Die Bewegung zu sich selber

Tanztherapie kann seelische Wunden heilen

Man sieht es den Bewegungen der Menschen an, wenn sie von Ängsten geplagt werden oder sich wertlos fühlen. Durch dieses Fenster lässt sich nicht nur ins Innere schauen, es dient auch zur Befreiung der eingekapselten Kräfte und Gefühle. Das macht sich die Tanz- und Bewegungstherapie zunutze und erreicht damit Menschen, die einer Therapie sonst nicht zugänglich sind.

«Ich liebe den Tanz, denn er befreit den Menschen von der Schwere aller Dinge.» Dies erkannte der Kirchenvater Augustinus schon im 4. Jahrhundert. Tatsächlich hat der Tanz in vielen Kulturen nicht nur eine soziale, sondern auch eine rituelle, religiöse und damit therapeutische Funktion. Und wer sich ausmalt, was der aktuelle Begriff «abtanzen» bedeutet, erkennt auch eine Reinigung: Man tanzt aus sich heraus, was sich an Ballast angesammelt hat.
Diese Kräfte und Zusammenhänge lassen sich auch gezielt therapeutisch nutzen, seit den 40er Jahren in den USA und seit dreissig Jahren auch in der Schweiz. Neben der Amerikanerin Mary Wigman zählt die grosse Schweizer Tänzerin Trudy Schoop (1093 - 1999) zu den Pionierinnen der Tanztherapie. Nach dem Tod ihres Mannes wanderte die auf Europas Bühnen erfolgreiche Autodidaktin in die USA aus und begann in Kliniken mit Psychiatrie-Patienten zu arbeiten, auf Anhieb mit Erfolg. Sich selber hatte Trudy Schoop in der Jugend durch stundenlanges Tanzes ganz für sich allein von ihren Zwangsvorstellungen und Ängsten befreit.

Wie Tanztherapie funktioniert

Die Schweiz erreichte die Tanztherapie erst in den 80er Jahren. Eine der Pionierinnen der zweiten Generation ist Katherina Uthman, deren Begegnung mit Trudy Schoop schicksalsbestimmend wurde. Die gebürtige Griechin reiste Trudy Schoop nach und stürzte sich mit Leidenschaft und Ausdauer in die Arbeit. Vor zwanzig Jahren, 1987, gab sie ihre ersten Kurse in Tanz- und Bewegungstherapie, seit 1995 bildet sie an ihrer «Berner Tanz- und Bewegungstherapieschule» auch Berufsleute aus.
Im Gespräch mit Katherina Uthman und ihrer Stellvertreterin Tatiana Waeber wollen wir wissen, wie Tanztherapie funktioniert. «Wir arbeiten mit den psychischen Blockaden und Muster, die sich automatisch auch im Körper manifestieren», sagen die beiden, die auch den «Körper lesen» können. Solche Muster bestehen zum Beispiel aus der Überzeugung, sich immer anpassen zu müssen, immer Nähe zu brauchen (und sich selber dafür aufzugeben) oder gar keine zulassen zu können. Diese Muster wurden in der Kindheit erworben und haben zur Folge, dass wir nach einem trügerischen Selbstbild leben und zunehmend den Kontakt zu unserem wahren Selbst verlieren – ein idealer Nährboden für körperliche Leiden aller Art und psychische Störungen bis hin zu Neurosen und Psychosen.

Unbewusste Bilder werden sichtbar

Wie wird nun in der Tanztherapie mit diesem Material gearbeitet? Katherina Uthman zeigt dies beispielhaft am Muster des Nähe-Bedürfnisses. Die dahinter stehende Grundüberzeugung lautet: «Ich bin wertlos und muss das, was ich brauche teuer bezahlen» (z.B. durch Aufgabe meiner eigenen Bedürfnisse, übermässige Hilfeleistungen etc.). Im Tanz umgesetzt wird dann das positive Gegenbild: «Ich bin wertvoll, schön und einzigartig, die Welt braucht mich.» Wer unter einem solchen Muster leidet, hat anfangs grosse Widerstände, das positive Bild zu tanzen. Dabei werden die unbewusst wirkenden Bilder sichtbar und können sich auflösen. Manchmal braucht es ergänzende Gespräche dazu, manchmal beschleunigt Malen den Prozess. Aber die Bewegung bringt die festgefahrenen Bilder in Bewegung. Was man anderen mit dem Körper ausdrücken kann, wird auch einem selber erkenntlich. Es ist ein kleines Wunder der Wandlung, wenn z.B. ein Mensch, der sich seit seiner Kindheit wertlos fühlte den Tanz eines Königs tanzen kann – vor seinem Vater, der vielleicht das Gefühl der Wertlosigkeit auslöste.

Tanztherapie in der Klinik

Tanztherapie wird auch im klinischen Kontext angewandt. Für Dr. med. Thomas Fischer, Leiter der «Psychosomatik Sahli» am Inselspital Bern ist sie «bei erstaunlich vielen Patienten anwendbar», vor allem wenn es darum gehe, «nicht nur Schäden zu repaieren, sondern Stärken hervorzuholen». Forschungen zeigten, dass ein verändertes körperliches Verhalten auch Rückwirkungen auf die Psyche hat. Besonders erfolgreich sei die Tanztherapie bei essgestörten Patienten und solchen, die generell ein gestörtes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper haben.
Katherina Uthman versteht Tanztherapie allerdings nicht als festgelegte Behandlung, sondern als einen ganzheitlichen körperlich-seelischen Prozess mit folgenden Zielen:
  •     Ausdruck und Ausstrahlung: Verbesserung der körperlichen Selbst- und Fremdwahrnehmung
  •     «Bewegungsfreiheit»: Erweiterung des körperlichen Bewegungs- und Ausdruckspotenzials
  •     Erlebnisfähigkeit: Fähigkeit des Umgang mit Gefühlen
  •     Reflexion: Das im Tanz Erlebte verarbeiten.

Kern der Tanztherapie ist die therapeutische Choreographie, eine individuell gestaltete Form von Bewegungsabläufen, mit der der Einzelne seinem tiefsten Inneren mit Gefühlen wie Angst, Wut, Trauer, Freude, Kraft, Liebe Sexualität usw. Ausdruck verleiht und dadurch verwandeln und befreien kann. Sicht- und spürbare Resultate treten oft schon nach zehn Sitzungen auf.
Als Tanz- und Bewegungstherapeutin muss man keine Diagnosen stellen. Oder wie Trudy Schoop sich ausdrückte: «Tanz richtet sich immer an die gesunde Seite der menschlichen Natur, die in jedem Menschen vorhanden ist.» Aber auf dem Weg zum gesunden Kern begegnet man manchmal einigem Ballast. Wer sich von der Muse küssen lassen will, muss den Mut haben, die Wange hinzuhalten.
Christoph Pfluger

 
Ein eingespieltes Team: Die Leiterinnen der Berner Tanz- und Bewegungstherapieschule Katherina Uthmann (links) und Tatiana Waeber.

Der Weg zur Praxis der Tanztherapie

Die Berufsausbildung zur Tanztherapeutin dauert vier Jahre, die Zusatzausbildung für Berufsleute aus Bildung und Gesundheit ein Jahr. Sie umfasst neben Theorie und Praxis verschiedener tanztherapeutischer Methoden auch Psychologie und integrative Körperarbeit.
Im August beginnt eine einjährige Weiterbildung für KörpertherapeutInnen, PädagogInnen, PsychologInnen, die Tanz und Bewegung in ihre Arbeit integrieren möchten.
Die vierjährige Berufsausbildung beginnt am 8./9. September in Bern mit einem unverbindlichen Schnupperwochenende. Information und Anmeldung:
Berner Tanz- und Bewegungstherapieschule, Katherina Uthman, Postfach, 3001 Bern, Tel. 031 302 04 39, http://www.tanztherapie-schule.ch 
01. Juli 2007
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