Vivir Bien – gut leben!
Brief aus Bolivien und Ecuador
Seit 2007 und 2008 haben Bolivien und Ecuador neue Verfassungen, in denen “gut leben” (vivir bien) und das “Recht von Mutter Erde” (Madre Tierra, Madre Naturaleza, Pachamama) als Inhalte dieses neuen staatlichen Gesellschaftsvertrags festgeschrieben sind. Einige Wochen schon reise ich nun durch Bolivien und bin sehr beeindruckt von dem gesellschaftlichen Prozess, dem “proceso social”, wie man hier sagt, der auf allen Ebenen spürbar stattfindet.
Die beiden zentralen Pfeiler des Vertrags haben ihre Wurzeln im Weltverständnis (“cosmovision”) der indigenen Völker. Buen Vivir und der Respekt vor Pachamama richten sich explizit gegen das Wachstumsparadigma der Entwicklungspolitik und besonders gegen die Mechanismen der neoliberalen Globalisierung. Wir brauchen weltweit ein neues zivilisatorisches Paradigma, sagt man, und uns hier in Bolivien gibt die nach wie vor bestehende nicht-okzidentale Orientierung der indigenen Völker (“pueblos originarios”) die Richtung an. Obwohl nicht der Anspruch erhoben wird, dass die Weltsicht der andinen und amazonischen Völker auch für alle anderen die gleiche erkenntnisleitende Bedeutung haben sollte – man glaubt an die Vielfalt und hat genug von der einzig seligmachenden, aufgezwungenen Entwicklungsvision – so ist man doch der Meinung, dass der Rest der Welt durchaus etwas davon lernen kann. Der Meinung bin ich auch.
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