Weshalb Narzissten praktisch nicht therapierbar sind

Egoistische und selbstverliebte Menschen bezeichnen wir gerne als Narzissten. Allerdings ist ein grosses Ego noch keine Diagnose. Denn dafür müssen ganz bestimmte Kriterien erfüllt sein.

Sind wir mal ehrlich: Ein bisschen selbstverliebt sind wir alle. Und das ist auch gut so. «Selbstsicherheit ist etwas Positives», sagt Eva Schürch, Dozentin für Psychologie an der Universität Bern und praktizierende Psychotherapeutin. «Personen, die ein gesundes Selbstwertgefühl haben, geht es besser, sie sind weniger psychisch krank.» Doch zu viel Selbstsicherheit kann toxisch sein. Zum Beispiel in der Form einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Natürlich sind nicht alle selbstverliebten Menschen von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen. Was diese ausmacht, legt die American Psychiatric Association in ihrem Klassifikationssystem DSM-5 fest. Darin sind neun Symptome definiert, die mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung einhergehen. Darunter sind beispielsweise ein Mangel an Empathie, der Wunsch, bedingungslos bewundert zu werden, und ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit. Treten bei jemandem mindestens fünf dieser Symptome auf, vergeben Fachleute die Diagnose narzisstische Persönlichkeitsstörung. Allerdings heisst das nicht, dass nur diagnostizierte Narzissten Schaden anrichten können. «Problematisch ist Narzissmus ab dem Punkt, an dem das Umfeld unter der Person leidet», sagt Psychologin Eva Schürch. Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung bekommen oft die Partnerinnen oder Partner der Patienten am meisten zu spüren.

Narzisstische Persönlichkeitszüge erkennt man oftmals erst auf den zweiten Blick.

Überheblich, egoistisch und manchmal sogar empathielos: So werden Narzisstinnen und Narzissten beschrieben. Trotzdem gibt es viele Menschen, die Beziehungen mit ihnen eingehen. Das lässt sich jedenfalls aus der Menge an Selbsthilfegruppen für Angehörige und Ex-Partner schliessen. «Narzissten haben viele Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft als positiv angesehen werden», erklärt Psychologin Schürch, «damit wickeln sie die Leute ein». Denn Narzissten sind charismatisch, treten selbstbewusst auf und können manchmal sogar empathisch sein. Dadurch verfügen viele über gute Führungsqualitäten. Diese Qualitäten wirken auf viele durchaus anziehend. Darum erkennt man narzisstische Persönlichkeitszüge oftmals erst auf den zweiten Blick.

«Narzissten können Menschen in ihrem Umfeld regelrecht zerstören», sagt Psychologin Schürch. Dabei ist das ganze Spektrum psychischer Störungen möglich. «Meist bringen Narzissten andere anfangs dazu, stark an sich selbst zu zweifeln. Als Folge entwickeln manche Partner eine Depression oder Angststörungen. Wenn es jemandem nicht gelingt, aus einer solchen Beziehung auszubrechen, kann dies fatale Folgen haben.» Für Beziehungen suchen sich Narzissten häufig Menschen aus, die bereits ein niedriges Selbstwertgefühl haben, die gerne gebraucht werden und alles für die Beziehung machen. Dass sich jemand an die Bedürfnisse eines narzisstischen Partners anpasst und somit dessen Störung befeuert, wird auch als Co-Narzissmus bezeichnet.

Fernbeziehung mit einem Narzissten könnte klappen.

Ist also Liebesglück mit Narzissten überhaupt möglich? «So etwas wie eine Fernbeziehung könnte ich mir vorstellen», erklärt Eva Schürch. «Man trifft sich, teilt gemeinsame Interessen. Aber jeder hat seinen Freiraum und kann sich zurückziehen.» So entstehe keine gefährliche Abhängigkeit. Es gebe zwar schon auch andere, engere Beziehungen mit Narzissten, die funktionieren, räumt Eva Schürch ein. Wie diese Dynamik genau funktioniert, sei allerdings nicht klar.

Wer hofft, dass die narzisstischen Züge des Partners oder der Partnerin einfach verschwinden, täuscht sich. Dies zeigt eine neue Studie, die im Journal of Management publiziert wurde. Forschende untersuchten den Zusammenhang zwischen narzisstischen Persönlichkeitszügen und der Fähigkeit, Fehler zuzugeben. Sie zeigte, dass Narzissten Erfolge immer auf ihre eigenen Fähigkeiten zurückführen, ohne dabei andere Faktoren zu beachten. Bei Misserfolgen hingegen reflektierten sie nicht selbstkritisch. Narzissten hinterfragen oder ändern ihr destruktives Handeln deshalb nicht. «Menschen, die eine narzisstische Persönlichkeitsstörung haben, leiden vordergründig selbst nicht darunter», stellt Psychologin Eva Schürch fest. «Sie sehen nicht ein, warum sie sich verändern sollen, denn die Welt muss sich ihnen anpassen.»

Ein Narzisst findet einen Therapeuten auch schnell mal inkompetent.

Das macht auch das Therapieren einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sehr schwierig. Betroffene gehen selten aus freien Stücken zu einem Psychologen oder einer Psychiaterin. Meist passiert dies, weil ein Partner mit einer Trennung oder eine Vorgesetzte mit einer Entlassung droht, sollte sich das Verhalten nicht ändern. Nur durch diese Motivation erkennen Betroffene, wie ihnen selbst der Narzissmus im Grunde genommen schadet. Diese Motivation kann allerdings schnell verschwinden, sobald keine Trennung oder Entlassung mehr droht. Dann sehen Narzissten meist keinen Grund mehr, in die Therapie zu gehen.

Doch selbst mit einer Motivation kommt es zu vielen Therapieabbrüchen. «Therapien für Personen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind wahnsinnig schwierig. Man muss auf der persönlichen Ebene extrem aufpassen, wie man mit diesen Leuten umgeht. Wenn sie sich nicht ernstgenommen fühlen oder die Therapeutin als inkompetent ansehen, sind sie weg», erklärt Psychologin Eva Schürch. Was man machen könne, sei, den Narzissten das zu geben, wonach sie sich eigentlich sehnten – bedingungslose Wertschätzung. «Es geht darum, ihnen die Erfahrung zu ermöglichen, dass sie trotz ihrer Probleme und ihres Narzissmus liebenswert sind. Eine Verhaltensänderung ist aber nicht garantiert.»

Doch wie entsteht eine narzisstische Persönlichkeitsstörung überhaupt? Fachleute sind sich einig: Die Genetik spielt bei der Entwicklung eine Rolle. Doch da hört die Einigkeit schon auf. Verschiedene Strömungen der Psychologie erklären die Ursachen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung unterschiedlich. «Eine beliebte Hypothese, die ich aufgrund meiner eigenen Forschung auch unterstütze, ist, dass das elterliche Umfeld eine Rolle spielt», erklärt Psychologin Schürch. Naheliegend ist, dass Kinder, die von den Eltern übermässig gelobt und als absolut einzigartig behandelt werden, eher narzisstische Züge entwickeln. Allerdings könnte auch eine bedingte Zuneigung dazu beitragen. Also, wenn Kinder von ihren Eltern nur dann Zuneigung erfahren, wenn sie brav sind und gute Noten schreiben. Diese Faktoren könnten, beispielsweise genetische, Veranlagungen verstärken. Doch klare Antworten über die Ursachen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt es nicht – ebenso wie bei vielen anderen psychischen Krankheiten.
 

26. September 2020
von: