Guerilla im Arbeitsmarkt

Kann der Mensch alleine Arbeit finden? – Der Berufscoach Thomas Diener im Gespräch mit Christoph Pfluger

Zeitpunkt: «Arbeit kann viel mehr sein als ein Job» schreibst du in deinem Buch. die Realität sieht aber so aus, dass es nicht einmal normale, anständig bezahlte Jobs in annähernd ausreichender Anzahl gibt.

Thomas Diener: Der Arbeitsmarkt ist tatsächlich extrem individuell geworden. Er lässt sich nicht mehr mit den traditionellen Berufsbildern abdecken. Die Arbeitswelt ist zudem viel unmenschlicher und härter geworden, aber auch sehr vielfältig. Trotzdem: Es gibt sie noch die gute Arbeit, wenn auch nicht für alle.

Für wen denn?

Tramführer kann ein Fünfstern-Job sein oder Detailhandelsfachfrau. Es kommt auf die Einstellung an. Und man muss herausfinden: Was ist mein Ding?

Und dann stellt man fest, dass es mein Ding nicht gibt oder man nicht davon leben kann.

Viele hätten die Chance, ihr Ding zu finden. Die Handlungsspielräume sind noch da. Ich kenne Banker, die nach zehn, fünfzehn Jahren Arbeit in einer Bank das Bedürfnis spürten, etwas für die Welt zu tun und dann als Finanzer im non-Profit-Bereich einstiegen. Für viele ist die Arbeit allerdings zur blossen Profitmaximierung geworden.

Das ist doch die Realität!

Aber nicht die ganze. Neben den drei grossen Arbeitgebern Wirtschaft, Staat und NGOs hat sich ein vierter Arbeitsmarkt gebildet, die Social Entrepreneurs. Das Industriezeitalter geht zu Ende. Selbst beim Exportweltmeister Deutschland arbeiten nur noch sechs Prozent der Werktätigen in der Industrie. Alles, was systematisierbar ist, lässt sich früher oder später auch automatisieren. Ein wichtiger Bereich des Lebens lässt sich glücklicherweise nicht automatisieren: kreative und konzeptionelle Arbeit, menschliche Kommunikation, persönliche Dienstleistungen. Da öffnet sich ein grosser Wachstumsmarkt.

Die Automatisierung verlagert Einkommen von den Arbeitenden, die ihren Job verlieren, zu den Besitzenden. Dieser Wachstumsmarkt wird nicht viel Beschäftigung bringen.

Ja, es ist für viele schwieriger geworden, Arbeit zu bekommen, und oft ist sie schlechter bezahlt. Auf individueller Basis sind die Möglichkeiten jedoch immens. Fast möchte ich sagen: Je abstruser die Idee, desto grösser die Chancen. Ich möchte dies mit einem Beispiel aus den Anfängen meiner Arbeit als Berufscoach vor fünfzehn Jahren illustrieren. Ein junger Mann kam zu mir, der sein Hobby Barocktanz so intensiv betrieb, dass er ein ausgewiesener Fachmann war. Heute gibt er Kurse an Musikhochschulen, wo die historische Aufführungspraxis gelehrt wird – und lebt davon.

Jeder normale Berufsberater hätte dringendst davon abgeraten.

Trotzdem war es das Richtige für ihn. Das liess ihn auch die Ausdauer entwickeln, die es neben der Begeisterung für den Erfolg braucht. Es wäre volkswirtschaftlich gesehen viel kostengünstiger, die Leute mit Stipendien in der selbständigen Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu unterstützen als veraltete Arbeitsplätze mit Subventionen zu erhalten. Frithjof Bergmann, der diesen Vorschlag machte, spricht von einem Verhältnis von eins zu fünfzig. Zur Zeit wird mit Milliarden Euro Subventionen in Berlin ein Flughafen als Güterdrehscheibe gebaut. Es werden damit ein paar wenige – schlecht bezahlte – Arbeitsplätze geschaffen, die erst noch in Schiphol, dem bisherigen Luftfrachtzentrum, verloren gehen. Mit dem Geld könnte man Zehntausenden eine neue Perspektive geben.

Das Beispiel zeigt doch deutlich, dass neue Arbeitsplätze vom Kapital abhängen. Wenn es ihm gefällt oder wenn es sich rechnet, neue Arbeitsplätze in Europa zu schaffen, dann haben wir sie hier, sonst werden sie in Billiglohnländer ausgelagert.

Wertschöpfung geschieht nicht mehr in der Produktion. Die Herstellung eines Adidas-Schuhs, der bei uns für 150 Franken verkauft wird, kostet in Vietnam weniger als drei Franken. Der grösste Teil der Wertschöpfung entsteht durch Markenbildung, Design und Vertrieb. massschuh.de zum Beispiel stellt innovativen Handwerkern eine Software zur Verfügung, mit der sie ihren Kunden Massschuhe herstellen können, die nicht viel mehr als gute Konfektionsschuhe kosten.

Auch dieses Konzept lässt sich früher oder später mit vietnamesischen Schuhmachern zu einem Bruchteil der Kosten realisieren. Was ich damit sagen will: Wir werden nicht darum herumkommen, die Globalisierung einzuschränken, wenn wir in Europa noch arbeiten wollen.

Der Effekt der Globalisierung hängt sehr stark von unserem Selbstverständnis ab. Bis in die 70er Jahre verstanden wir uns vor allem als Arbeitnehmer. Heute sind wir in erster Linie Konsumenten, die alles möglichst gut und billig haben wollen. Als Kollektiv realisieren wir nicht, dass billige Produkte und Dienstleistungen auch tiefe Löhne bedeuten.

n Das tönt reichlich unpolitisch. Arbeitsverhältnisse sind heute doch auch Machtfragen. Auf die Entscheidung, ob noch gearbeitet werden kann oder nicht, haben wir politisch keinen Einfluss. Das muss doch geändert werden, sonst wird sich die Armut weltweit ausbreiten.
Die politische Dimension gehört zwar zu unserer Arbeit, aber mit politischen Parolen ist den Menschen in der Laufbahnberatung nicht geholfen. Wenn sich Leute jedoch zusammentun, haben sie mehr Macht.

Und wie kommen wir zu dieser Solidarität?

Durch Leidensdruck?

Leidensdruck führte bis jetzt zur Individualisierung, zum Guerilla-Kampf auf dem Arbeitsmarkt, zu den unseligen Ich AGs.

Ja, die Ich AGs sind ein zynischer Weg der Selbstausbeutung und gründlich gescheitert. Die Hoffnungslosigkeit dieses Konzeptes zeigt dieser Witz: «Was ist das: Ein Mann sitzt allein mit einer Kiste Bier unter einem Baum und trinkt? – Eine Ich AG auf Betriebsausflug.» Auf der anderen Seite versinken Leute in der Hoffnungslosigkeit und warten darauf, dass die Wirtschaft oder der Staat Arbeitsplätze schaffen, was natürlich nicht geschehen wird. Und die Arbeitslosengelder werden mit Sicherheit weniger …

Fassen wir zusammen: Wenn wir auf dem Arbeitsmarkt unsere Chance wahrnehmen wollen, müssen wir auf der individuellen Ebene unsere eigene Begeisterung entdecken, an unserer Fähigkeiten arbeiten und unbeirrt unsere Nische suchen oder entwickeln. Auf der kollektiven Ebene bräuchte es mehr Solidarität, aber da fehlen uns vorderhand die Rezepte.

Es gibt auch viele gute Beispiele, vor allem in Südamerika, wo sich die kooperative Wirtschaft zum massgeblichen Faktor entwickelt. Dort geschieht etwas sehr Revolutionäres, aber es ist uns noch nicht bewusst. Wir brauchen Team AGs. An meinen Workshops stelle ich immer wieder ein erstaunliches Interesse unter den Teilnehmern fest, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen. Aber leider bin ich nicht der Sozial-Utopist, der mit wehenden Fahnen vorausgeht. Vielleicht müssen wir alle ein bisschen Sozial-Utopisten werden und Gemeinsames wagen.



Thomas Diener (*1961) wurde Ende der 80er bekannt als Schweizer Verleger des alternativen Branchenbuchs. In diesem Zusammenhang erkannte er die grosse Nachfrage nach Arbeitsplätzen in «grünen» Firmen und gründete 1991 die Fairwork GmbH, die sich auf Arbeitsvermittlung und Berufscoaching spezialisierte. Als Geschäftsführer der Fairwork gibt Thomas Diener Seminare in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und der Slowakei.
Von ihm ist vor kurzem des Buch «Essenz der Arbeit – die Alchemie der Berufsnavigation» erschienen (Arbor, 2006.120 S. Fr. 23.50/Euro 12,90). Auf verschlungenen Pfaden, inspiriert vom alchemistischen Wissen des Mittelalters, befasst sich Thomas Diener mit der Frage, was wir wirklich wollen und wie wir es in unseren beruflichen Alltag integrieren können. Schritt für Schritt begleitet er uns dabei, den verborgenen Schatz zu heben, der in unseren Träumen, unseren ureigenen Qualitäten sowie in unseren Lebensthemen verborgen liegt. Mit einem Vorwort von Frithjof Bergmann.
Aktuelles Kursdatum: 27. - 29 April 07 «Lebensziel, Berufung und Beruf», ein Wochenende für Menschen, die sich beruflich verändern wollen. Zürich, Schweiz
Kontakt: Thomas Diener, Fairwork GmbH, Postfach 9510, 8036 Zürich. Tel. 01/350 68 43, e-mail: info@fairwork.ch, www.fairwork.ch