Materialismus in der Wissenschaft überwinden

Rupert Sheldrake über Glaubenssätze in der Forschung

«Seit dem neunzehnten Jahrhundert wird der Materialismus mit wirklich durchschlagendem Erfolg propagiert», schreibt der englische Biologe Rupert Sheldrake in seinem Buch «Der Wissenschaftswahn». «Millionen von Menschen sind zu diesem ‹wissenschaftlichen› Weltbild bekehrt worden, auch wenn sie von Wissenschaft eigentlich wenig Ahnung haben. Sie sind gleichsam Gläubige der Kirche der Wissenschaft – des Szientismus –, und die Wissenschaftler stellen darin die Priester.»


Doch das materialistische Weltbild, das Pflanzen, Tiere und Menschen zu Maschinen macht, ist nicht haltbar, sagt er: «Für die meisten Menschen, insbesondere wenn sie Gärtner sind oder Hunde, Katzen, Pferde und andere Tiere halten, ist sonnenklar, dass Pflanzen und Tiere Lebewesen und nicht Maschinen sind.» Die Wissenschaft dagegen versucht unbeirrt, Leben als Funktion von Physik und Chemie zu erklären. Zu diesem Zweck verleiht sie Molekülen persönliche Eigenschaften, wie dies Richard Dawkins tat, als er die DNA in seinem Bestseller Das egoistische Gen mit den «erfolgreichsten Gangstern von Chicago» verglich. Auch die Übertragung von Gedanken und Gefühlen, wie sie viele Haustierhalter erfahren und wie sie Sheldrake in seinem weiteren Buch «Der siebte Sinn des Menschen» darstellt, ist für diese Wissenschaftler ein Ding der Unmöglichkeit; deshalb brauchen sie auch nicht nach Erklärungen zu suchen.


Doch Zweifel an ihren Dogmen verbreiten sich auch unter Wissenschaftlern – nur sprechen sie nicht darüber. Sheldrake stellt jedenfalls einen «Kontrast zwischen ihren öffentlichen Äusserungen und dem, was sie im privaten Gespräch sagen», fest. Nicht auszudenken, welche Erkenntnisse und wissenschaftlichen Erfolge uns erwarten, sobald die Dogmen überwunden sind.


Nachfolgend die zehn zentralen Glaubenssätze, die sich die meisten Wissenschaftler gemäss Sheldrake ungeprüft zu eigen machen:


1 Alles ist mechanischer Natur. Hunde zum Beispiel sind nicht etwa lebende Organismen mit ihren ganz eigenen Zielsetzungen, sondern komplexe Mechanismen. Auch Menschen sind Maschinen, in Richard Dawkins‘ lebendiger Ausdrucksweise sogar «schwerfällige Roboter». Ihre Gehirne sind wie genetisch programmierte Computer.


2 Materie besitzt grundsätzlich kein Bewusstsein. Sie hat keine Innerlichkeit, keine Subjektivität, keine «Ansichten». Auch menschliches Bewusstsein ist pure Täuschung, vorgespiegelt vom stofflichen Geschehen im Gehirn.


3 Die Gesamtheit von Materie und Energie ist immer gleich (der Urknall, mit dem alle Materie und Energie urplötzlich erschien, ist die einzige Ausnahme).


4 Die Naturgesetze stehen ein für alle Mal fest. Sie sind heute so, wie sie von Anfang an waren und für immer sein werden.


5 Die Natur kennt keine Absichten, Evolution ist ohne Richtung oder Ziel.


6 Biologische Vererbung ist ausschliesslich materieller Natur, vermittelt über das genetische Material, die DNA, und andere materielle Strukturen.


7 Der Geist, unser Denken und Fühlen, sitzt im Kopf und ist nichts als Gehirnaktivität. Wenn wir einen Baum betrachten, ist das Bild, das wir sehen, nicht da draussen, wo es zu sein scheint, sondern innen, im Gehirn.


8 Erinnerungen sind als materielle Spuren im Gehirn gespeichert und werden beim Tod gelöscht.


9 Unerklärliche Phänomene wie Telepathie sind reine Einbildung.


10 Mechanistische Medizin ist die einzig wirksame Medizin.


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Rupert Sheldrake: Der Wissenschaftswahn – warum der Materialismus ausgedient hat. O.W. Barth, 2012. 491 S. Fr. 35.90. Auch als Taschenbuch erhältlich. Grundlagenwerk der Wissenschaftskritik.


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Weitere Antworten auf die Frage «Was wäre wenn?» in Zeitpunkt 141

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Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

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