Wo der «alte Mist» verschwindet

Herbergen sind zu Erholung da. In der Casa Betulla stösst man jedoch an seine persönlichen Grenzen. Das kann mindestens so heilsam sein – und ist manchmal sogar unumgänglich.

Burn-Out, Sinn- und Lebenskrise, Trennung, Verlust: Die Gründe, die Casa Betulla zu besuchen, sind vielfältig. Die individuellen Gesprächs- und Körpertherapien tragen dem Rechnung. Sie führen die Gäste Schritt für Schritt zurück zur Selbstverantwortung. Das neunköpfige Team rund um die Direktionsleiterin Francesca Zaugg Wulf verfolgt mit liebevoller Hartnäckigkeit die Entwicklungsschritte ihrer Schützlinge. Ganz im Sinne der Gründerin Johanna Thuillard, die sagt: «Wenn ich im Anderen sehe, was er Kostbares in sich hat, dann fordere ich und verlange das Beste von ihm ab. Ich habe Geduld mit jedem, aber ich dulde nicht, wenn jemand an seinem alten Mist festhalten will. Durch Transformation all unserer alten Muster entsteht sogar Dünger für die Basis eines erhebenderen Lebens.»

Um sieben Uhr werde ich mit einer Tasse Tee geweckt. Die Kerze auf dem Nachttisch wird  für mich angezündet. Vor dem gemeinsamen Frühstück mit den anderen Gästen geht es zu einer halbstündigen Meditation. Den Tag verbringt man oft in der Gemeinschaft und doch ist man meistens alleine mit sich. Das kann  furchtbar anstrengend sein! Es ist, als sässe man gefangen vor einem Spiegel und dürfte sich nur mit seinem Bild unterhalten.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und den verinnerlichten Glaubenssätzen, in die man sich verstrickt hat, fordert mich heraus. Das langsame Entwirren der eigenen Knöpfe führt über kleine Momente der Klarheit zurück zur Leichtigkeit. Zum Beispiel auf einem sonntäglichen Spaziergang, der die simple Erkenntnis bringt: «Ich habe alles bei mir, was ich zum Glück brauche.» Den «alten Mist», wie ihn Thuillard nennt, verbrenne ich in der Feuerschale im Garten.


Ein Traum wird Wirklichkeit
Ihre Hellsichtigkeit war für Johanna Thuillard lange Zeit eine Belastung. Heute sieht sie es als eine Gabe. «Ich musste damals diese Türe zuschlagen und ein «normales» Kind werden, vor allem meiner Mutter zuliebe.» Während einer Fiebergrippe hatte sie damals die Vision einer Herberge und eines Orts dafür, den sie einmal finden würde. An einem Herbstabend im Jahr 1986, beinahe schon um Mitternacht, war es so weit. Sie hatte sich auf dem Weg zu ihrer Tochter nach Losone (TI) verfahren. In einem kleinen Dorf stieg sie aus dem Auto, verwarf ihre Hände und fragte: «Was ist los? Warum habe ich mich verfahren?» Als Antwort entgegnete ihr eine Stimme von oben: «Da isches!»
Das kleine Dorf hiess Tegna und liegt am Eingang zum Centovalli, dort wo sich die Flüsse Melezza und Maggia vereinigen. Über 50 Jahre nach Johanna Thuillards Vision einer Herberge, in der Selbstheilungskräfte aktiviert würden, wo Körper, Geist und Seele in einem ganzheitlichen Ansatz mit einbezogen würden, nahm die Casa Betulla (von ital. Betulla = Birke) ihren Betrieb auf. Rund 2‘900 Menschen beherbergte das Haus seither.
 

Auf den Spuren des inneren Kindes
Die heute 76-jährige Johanna Thuillard sitzt in einem kleinen Zimmer mit Blick auf den Garten und erzählt aus ihrem Leben. Sie lacht dabei, unterstreicht ihre Geschichte mit Anekdoten. Aufgewachsen ist sie in Brienzwiler am Brünigpass, wo ihr Vater eine Schreinerei führte. Da es keinen Kindergarten gab, ging Johanna oft in den Wald und sprach mit  Bäumen und Pflanzen. Ihre vier Geschwister hatten altersbedingt andere Interessen: Johanna war eine Nachzüglerin. Sie war so ganz anders als ihre Familie, konnte schon als kleines Mädchen in Menschen hineinsehen. Sie bezeichnet sich als das schwarze Schaf der Familie, als Rebell, der schon immer nach «etwas Tieferem» gesucht habe. Doch manchmal, gibt sie zu, hätte sie auch einfach «gspunne».
 

Von den Röntgenstrahlen zum geschliffenen Diamanten
Ein Studium für Johanna konnte sich ihre Familie nicht leisten: Die Eltern waren arm, «aber nicht armselig», wie Thuillard betont. So musste sie bald ihr eigenes Geld verdienen. Nach ihrem Handelsschulabschluss arbeitete sie als kaufmännische Angestellte im Spital. Als eine Stelle zur Röntgenassistentin frei wurde, bewarb sie sich erfolgreich. «Gerade die gefürchteten Strahlen» meint Thuillard rückblickend, «waren wohl der Auslöser, damit ich wieder ‹sehen› konnte.» Sie beschreibt, wie sie eines Tages ein Röntgenbild eines Kopfes machte. Als sie hinter der Bleiwand stand, sah sie in den Kopf des Patienten, erkannte sein Leben und auch weshalb er krank geworden sei. «Verrückt nicht?» Johanna Thuillard war gut in ihrem Beruf, denn sie spürte intuitiv, wo eine Krankheit im Patienten zu verorten war.
Durch ihre Hellfühligkeit geriet Johanna Thuillard jedoch in eine enorme Identitätskrise. Sie suchte erst Hilfe bei einem alten Heiler in der Nähe von Thun. Bald darauf begegnete sie einem Schamanen und Medizinmann. Dieser lehrte ihr mit ihrer Gabe umzugehen. Später besuchte sie die indianischen Völker der Navahos und Hopis. «Das war für mich meine Universität», sagt Thuillard. «Ich habe nirgends sonst ein solches Wissen vorgefunden.» Sie begann sich mit dem Medizinrad auseinanderzusetzen und wurde als Medizinfrau anerkannt. Sie erzählt von der Heilung eines Schizophrenen durch ein indianisches Ritual, das 36 Stunden dauerte. «Das Ritual half ihm seinen Geist wieder ins Gleichgewicht zu bringen», wie sie sagt. Aber der Mann, der sie zu einem Diamanten geschliffen hat und über 28 Jahre lang begleitete, ist der tibetische Priesterarzt Chagdud Tulku Rinpoche.
Johanna Thuillard meint: «Dank ihm kann ich heute ein ganz gewöhnlicher Mensch sein.» Es gab Momente, wo sie in allen Menschen verschiedenste Dinge gesehen hat. «Da wird man verrückt!» Durch Chagdud Tulku Rinpoche lernte sie ihr Verrückt sein als etwas Kostbares anzusehen. Laut lachend sagt sie: «Ich bin ver-rückt auf ein höheres Gewahrsein».  


Die Kraft der Vision

1988 baute Johanna Thuillard ihr Wohnhaus in Tegna, hinzu kam bald das Seminarhaus, 2001 eine Herberge und später ein grosszügiger Garten. Stück für Stück hat die enthusiastische Frau ihre Vision aufgebaut. Viel davon in Eigenleistung und unter tatkräftiger Mithilfe ihrer Schülerinnen und Schüler. Jetzt läuft unabhängig von Thuillard die Planung für eine Wohnbaugenossenschaft mit 17 Wohneinheiten – die erste im Kanton Tessin –, mehreren Gemeinschaftsräumen und einem Permakulturgarten. Tragende Kraft dahinter ist Therapeutin und stellvertretende Leiterin der Herberge, Michela Nicora. Die gelernte Sozialpädagogin kam über einen Kurs von Johanna Thuillard zur Casa Betulla und ist geblieben.
Johanna Thuillard ist selbst nicht mehr als Therapeutin tätig. Sie ist noch Ehrenpräsidentin in der Stiftung Lebenstraum, die eine weitere Herberge in Häutlingen (BE) betreibt. «Wenn du eine solche Vision hast, hast du sie zu teilen. Das ist nicht mein Haus, das hat man der Menschheit zu schenken». Sie widmet sich heute ihrem grossen Gemüsegarten und beobachtet Tiere in ihrem Rustico über dem Tal. Sie geht viel auf Reisen und verfolgt mit Interesse, wie ihre Vision weitergetragen wird.
Und tatsächlich trage ich ein Stück dieser Vision mit mir nach Hause. Der alte Mist wartet vielleicht schon bei der Rückkehr am Bahnhof; aber nun habe ich das Rüstzeug ihm ein Schnippchen zu schlagen.     

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Casa Betulla, Campi Grandi di Sotto 9, 6652 Tegna,
Tel. 091 796 22 50
Weitere Informationen unter: www.casa-betulla.ch
www.stiftung-lebenstraum.ch


18. Oktober 2014
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