Die Arroganz der Resignation

Bevor ich überhaupt mit diesem Text beginne, möchte ich vorausschicken, dass ich grossen Respekt vor Menschen habe, die ihr Bestes geben oder gegeben haben und «einfach nicht mehr können». Denn das ist wertvoller Selbstschutz und keine Resignation. Die Samstagskolumne.

Bergsteiger
Resignieren beim Aufstieg ist unpraktisch. Foto: Pixabay

Doch Resignation ist tatsächlich oft ein Irrtum, und noch dazu ein «vom System» suggerierter – was es umso schlimmer macht.

Auch Resignation ist Selbstschutz

Resignation bedeutet, man hält eine Sache für aussichtslos und hört deshalb auf, zu kämpfen bzw. überhaupt irgendetwas zu tun. Wer in Sachen Demokratie oder Gaia resigniert, der begibt sich in eine hoffnungslose Grundhaltung, dreht sich um, murmelt «Es ist eh alles egal», wählt rechts oder kauft sich einen SUV.

Wer richtig gründlich resigniert, für den bedeutet Resignation eine Entlastung. Er übergibt sein Gewissen sozusagen dem Mainstream und ist damit, energetisch betrachtet, fein raus. Ich meine das rein beschreibend, nicht bewertend. Auch Resignation hat einen Aspekt des Selbstschutzes.

Resignation wegen Selbstüberschätzung?

Entscheidend ist, was der Resignation vorausgeht. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Ich bin 13 Jahre alt und möchte den Mount Everest besteigen. Schon auf halbem Weg zum Basislager merke ich, wie mir bei 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken die Kraft ausgeht, und ich resigniere. Der Resignation ging in diesem Fall ein unrealistisches Ziel voraus.

Zweites Beispiel: Ich bin 70 Jahre alt und will mich nochmals so richtig verlieben. Nach drei Dates gebe ich auf und resigniere. Was ging hier der Resignation voraus? Offenbar eine Fehleinschätzung meiner Chancen. Natürlich könnte das klappen, aber eben nicht so schnell. Vielleicht brauche ich 15 oder 30 Versuche. Hinter der Fehleinschätzung könnte sehr leicht Selbstüberschätzung stecken: «Ich bin so schön, dass alle auf mich fliegen, sobald ich mich zeige.»

Das alte Tellerwäscher-Märchen

Damit sind wir der Kernaussage des Titels schon auf der Spur. In Sachen Demokratie oder Mitwelt lohnt sich aber eine Vertiefung. Beides sind hochkomplexe Themen. Sehe ich also die Demokratie oder die Mitwelt gefährdet, dann kann mich das so sehr berühren, dass ich aktiv werden möchte. Bis dahin gibt es auch kein Problem. Bin ich aber nun der Meinung, ich könnte die Demokratie oder die Mitwelt «retten» (oder das Klima oder die Berggorillas oder …), dann habe ich entweder nicht die Dimension des Problems verstanden oder ich halte mich für Supergirl oder Superman – und bin damit dem «System» aufgesessen, das mich glauben machen will, ich, ich ganz allein, könne der oder die Grösste sein, könne vom Tellerwäscher zum Millionär werden.

Leidenschaftliche Geduld

Anders herum: Mit einer realistischen Einschätzung der Situation und einer mit Leidenschaft gepaarten Geduld kann ich immer neue, kleine, erfolgreiche Schritte tun und vielleicht sogar das grosse Ziel erreichen. Unter Umständen bezwingt ja der 13-Jährige zehn Jahre später den Mount Everest – nach viel Training, Bergsteigerkursen und 1000 Stunden Erfahrung am Berg. Spirituell benutzt man in so einem Fall das unscheinbare Wörtchen Demut, hinter dem sich eine mächtige Möglichkeit verbirgt.

Wenn Demut sich mit der Erkenntnis verbindet, dass grosse Ziele nie allein zu bewältigen sind, dass wir dafür PartnerInnen, BegleiterInnen, FreundInnen, UnterstützerInnen, kurz Gemeinschaft brauchen, dann nimmt nicht nur die Arroganz ab, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, resignieren zu müssen. Sogar der halbe Weg zum Ziel kann dann schon eine Menge Spass gemacht haben.


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Bobby Langer

Submitted by cld on Mi, 04/05/2023 - 07:30
Bobby Langer

*1953, gehört seit 1976 zur Umweltbewegung und versteht sich selbst als «trans» im Sinn von transnational, transreligiös, transpolitisch, transemotional und transrational. Den Begriff «Umwelt» hält er für ein Relikt des mentalen Mittelalters und hofft auf eine kopernikanische Wende des westlichen Geistes: die Erkenntnis nämlich, dass sich die Welt nicht um den Menschen dreht, sondern der Mensch in ihr und mit ihr ist wie alle anderen Tiere. Er bevorzugt deshalb den Begriff «Mitwelt».

Kommentare

Resignation ist aufgeben

von juerg.wyss
Somit hat Resignation keinen Aspekt des Selbstschutzes. Im Gegenteil, Resignation ist die Aufgabe des Selbstschutzes. Man lässt alles über sich ergehen. Man schaut zu, wie der Planet zerstört wird, weil man eh nichts mehr machen könnte. Hier ist wieder einmal sehr schön erkennbar, wie sich Gefühle und Gedanken vermischen. Gefühle werden Gedanken zugeschrieben sowie Gedanken Gefühlen. Dies ist in einer schizophrenen Welt leider normal. Aber berücksichtigt man, dass Resignation ein Gefühl ist und Arroganz ein Gedanke, dann erkennt man im obigen Text eine Vermischung der beiden Ebenen sowie das nur die Hälfte wahr ist! Dies ist keine Veurteilung des Schreibers, dies ist eine Tatsache die auf 90% aller Menschen zutrifft. So ist die Arroganz, die die Resignation verursacht hat nicht vom Resignierten, sondern von jemanden, der mit der Resignation des anderen rechnet.

Arroganz der Resignation

von ChristophS
Ich finde den Titel die Arroganz der Resignation sehr provokativ, so provokativ, dass sogar ich aus meiner latenten Resignation aufgeschreckt bin. Arroganz bedeutet für mich Überheblichkeit. Wie wir als Menschen mit Mutter Erde umgehen ist von aussen betrachtet sehr arrogant. Ich bin der Chef hier und ich beute aus so lange und so viel wie ich will und selbstverständlich fahre ich mit meinem SUV sie viel und so lange wie ich will. Soweit bin ich absolut einverstanden. Nun ist es jedoch so, dass die Resignation den meisten Menschen inhärent ist und dies nicht weil sie per se arrogant oder sonstwie nicht ganz richtig sind, sondern weil es ganz früh im Leben die einzige Möglichkeit war zu überleben. Wenn frühe essentielle Bedürfnisse nicht gesehen oder gar bestraft wurden, wenn das Baby schreit und niemand kommt um die zu enge Windel zu lösen und das geschieht immer wieder, ja, dann kommt irgendwann der Moment der Resignation, weil das hoffnungslose Schreien auch irgendwie zu viel Energie braucht. Die Stärksten schreien wohl weiter und ihre Lungen werden immer stärker, aber die meisten von uns haben irgendwann aufgehört. Die Resignation, die unbewusst in uns immer wieder bremst, wenn es darum ginge erst recht aktiv zu werden, will zuerst einmal erkannt und als frühe Lebensretterin wertgeschätzt werden und erst dann wird sie ihre sog. Arroganz ablegen, die zu enge Windel lösen und aufstehen. Welch wunderbare Welt werden wir erschaffen, wenn wir die Resignation nicht mehr beschuldigen, dass sie uns lähmt, sondern sie erwachsen werden lassen und als innere Weisheit in die Gemeinschaft all unserer Fähigkeiten aufnehmen.