Mehr Zeit mit Zen

Da und doch nicht da

Zen ist Sitzen in der Stille und beginnt mit der Konzentration auf die Bewegung des Atems: Aus und ein, hin und zurück, weg von mir, hin zu dir, zurück zu mir. Zen ist Konzentration auf diese Bewegung: Loslassen – sich wieder finden. Zen ist Zeit anhalten, ist Achtsamkeit auf die eigenen Gedanken und Sorgen und das Loslassen derselben; es ist wie ein Rhythmuswechsel zum gestressten Alltag und seinen täglich wiederkehrenden Anforderungen, ist Eintauchen in eine andere Zeit, etwas zwischen Wachen und Träumen.

Wir sind im Zen also da und nicht da, hellwach anwesend und schwebend distanziert, nahe diesem anderen Daseinszustand, der schon den Menschen der Vorzeit eigen war, dem intuitiven traumartigen Bewusstsein. Kürzlich haben Schlafforscher festgestellt, dass in der Schweiz, bezogen auf die letzten 10 Jahre, eine Stunde weniger geschlafen wird. Hoffen wir, es bleibe noch genug Zeit für diejenige Phase des Schlafes, die das Gefäss fürs Träumen bildet. In dieser Zeit des Schlafes, die auch als REM-Phase (Rapid Eye Movement) bezeichnet wird, leben wir in Bildern, können wir phantasieren, fliegen und abstürzen, Vergangenes und Zukünftiges zusammen bringen, mit Toten reden und mit Abwesenden streiten, reden wovon wir sonst schweigen, fliehen oder erstarren. Kurz: Da verschieben und verdichten wir wie in einem künstlerischen Schöpfungsakt. Dazu gehört das Wiederholen und Durchleben vergangener menschheitsgeschichtlicher Schrecknisse und Traumata. Das war so bei den frühen Menschen, das ist noch heute so in der mentalen Entwicklung des  Kleinkindes, das wie im Zeitraffer die ganze Stammesgeschichte durchlebt.
Beim Aufwachen, in den Morgenstunden erinnern wir uns vielleicht an eine Empfindung von Sinn, Glück oder Erschrecken, Widerhall von Gefahr und Urangst, die unsere Vorfahren in der Urhorde, im Stamm schicksalhaft erlebten und verarbeiten mussten.


Eine seltsame Gleichzeitigkeit: Als Freud 1895 in Wien den Traum als Zugang zu den tieferen Ablagerungen des menschlichen Bewusstseins entdeckte, wurden in Paris die ersten Filme gedreht und einem erschreckt-begeisterten Publikum vorgeführt. Damit wurden die Traumbilder, über Jahrtausende in Sedimenten abgelagert, aus dem Urgrund aufgewühlt und mit 24 Bildern pro Sekunde zum Laufen gebracht. Eine Technik war erfunden, die uns heute mit Bildern aus der Tiefe pausenlos begleitet und bedrängt.
Bei jedem Besuch des Klosters Kappel geschieht anderes. Auto auf Parkplatz, Hightech ausgeschaltet, zu FUSS um die Ecke der Zisterzienserkirche, vorbei an der Ostmauer aus uralten Sandsteinquadern, hinein in die harmonische Ordnung im Kreuzgang, über die Sandsteinschwellen und Platten, abgelaufen durch die Jahrhunderte: durch Mönchstritte, Besucherschritte, Anstaltsbewohner, Kursteilnehmerinnen. Das ist die Pause im Alltagsleben, das ist der Rhythmuswechsel, der Wechsel in ein Bewusstsein, das unten in der Tiefe liegt. Wenn wir doch diesen Bezug, diesen tiefen Atemzug, diese andere Qualität von Zeit in unseren hektischen, unruhigen und zerstreuten Alltag hinüber nehmen könnten
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Der Autor ist promovierter Theologe, Paartherapeut und leitet seit 25 Jahren Zen-Wochen. Vom 24. bis 26. April 2015 gibt er im Kloster Kappel ein Wochenendeseminar  «Mehr Zeit mit Zen». www.klosterkappel.ch


Mehr zum Thema finden Sie im Heft 135 Musse und Müssen
29. Januar 2015
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