Über den Ölpreis, die Geopolitik und den Finanzkollaps

Was als Ölpreiskrieg begann, der Moskau ruinieren sollte, lässt nun die Ölpreisblase platzen und kann einen globalen Finanzkrach auslösen wie bei der Hypothekenblase 2007-08. Eine Welle von Zahlungsausfällen bei hochverzinsten, hochriskanten Energieschuldentiteln kann den gesamten Markt der Hochrisikoanleihen – mehrere Billionen Dollar meist fremdfinanzierte Schulden – zusammenbrechen lassen.
Kommentatoren der etablierten Medien bestreiten dies und begründen das mit der Grösse der beiden Blasen – die Hypothekenblase war fünfmal grösser -, aber kompetentere Analysten weisen auf mehrere Elemente hin, die eine Kettenreaktion auslösen können:
1. die unmittelbaren Verluste der Ölproduzenten;
2. die Verluste der Banken, die Kredite am stark fremdfinanzierten Ölmarkt vergeben haben;
3. die Verluste bei den 4 Bio.$ umfassenden Derivatgeschäften auf dem Energiemarkt;
4. die Verluste bei Kreditausfallswaps (CDS) auf dem Energiemarkt;
5. die Verbreitung „strukturierter Finanzprodukte“, die solche CDS einschliessen.
Die erste dieser Wellen trifft bereits die Schieferölfirmen in Nordamerika, die einen Ölpreis zwischen 80 und 120 $ je Fass Brent-Rohöl brauchen, um ihre Schulden zurückzahlen zu können.
Derzeit liegt der Preis bei 60 $. Bleibt er in dieser Grössenordnung, muss die Ölindustrie 1600 Mrd.$ Schulden aus Einnahmen von weniger als 400 Mrd.$ im Jahr finanzieren. Ob diese erste Welle eine zweite, weit grössere auslösen wird, entscheidet sich auf den Derivatmärkten im Rohstoffsektor, in denen 20 Bio.$ angelegt sind.

Der Finanzanalyst Peter Lewis warnte am 18.12. in einem Brief an die Financial Times, beim gegenwärtigen Ölpreis drohe die Zahlungsunfähigkeit von 30% der Schuldner hochverzinster Anleihen, und das bedeute für die Banken, die darauf CDS verkauft haben, Verluste von 135 Mrd.$. Zum Vergleich: Der US-Versicherungsriese AIG rutschte 2007 in die Pleite, weil er mit CDS für minderwertige Hypothekenschulden einen Verlust von 11 Mrd.$ einstecken musste, und musste dann mit 85 Mrd.$ von der Fed und weiteren 150 Mrd.$ von der US-Regierung gestützt werden. Hinzu kommen weitere Derivatprodukte wie die „strukturierten Produkte“, die Banken an Investoren verkauften und in denen u.a. solche CDS enthalten sind.

Lewis warnte ausserdem: „Zunehmende Volatilität bei Rohstoffderivaten erfasst normalerweise auch verwandte Wertkategorien und führt zu Verlusten bei Zinsderivaten (in denen US-Banken 192 Bio.$ angelegt haben) und Devisen (31 Bio.$). Verluste in einem Marktsegment können aufgrund der Verflechtungen ansteckend wirken...“
Noch eine Anmerkung: Die Aufhebung des Lincoln-Zusatzes im Dodd-Frank-Gesetz hat zur Folge, dass nun auch Rohstoffderivate unter dem Schutz der US-Einlagenversicherung (FDIC) stehen. Das bedeutet, dass die Verluste mit Energiederivaten vom Steuerzahler – und im Fall eines „Bail-in“ von den Bankkunden – getragen werden.


Caroline Hartmann redigiert den wöchentlichen Newsletter des Schiller-Instituts e.V., aus dem dieser Text entnommen ist. Das Schiller-Institut mit Sitz in Laatzen bei Hannover wurde 1984 gegründet und wendet sich «gegen die trotzigen Anmassungen der Fürstengewalt» (Schiller).


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