Während die Corona-Toten weltweit steigen und vielerorts wieder Lockdowns bevorstehen, habe ich mich gefragt, wie die Geschichte uns wohl beurteilen wird. Ein Ausschnitt aus einem fiktiven Geschichtsbuch aus dem Jahr 2500. Kolumne.

© Nicole Maron Oscamayta

In den Jahren 2020 bis 2022 breitete sich weltweit die Infektionskrankheit SARS-CoV-2 aus, umgangssprachlich Covid-19 oder Coronavirus genannt. Es handelte sich um einen grippeähnlichen Virus, der jedoch hochansteckend war und mehrfach mutierte. Zeitgenössischen Berichten zu Folge starben mehr als fünf Millionen Menschen an Covid.

Das im 21. Jahrhundert vorherrschende anthropozentrische Weltbild war ausgesprochen einseitig. Seit der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert hatte sich sich fast weltweit der Glaube durchgesetzt, dass durch wissenschaftliche Methoden die Wirkungsweise und Zusammenhänge im Kosmos realistisch erklärt werden können. Ausserdem glaubte man, menschenverursachte kosmologische Schäden mittels technischer Lösungen bekämpfen zu können: Als Reaktion auf das Bienensterben, welches Mitte des 21. Jahrhunderts zum Abschluss kam, baute man winzige fliegende Maschinen, Minidrohnen genannt, die das Bestäuben der Blüten übernehmen sollten. Der gleichen Logik folgte auch die Einführung von künstlichen Bäumen, welche CO2 in Sauerstoff umwandeln sollten, da auf Grund der Abholzung der Wälder das Überleben fast aller Spezies, inklusive des Menschen, gefährdet war. Das wissenschaftliche Weltbild, das spätestens ab Anfang des 22. Jahrhunderts als überholt galt, wurde vom bis heute gültigen ganzheitlichen Weltbild abgelöst.

Der kollektive Schock des alten Europa 

Bereits im 20. Jahrhundert hatten vor allem in der südlichen Region der Erde verschiedene Epidemien wie Sars, Ebola, Dengue oder Zikka grassiert. Doch erst das Auftreten des Coronavirus löste eine weltweite Angst aus, welche zu teilweise radikalen Massnahmen führte. Der Grund für die heftige Reaktion auf den Coronavirus sieht man inzwischen in der Tatsache, dass es sich seit Jahrzehnten um den ersten Virus handelte, der auch die damals Europa genannte Region betraf, welche als zivilisiert und fortschrittlich galt. Im Rückblick spricht man von einem kollektiven Schock. Und die Unmöglichkeit, SARS-CoV-2 mit den damals üblichen wissenschaftlich-rationalen Methoden auszurotten, wird als eines der ersten Ereignisse bezeichnet, die später zum globalen Bewusstseinswandel führten.

Zu den Massnahmen, die gegen die Ausbreitung des Coronavirus getroffen wurden, zählten unter anderem das globale Umarmungs- und Berührungsverbot sowie die – erstmals in Kanada verordnete – ärztliche Anweisung, beim Geschlechtsverkehr Masken zu tragen und aufs Küssen zu verzichten. Darüber hinaus wurden bis Ende 2022 weltweit immer wieder Lockdowns verhängt sowie Einkaufszentren, Restaurants, Schulen und andere so genannte nicht systemrelevante Einrichtungen geschlossen. Ohne die gewünschte Wirkung – die schnelle Ausrottung von SARS-CoV-2 – zu erzielen, richteten diese Stategien immense Kollateralschäden an, vor allem in der damals so genannten Dritten Welt. 

In Lateinamerika verloren laut zeitgenössischen Berichten der Internationalen Arbeitsorganisation ILO allein im Jahr 2020 mindestens 34 Millionen Menschen ihre Arbeit. Die damalige Prognose des Welternährungsprogramms der UNO, dass die Anzahl der Menschen, die einer Hungersnot ausgesetzt würden, allein in Lateinamerika und der Karibik von 4 auf 16 Millionen ansteigen würde, wurde in den folgenden Jahren um ein Vielfaches übertroffen.

Die sozialen Ungleichheiten verschärften sich, unter anderem auch im Gesundheits- und im Bildungsbereich. In der heutigen Weltmacht Peru zum Beispiel, welches damals als Entwicklungsland galt, hatten im ersten Pandemiejahr rund 15 Prozent der schulpflichtigen Kinder keinen Zugang zu Bildung, weil sie nicht über die technologischen Möglichkeiten für den Fernunterricht verfügten oder zum Arbeiten geschickt wurden, um das Überleben der Familien zu sichern. Zeitungsberichte aus dem Jahr 2020 zeigen Bilder von Primarschülern und Primarschülerinnen, die täglich stundenlange Fussmärsche auf sich nahmen, um auf höher gelegenen Berggipfeln Radioprogramme empfangen zu können, über die sie unterrichtet wurden (Begriffsklärung «Radio» siehe Verzeichnis ab Seite 365 dieses Geschichtsbuches).

Länder wie Peru wurden damals als unterentwickelt betrachtet. Erst ab den 70er Jahren des 21. Jahrhunderts fingen die heute gängigen Theorien und Prinzipien der indigenen Überlieferung an, auch bei der breiten Masse auf Akzeptanz zu stossen. Belege und Schriftstücke aus dem 21. Jahrhundert finden sich im Bildteil ab Seite 403.

 

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Nicole Maron Oscamayta aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Dekolonisierung und Menschenrechte.

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