Reise mit Risiken

Der spirituelle Weg ist vielleicht kürzer geworden, aber leider nicht einfacher. Einer einzigen Lehre, dem richtigen Meister zu folgen, führt für die wenigsten Menschen zur Wahrheit. Aber deswegen zuhause bleiben?

Früher war bekanntlich alles besser und ging auch irgendwie leichter. Als spiritueller Sinnsucher setzte man sich vor den Tempel oder die Hütte des erwählten Meisters und wartete einige Jahre, bis der einen beachtete und als Schüler annahm. Dann liess er einen Jahre und Jahrzehnte lang die unangenehmsten Dinge tun, und ehe man es sich versah, war man alt, krank – und plötzlich erleuchtet, weil die Egostruktur auf einmal kollabiert war.

Risiken für die psychische Gesundheit
Dieser klassische spirituelle Weg scheint heute nur noch in den seltensten Fällen zu funktionieren und dann auch eher bei Menschen aus traditionellen spirituellen Kulturen. Für uns Westler gestaltet sich die Suche nach dem richtigen Weg immer schwieriger, weil das Angebot immer grösser wird. Die Suche nach der wahren Methode oder dem richtigen spiritu- ellen Lehrer gleicht dem Einkauf vor einem endlosen Regal mit Marmeladen – wir müssen uns zwischen 30 verschiedenen Herstellern und 50 verschiedenen Geschmacksrichtungen entscheiden.

Während aber der Griff zur falschen Marmelade keine weitreichenden Folgen hat, kann der Griff zum falschen Meister schwer auf die psychische Gesundheit schlagen. Vor allem wenn der Meister selbst zur Übergriffigkeit bei seinen Schülern und Schülerinnen oder deren Kindern neigt. Im spirituellen Bereich gilt daher die alte Devise «Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was Bess’res findet!» Woher weiss ich nun aber, ob der Mensch, den ich mir zum geistigen Wegweiser auserwählt habe, oder die erwählte Methode auch wirklich zu mir passt? Grosse Enttäuschung: Eine Garantie gibt es dafür nie! Es gibt weder einen Meister- noch Methoden-TÜV. Selbstverantwortung und eine kritische Grundhaltung, die spirituell begeisterten Menschen anscheinend schwerer fällt als dem Rest der Menschheit, sind unverzichtbar.

Selbstverantwortung
Zugegeben: Viele spirituelle Traditionen haben ein grosses Problem, wenn ihre Anhänger Selbstverantwortung übernehmen und nicht mehr bereit sind, formbar wie Wachs in den Händen des Lehrers zu sein, was ja gemäss den traditionellen Lehren das typische Schülerverhalten sein sollte. Die Bereitschaft, den eigenen Willen aufzugeben und sich der religiösen Lehre zu überlassen, wurde in der Geschichte der Spiritualität als Notwendigkeit des Ego-Transformationsprozesses angesehen. Vielleicht mag diese Methode in vergangenen Zeiten, in denen der Ge- danke der Individuation eher unbekannt war, ihre Berechtigung gehabt haben, heute passt sie kaum mehr. Genauso wenig wie die Überzeugung vieler spiritueller Bewegungen «Was mich nicht umbringt, macht mich stark!» Der spirituelle Weg wurde sehr oft nur als Kampf gegen das Ego, die Triebe, den Körper etc. gesehen. Je härter und asketischer er geführt wurde, als umso erfolgsversprechender galt er.

Es geht mir hier nicht darum, eine Wohlfühl- und Wellness-Spiritualität zu propagieren, doch wenn wir die Quantenphysik ernst nehmen, nach der die Wirklichkeit eins und ungeteilt ist, dann ist auch un- ser Körper Teil dieser Wirklichkeit. Der Kampf gegen sich und den eigenen Körper führt damit eher nicht zu einem gesunden ganzheitlichen Sein.

Je nach Charakter der richtige Weg
Ob wir nun Spiritualität als Kampf mit und gegen uns oder als Weg des Zulassens auffassen, hängt natürlich massgeblich von unserer Persönlichkeitsstruktur ab. Wem Verständnis und Einsicht und Einsehen wichtig sind, wird sich vermutlich einer philosophisch ausgerichteten Spiritualität zuwenden, während die Emotionaleren eher den Weg von persönlicher Hingabe und Gefühlsbetonung wählen werden.

Dazu kommt die Selbstwahrnehmung. Wer vom eigenen Können überzeugt ist, wird auf dem Weg zur Erfahrung auf göttliche oder kosmische Hilfe eher verzichten, als jemand, der das eigene Scheitern immer wieder als schmerzvoll und destruktiv erfahren hat. Menschen, die sich Transzendenz personal vorstellen, werden sich einem der klassischen theistischen Systeme verbunden fühlen, während die- jenigen, die das Apersonale eher anspricht, einen Weg wählen, in dem nicht die persönliche Gottesbegegnung im Mittelpunkt steht. Für welchen Weg man sich letztlich entscheidet, hängt in der Regel von der eigenen Ausgangsbasis ab. Wer sich um all diese Fragen weniger kümmert und einfach loslegt, indem er verschiedene Wege und Lehrer ausprobiert, dessen Wahl wird wahrscheinlich vom Sympathiefaktor eines Lehrers und der guten Umsetzbarkeit einer bestimmten Methode beeinflusst.

Einer für immer für alles?
In der spirituellen Szene begegnet uns zudem ein relativ neues Phänomen: Menschen probieren verschiedene Methoden aus, kombinieren sie und greifen je nach Lebensphase auf die eine oder andere zurück.

Dieses Vorgehen wird in den klassischen Lehren argwöhnisch beobachtet. Dort herrscht die Vorstellung vor, einen einmal gewählten Weg nicht mehr zu verlassen, da sich nur durch die konstante Einübung Erfolge einstellen. Sicher bedarf der spirituelle Weg einer Konstanz. Allerdings bedienen verschiedene Methoden auch unterschiedliche Bereiche des psychischen und spirituellen Erlebens und Empfindens – das nebeneinander Praktizieren von unterschiedlichen Techniken muss nicht primär schlecht sein.
Entscheidend ist letztlich, sich bewusst zu machen, was man erreichen will. Geht es mir um die Erfahrung von besonderen und aussergewöhnlichen Bewusstseinszuständen oder darum, gelassener zu werden? Möchte ich meinen Energiekörper erfahren, oder soll mein Leben tiefer und beglückender werden? Will ich eine radikale Transformation, oder will ich Zeuge im reinen Gewahren sein? Oder will ich alles zusammen und am Schluss gar nichts mehr, weil ich nicht einmal mehr wollen will?

Katharine Ceming promovierte in Philosophie zu Meister Eckhart und Johann Gottlieb Fichte und in Theologie zum Verhältnis von Menschenrechten und Religion. 2008 erhielt sie den Mystikpreis der Theophrastus Stiftung. Sie lebt als freie Seminarleiterin und Publizistin in Augsburg.

www.quelle-des-guten-lebens.de
02. Mai 2012
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