Umweltsünder mit Sitz im Schweizer Hinterland

Der Bergbaukonzern MMC Norilsk Nickel ist für eine der grössten Umweltkatastrophen in der Arktis verantwortlich. Für die zuständigen Behörden stellt das offenbar kein Problem dar.

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Ende Mai 2020, an einem Freitag, fährt Andrej ­Afinogenow seinen Wagen über eine Strasse im hohen Norden Sibiriens. Bald wird er am Kraftwerk Nummer 3 vorbeikommen, einem riesigen Komplex zur Versorgung der Stadt Norilsk. Dort leben 170’000 Menschen jenseits des Polarkreises, im Norden der Region ­Krasnojarsk. Plötzlich wird Andrej Afinogenow stutzig: Auf der Fahrbahn haben sich mehrere, teils tiefe Pfützen gebildet. Er hält an und merkt gerade noch rechtzeitig, dass die Pfützen nach Treibstoff riechen. Über das Dach rettet er sich aus seinem Fahrzeug, kurz bevor es in Flammen aufgeht.

Kein Zwischenfall, sondern der Anfang einer der grössten Umweltkatastrophen in der Arktis überhaupt. Verantwortlich ist der Konzern MMC Norilsk Nickel, kurz: Nornickel, der weltweit führende Produzent von raffiniertem Nickel und Palladium. Wenige Minuten zuvor war einer Sicherheitsmitarbeiterin aufgefallen, dass im riesigen Dieseltank Nr. 5 der Druck abgefallen und ein Leck entstanden war. Die Feuerwehr benötigte zwei Stunden, um das Auto zu löschen. Während sie das Gelände mit Kohlensäureschnee besprüht, ergiessen sich 21’000 Tonnen Diesel in die Tundra. Es dauert volle zwei Tage, bis die russische Regierung den gravierenden Vorfall in Norilsk zur Kenntnis nimmt und endlich Gegenmassnahmen einleitet. Die Umweltkatastrophe erinnert an die Ölpest, die der Tanker Exxon Valdez im Jahr 1989 vor der Küste Alaskas verursachte.

Der Bergbaukonzern konnte jahrelang unbehelligt seinen Geschäften nachgehen und musste kaum jemandem Rechenschaft ablegen. Die Metal Trade Overseas AG, Nornickels Standbein, befindet sich im Schweizer Hinterland in Zug beim Einkaufszentrum Metalli. Über diese Handelsgesellschaft, die hauptsächlich logistische und finanzielle Aufgaben wahrnimmt, exportiert Nornickel seine gesamte Produktion ins Ausland. Bis November 2019 war noch ein zweites Unternehmen registriert: Die Norilsk Nickel Holding AG, im Jahr 2000 in Genf gegründet und danach eine Zeit lang auch in Sarnen im Kanton Obwalden ansässig.

Während dieser Jahre in Genf finanzierte sich die Gruppe über dortige Banken, erhielt Kredite von BNP-Paribas und ING, aber auch von UBS, Credit Suisse und der Waadtländer Kantonalbank, wie dem Finanzbericht 2008 von Nornickel zu entnehmen ist. Inzwischen wurde deren Firmensitz nach Limassol auf Zypern verlegt, vermutlich aus Steuergründen.

Diese Katastrophe, ausgelöst durch eine in der Schweiz ansässigen Firma, zeigt die Dringlichkeit der Konzern-Verantwortungsinitiative, über die am 29. November 2020 abgestimmt wird.

Der Artikel wurde von Public Eye veröffentlicht.