die Natur hier schalten und walten. So bilden sich rund um den See ständig Schuttkegel, die sich je Wasserführung der Wildbäche verändern. Diese sind seit 1992 im Bundesinventar der Auen von nationaler Bedeutung eingeschrieben. Auf ihrer stabilen Seite wachsen vor allem Weiden, Gräser und eine Vielzahl von Alpenblumen, die Nahrung für Schmetterlinge sind.

Kaum ein Besucher verlässt den Ort, ohne den Wunsch zu verspüren, dorthin zurückzukehren, so liest man in der Einführung des Buches «Derborence» von Sabine und Charly Rey Carron. Man glaubt es sofort. Jedoch ist die Saison kurz, denn schon Mitte Oktober kann der See gefrieren. Und im Winter herrscht hier Stille, da können die wenigen mutigen Besucher nur mit Ski ins Tal gelangen.

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Informationen: www.derborence.ch

Les Coteaux du Soleil, Office du Tourisme, 1964 Conthey, Tel 027 346 72 01 www.lescoteauxdusoleil.ch (Info zu allen Wanderungen und anspruchsvollen Gebirgstouren, wie etwa zum Pass Sanetsch, Glacier 3000 oder nach Ovronnaz etc.)

Busverbindungen: www.carpostal.ch/valais

Ausgeschilderte Wanderungen / kleine Wanderkarte via Webseite oder vor Ort erhältlich, dazu Info-Broschüren (nur auf Französisch). Tour im Tal: Länge 12 km, 850 Höhenmeter. Dauer 4:40 h / Tour im Geröllfeld: Länge 6 km, 280 Höhenmeter. Dauer 2:30 h / Tour rund um See: 1,3 km, 40 min. 380 Höhenmeter. Dauer 2 h / Tour im Tal der Lizerne: 4,6 km

Einkehren/Übernachten: Auberge du Godet Tel. 027 346 31 41 / Refuge du Lac Tel. 027 346 14 28

Buch: Derborence – Natur und Mensch. Von Sabine und Charly Rey Carron und anderen Autoren. Mit 13 kommentierten Wanderungen. Verlag Iterama, 2014.

 

Montag, 12. September 2016

 


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