Benachteilung der Männer – ein Thema erreicht den Mainstream

Der 1. Antifeminismus-Kongress und die Reaktionen darauf

Die Interessengemeinschaft Antifeminismus (IGAF) trifft ganz offensichtlich einen heiss umstrittenen, wunden Punkt in der Gesellschaft. Seit der Gründung im April verzeichnet sie nach eigenen Angaben bereits 600 Mitglieder und Sympathisanten aus dem In- und Ausland.

Grosses Medienecho erzielte das «1. Int. Antifeminismus-Treffen» vom 30. Oktober bereits im Vorfeld, weil der Wirt des ursprünglich vorgesehenen Veranstaltungsortes den Termin ohne angaben von Gründen stornierte.

Die IGAF schreibt dazu:
«Bis anhin waren wir es gewohnt, dass Veranstaltungen von rechtsradikalen Gruppierungen abgesagt werden. Dass jedoch ein Treffen von unbescholtenen Frauen und Männern, welche über aktuelle Probleme bei Scheidungs-, Unterhalts- und Sorgerechtsfragen diskutieren wollen, nicht genehm sind, ist etwas Neues. Die Teilnehmer des 1. Internationalen Antifeminismus-Treffen sind vorwiegend betroffene Männer, Mitglieder von Vorständen in Männerorganisationen und zahlreiche Anwälte, welche sich tagtäglich mit den genannten Problemen befassen.»

Das Treffen findet jetzt im «Giardino Verde» in Uitikon bei Zürich statt. Es will der «Mehrheit im Lande», die den Feminismus ablehnt oder ihm kritisch gegenüber steht, «endlich eine Stimme geben», und zwar mit folgenden Referaten:

 
Grussworte
Sven MarquardtMANNdat, Hamburg

Gleichstellung ist tot - Richtigstellung tut Not
George Zimmermann, Vorstandsmitglied Interessengemeinschaft geschiedener und getrennt lebender Männer (IGM), Erlinsbach

Die Erfolge der Emanzipation der Frau – vom Feminismus karikiert (Die Geschlechterbalance braucht Beide: Frau UND Mann)
Eckhard Kuhla – Vorsitzender Agens e.V. - Mann * Frau * Miteinander, Syke b. Bremen

Schweizer Väter werden täglich betrogen
Alfredo E. Stüssi – Präsident Männerpartei Schweiz

Biedermann und die Brandstifter: Weshalb wir in der Schweiz das männerfeindlichste Familienrecht der Welt haben
Michael De Luigi – Vorstand mannschafft, Zürich

Warum Antifeminismus?
Michail Savvakis (A. Xenos) - Publizist und Autor, Frankfurt, Der Maskulist

Weitere Infos und Anmeldung: http://www.antifeminismus.ch/antifeministentreffen/index.html


Gegründet wurde die IGAF vom Informatiker René Kuhn, Präsident der SVP der Stadt Luzern (2003 bis 2009), der nach dem Aufruhr um einen Blog-Eintrag über «linke ausgelumpte Weiber» zurücktrat. Im Januar 2010 erschien sein Buch «Zurück zur Frau – weg mit den Mannsweibern und Vogelscheuchen, ein Tabubruch». Das unzimperliche, politisch ziemlich unkorrekte Pamphlet über die Ungleichberechtigung des Mannes bricht eine Lanze, nein: schwingt den Zweihänder für eine echte Weiblichkeit. Zwei Drittel der Rückmeldungen stammen nach Angaben von Kuhn von Frauen und sind grösstenteils positiv. Sogar der Tagesanzeiger kommt zum Schluss: «Der ‹Frauenhasser› ist, bei Lichte besehen, ein ziemlich talentierter Frauenversteher.»
 
Mehr zum Buch: www.tabubruch.ch



Die Antifeminismus-Tagung wird auch von den Männerorganisationen kontrovers aufgenommen. Männer.ch, der Dachverband der Schweiizer Männer- und Väterorganisationen, der sich als «Stimme der gleichstellungsorientierten Männer in der Schweiz» versteht, schreibt in einer Medienmitteilung unter dem Titel «Berechtigte Fragen, untaugliche Antworten»:
1) männer.ch distanziert sich vom «Antifeminismus-Treffen» und verwehrt sich gegen einen Geschlechterkampf, welcher einseitig den (feministischen) Frauen die Schuld an den geschlechterpolitischen Verwerfungen zuschiebt.
2) Das «Antifeminismus-Treffen» gibt untaugliche Antworten, formuliert aber legitime Fragen. Es ist Ausdruck einer wachsenden Zahl von Männern, welche sich in ihrer Alltagsrealität und ihren Anliegen im Stich gelassen fühlen. Es ist Warnsignal für ein reales Problem: die ungenügende Berücksichtigung der Männeranliegen durch die Politik im Allgemeinen und die Gleichstellungsinstitutionen im Speziellen.
3) Auch aus Perspektive von männer.ch kann der gleichstellungspolitische Diskurs nicht länger einseitig der Frage folgen, wie Benachteiligungen von Frauen beseitigt werden kännen. Diese gibt es zwar nach wie vor (z.B. Lohnungleichheit), genau so wie es auch Benachteiligungen von Männern gibt (z.B. Dienstpflicht).
Die Benachteiligungen von Männern und Frauen gegeneinander aufzuwiegen ist jedoch in keinem Fall zielführend. Die Frage lautet nicht: Geht es den Männern oder den Frauen «schlechter»? Die Frage heisst: Wie können Männer und Frauen gemeinsam das Projekt «Chancengleichheit» zum Wohl aller gestalten?
4) männer.ch fordert die (Weiter-)Entwicklung eines echten Geschlechterdialogs, den ebenbürtigen Einbezug der Männer in den Gleichstellungsdiskurs und die konkrete Unterstützung von Buben- und Männerprojekten. Auch im gesetzgeberischen Prozess und bei öffentlichen Fördermassnahmen müssen – wie im benachbarten Ausland –die Anliegen von Buben und Männern vermehrt bewusste Berücksichtigung finden.
männer.ch steht für den Geschlechterdialog auf Augenhöhe ein. Polarisierungen und Schuldzuweisungen erachten wir als nicht hilfreich – weder von Seite der Männer noch von Seite der Frauen. Sie sind nicht geeignet, um die historische Chance einer geschlechtergerechten Gesellschaft zu realisieren, die es Männern und Frauen gleichermassen ermöglicht, ihre Lebensgestaltung frei und unabhängig von Rollenkorsetten zu bestimmen.

www.maenner.ch



Der Zeitpunkt hat das Thema natürlich auch behandelt, in der Nummer 89 vor  mehr als drei Jahren. Unter dem Titel «Die armen Männer – nicht einmal Frauen lieben die Opfer des Feminismus» beschreiben vor allem Frauen die unerwünschten Folgen einer Nivellierung der Geschlechter. Wir haben noch ein paar Hefte dieser immer noch aktuellen Ausgabe vorrätig.
Die Übersicht und den Haupttext finden Sie hier: http://www.zeitpunkt.ch/archiv/2007/89-die-armen-maenner.html
01. Oktober 2010
von:

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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