«Gerade für uns Mütter ist Coworking praktischer als pendeln»

Verschiedene Arbeitsinseln, kreatives Miteinander, eigene Arbeitseinteilung: Coworking-Spaces sind oft inspirierend. Jenny Schäpper-Uster hat das schon früh erkannt. Sie ist Geschäftsführerin des Coworking Spaces «Büro Lokal» in Wil. Ausserdem war sie bis März 2020 Präsidentin des Verbands der Schweizer Coworking-Spaces. Nun will sie dieses Arbeitsplatzmodell von den Städten aufs Land bringen.

Ihr Coworking in Wil im Kanton St. Gallen gibt es ja bereits seit sieben Jahren. Was arbeiten da für Menschen?

Bei uns arbeitet ein buntes Gemisch von Personen zwischen 22 und 60: Angestellte aus der Telekom-, Bank- und Maschinen-Branche, freischaffende Texter:innen, Berater:innen, Grafiker:innen, ein junges Startup für Webapplikationen mit fünf Mitarbeitern, Coaches, Broker, Projekt Entwickler:innen und und und. Die Konstellation wechselt täglich und so trifft man immer andere Menschen an.

Gibt es viele „berufstätige Frauen mit Kind“ in euren Coworking Offices?

Seit ein paar Jahren schon, aber immer noch nicht so viele wie ich es bei der Gründung erwartet hatte.  Ich dachte damals, berufstätige Mütter würden meine Hauptzielgruppe und hätten das Bedürfnis, lokal arbeiten zu können und trotzdem aus dem Haus zu kommen.  Jetzt zieht es langsam an, aber sie bleiben eine harziges Segment. Vermutlich weil es noch kein koordiniertes Betreuungsangebot gibt.  Coworking mit Kita war so ein Traumziel, weil meine Jungs 2014 noch im Vorschulalter waren.  Heute machen sie bald den Sprung in die Sek und somit ist es für mich persönlich kein aktueller „Pain“ mehr.

 

Jenny Schäpper-Uster, von «Büro Lokal» in Wil, St. Gallen

 

Was genau wollt ihr in der Schweiz mit den Coworkings verändern?

Wir wollen das Thema aus den Städten auf’s Land bringen. Coworking in ländlichen Regionen birgt so viele Chancen, dass es – wenn es so zusammenkommt wie wir es uns wünschen – eine echte Eier-legende-Woll-Milch-Sau sein kann. Wir wollen den Dorfplatz rundum ein Coworking-Angebot neu denken. Lokale Ökosysteme neu aufbauen, wo Leute nicht nur wohnen, sondern wieder vermehrt lokal arbeiten, einkaufen und sich engagieren.  Der positive Nebeneffekt ist, dass die Umwelt von den reduzierten Pendelkilometer massiv verschont und die Investitionen für den Ausbau der Transport-Infrastruktur anders eingesetzt werden könnten. Zudem profitiert Jede:r vom Zeitgewinn.  Die Zeit kann für Familie, Sport und/oder eben lokales Engagement eingesetzt werden. Win-win-win, sozusagen!

Inwiefern hat euch die Coronakrise dabei geholfen, den Mindset zu verändern? Bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern?

Die Coronakrise hat alle Wissensarbeiter und Schüler in ein weltweites gleichzeitiges Massenexperiment geschickt.  Eine solche Studie hätten wir uns nie und nimmer leisten können (grins). Die Resultate zeigen, dass ALLE Firmen jetzt wissen, dass dezentrales Arbeiten DOCH geht, sogar in Sektoren mit heiklen Kundendaten wie Banken.  Das Argument «bei uns nicht möglich» ist nicht mehr glaubwürdig.  Jetzt, wo alle FlexWork getestet haben, wurde auch ersichtlich, wo Home Office an die Grenzen stösst: zu wenig Platz, Vereinsamung oder gerade das Gegenteil – alle zu Hause und an effizientes Arbeiten ist nicht zu denken.  Und jetzt kommt die ideale Lösung: Coworking.  Im Moment müssen wir voll Gas geben und das Angebot weiter ausbauen.  Denn wenn alle morgen auf einmal coworken dürften, hätten wir viel zu wenige Plätze in den Regionen.

Wie sieht der Plan für «Landeier»-Coworkings genau aus?

Gerade für uns Mütter ist das teils viel praktischer, als wenn wir in die nächste Stadt müssen. Bei VillageOffice ist das Land unser Fokus.  Bis 2030 wollen wir ein Netzwerk von 1000 Spaces aufbauen, damit jede und jeder die/der möchte, innerhalb von 15 Min mit Velo oder ÖV zu einem Coworking Space kommt.  Um unser Ziel zu erreichen, suchen wir Partnerschaften mit Gemeinden und weitere Partner, die an unser genossenschaftliches Entwicklungs- und Betriebs-Modell glauben.  Mit der SBB haben wir einen ersten Rahmenvertrag für den Ausbau von regionalen Bahnhöfen. Weitere Traumpartner wären zum Beispiel die Raiffeisen Bank (lokal-verankerte Genossenschaften) und die Post. Anstatt Poststellen zu schliessen, könnten sie in VillageOffices umgewandelt werden. 

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Ich hoffe, dass Coworking eines Tages zum Service publique wird. Jede anständige Gemeinde hat eine Bibliothek, die unterstützt, aber nie als Profit-Center betrieben wird.  Regionales Coworking wird nie ein extrem lukratives Geschäftsmodell im kapitalistischem Sinn sein. Aber den Mehrwert, den es für Standorte bringt, wäre gerade für unsere individualisierte Gesellschaft bedeutend.
 

18. September 2020
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