100 Offiziere und eine kleine Protestaktion

November 1973. Was eine gesellschaftskritische Filmwoche mit bestandenen Offizieren zu tun hatte, was heute zu einem Grosseinsatz der Polizei führen würde – und warum meine Grossmutter mich nicht verstand. SERIE «Als ich mich in die Welt verliebte – Chronik einer Leidenschaft» #69.

Eine abwechslungsreiche Woche in Fiesch – mit kritischen Filmen und 100 Offizieren im Saal. / Collage: Nicolas Lindt

Als ich dem Tages-Anzeiger einen Bericht über eine Filmarbeitswoche im Oberwalliser Dorf Fiesch vorschlug, tat ich dies nicht nur, weil ich gern Filme sah. Ich machte den Vorschlag auch deshalb, weil ich dann eine ganze Woche mit jungen Leuten in meinem Alter verbringen konnte. Vielleicht ergab sich auf diese Weise eine neue Bekanntschaft?

Um es vorwegzunehmen: Ich kehrte so Single zurück, wie ich hingereist war. Doch abgesehen davon waren die Tage im Wallis interessant und abwechslungsreich. Interessant hauptsächlich deshalb, weil ich mir eine Woche lang kostenlos gesellschaftskritische Filme ansehen konnte, um die anderen Diskussionsteilnehmer jeweils nach dem Betrachten des Films mit meinen politischen Erkenntnissen zu beglücken.

Die 68er-Zeit hatte auch zum Entstehen einer neuen und politischen Filmszene beigetragen. Junge Filmemacher schrieben ihre Drehbücher selber, und immer mehr angriffige Dokumentarfilme behaupteten ihren Platz neben dem Spielfilm. Die Filmarbeitswoche in Fiesch widerspiegelte diese Trends. Nachdem im Vorjahr ausschliesslich Schweizer Filme gezeigt worden waren, ging es diesmal um neue Produktionen aus Deutschland.

«Fast alle Filme», fasste ich im Tages-Anzeiger zusammen, «waren geprägt von Gesellschaftskritik. ‹Jagdszenen aus Niederbayern› von Peter Fleischmann zeigt in drastischer, ja abstossender Weise das verklemmte Leben auf dem Land, was sich in der Jagd auf einen ‹Aussenseiter›, einen vermeintlichen Homosexuellen, äussert. ‹Tätowierung› von Johannes Schaaf schildert den Konflikt eines ehemaligen Heimzöglings, der sich in einer veränderten Umwelt nicht behaupten kann und zum Mord getrieben wird. ‹Strohfeuer› von Volker Schlöndorff ist ein Film über die Schwierigkeiten der Frau, sich zu emanzipieren. ‹Lenz› von George Moorse, nach der Novelle von Georg Büchner, zeigt in poetischer, hintergründiger Weise, wie ein junger, sensibler Schriftsteller die Zivilisation nicht mehr erträgt, in ein Bergdorf zur Erholung fährt, aber auch dort die nötige innere Ruhe nicht findet und – schizophren geworden – zurückkehren muss.»

Systemkritische Filme aus Deutschland würden wir heute wohl kaum erwarten. Im gegenwärtigen, von Zensurangst und Meinungsterror geprägten deutschen Klima haben Filmemacher nicht mehr den Mut, in ihren Filmen Nein zu sagen. Damals, zu Beginn der 70er Jahre war das ganz anders:

«Dass der Film ‹Lenz› im Jahr 1778 spielt und dennoch eine aktuelle Problematik aufweist, zeigt deutlich, wie sehr die kritischen jungen Filmproduzenten in Deutschland Gegenwart bezogen arbeiten. Der Zuschauer wird nicht in den luftleeren Raum irgendwelcher Fantasieprodukte entführt, sondern mit der Realität konfrontiert.»

Die Konfrontation mit der Realität der kapitalistischen Leistungsgesellschaft war ganz nach meinem Geschmack. «Eine Filmarbeitswoche», dozierte ich im Tages-Anzeiger, «soll keine intellektuelle Selbstbefriedigung sein, sondern eine Möglichkeit für junge Leute, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen und zu erkennen wo man sich selbst engagieren könnte.»

Da war es wieder, mein Lieblingswort: Engagement, meine neue Masseinheit. Ein «engagierter» Mensch war ich immer und werde es immer sein, aber mein Idealismus hatte einen Bekehrungseifer erreicht, den ich nur mit meiner Jugend entschuldigen kann.

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Gesellschaftskritisch und interessant war die Woche im Wallis – aber auch abwechslungsreich. Sie war es vor allem deshalb, weil im Sportzentrum, wo die Filmwoche stattfand, auch noch andere Gäste logierten.

«Schon am ersten Abend» schilderte ich das Erlebte, «stiess man im Speisesaal des Kurszentrums auf ein bezeichnendes Stück Schweizer Realität: An weissgedeckten, blumengeschmückten Tischen sassen beim reichlichen Abendessen etwa hundert hohe Schweizer Offiziere, die sich ebenfalls in Fiesch zusammengefunden hatten, um über militärische Strategien zu diskutieren. Die hohen Militärs wurden wie im Erstklasshotel bedient – allerdings nicht von Kellnern, sondern von Untergebenen, die auch an den folgenden Tagen, jeweils vor dem Essen der Offiziere, ihre Verpflegung an ungedeckten Tischen einnehmen mussten. Die Soldaten erfuhren kein Wort vom Inhalt der geheimen Gespräche, sondern mussten bloss die Befehle ausführen.»

Bei der Planung der Reservationen hatte das Kurszentrum offenbar nicht die glücklichste Hand bewiesen. Der Anblick der versammelten Offiziere war für die kritischen jungen Leute im gleichen Saal eine Herausforderung – um so mehr deshalb, weil uns noch vor dem Essen der erste Film gezeigt worden war: «Liebe Mutter, mir geht es gut», ein aufrüttelnder, aktueller Agitpropfilm des deutschen Filmregisseurs Christian Ziewer.

«Der schwarzweiss gedrehte Spielfilm schildert den Alltag von Industriearbeitern. Er zeigt, was diese Menschen gegen die Ungerechtigkeiten unternehmen können, die sie tagtäglich erfahren müssen: Eintönige Tätigkeit, schlechte Bezahlung, Schikanen jeglicher Art und Entlassungen. Wenn man zusammensteht, kann man sich wehren, ist eine Schlussfolgerung des Films. Die Autoren greifen aber auch die Methoden der Unternehmer an, die in ihren Augen nur an der Rentabilität des Betriebes interessiert sind und nicht am Wohl der Werktätigen.»

Auch heute, 50 Jahre danach, gibt es Betriebe, Billiglohnunternehmen und ganze Branchen, in denen sämtliche Ungerechtigkeiten, wie sie der Film darstellt, noch genauso auffindbar wären wie damals. Den Satz «Liebe Mutter, mir geht es gut» schreiben noch heute Millionen von geschundenen, ausgebeuteten Menschen an ihre Mütter. Ein solcher Film würde mich noch immer betroffen machen. Nur meine politischen Schlussfolgerungen wären inzwischen andere.

Aber mehr noch als dieser Film aus Deutschland bewegten mich die 100 Offiziere im Saal. Ihre provozierende Anwesenheit musste in meinem Bericht unbedingte Erwähnung finden. Denn unterdessen war ich politisch nicht nur beim «Focus», sondern auch in einem Soldatenkomitee tätig. An den Kaserneneingängen drückten wir den Rekruten Flugblätter in die Hand, um sie hinzuweisen auf ihre Rechte und aufzurufen zum Widerstand gegen Willkür und Schinderei. Etwas frustriert vom blossen Schreiben gegen den Kapitalismus, wollte ich konkret handeln. Deshalb gefiel mir die Agitation gegen das Militär, und wir verteilten die Flugblätter vor den Zürcher Kasernen mit leidenschaftlicher Überzeugung.

Wir aber konnte ich die Offiziere in meine Reportage hineinschmuggeln? Die zuständige Redaktorin würde mir die betreffenden Sätze vermutlich streichen. Sie würde sagen: Das gehört nicht zum Thema. Also versuchte ich zwischen den Offizieren und dem Arbeiterfilm eine Parallele zu finden:

«Auch bei uns herrschen soziale Ungerechtigkeiten – das war für die jungen Teilnehmer der Filmwoche unbestritten. In den Gesprächen wurde immer wieder geäussert, dass Leute in Machtpositionen privilegiert sind. Für die Offiziere gelte das ganz besonders. Die Zusammenhänge zwischen dem Film und dem Verhalten der Militärs seien offensichtlich: Wie sich ein Arbeitnehmer im Zivilleben unterordnen müsse, so habe er als Soldat auch im Militär bedingungslos zu gehorchen.»

Die «jungen Teilnehmer der Filmwoche» – das war vor allem ich selbst. Inzwischen hatte ich Übung darin, andere Stimmen vorzuschieben, wenn es eigentlich meine eigene Meinung war. Die Redaktorin liess meinen Seitenhieb auf die Offiziere so stehen. Sie liess die Sätze auch deshalb so stehen, weil sie nicht informiert war. Weil es niemand ausplauderte. Auch ich behielt es klugerweise für mich. Doch jetzt, 50 Jahre danach, darf ich es genüsslich erzählen. Das Highlight der Woche in Fiesch. Wer ausser mir noch dabei war, wird es ebenso wenig vergessen haben wie ich. Leider hatten wir keine Kamera bei uns.

An einem der Tage nämlich entdeckten ich und einige andere, dass Offiziere unter der Dusche standen. Die Duschen gehörten zu den Gemeinschaftsduschen im Sportzentrum. Vor allem aber entdeckten wir, dass die Uniformen der Offiziere in der Garderobe an Haken hingen. An den Haken hingen auch ihre Hüte. Ihre Hüte mit den stolzen Streifen darauf. Und der Boden der Garderobe war nass - nass von denen, die schon vorher vom Duschen zurückgekehrt waren.

Wer die Idee hatte, weiss ich nicht mehr. Kurzentschlossen nahmen wir sämtliche Hüte von ihren Haken und warfen sie auf den nassen Boden. Da lagen sie nun in den Wasserlachen - die Respekt erheischenden Hüte der hochwohlgeborenen Offiziere. Ziemlich rasch entfernten wir uns.

Seltsamerweise kann ich mich nicht an ein Nachspiel erinnern. Dass die Betroffenen nichts unternahmen, scheint mir aus heutiger Sicht fast nicht vorstellbar. Aber es muss so gewesen sein. Vielleicht nahmen sie den Streich als das, was er war: ein Lausbubenstreich. Oder sie fanden es peinlich, eine Affäre daraus zu machen. Heute jedenfalls wäre ein solcher Schabernack undenkbar. Die jungen Menschen von heute würden so etwas Unerlaubtes schon gar nicht erwägen. Und wenn sie es täten, wüssten sie, was sie erwarten würde: Ein Grosseinsatz der Walliser Polizei, ein umstelltes Gebäude, Verhaftungen und Verhöre, Schlagzeilen in den Medien. Und die Installierung von Kameras in den Garderoben.

So wäre das heute. Die Welt war nicht besser vor 50 Jahren. Aber vielleicht noch ein kleines Bisschen normaler.

***

Dass ich nach dem Ausscheiden aus der Auffangstation wieder ganz freischaffend tätig war, bekam auch meine Grossmutter mit. Sie machte sich Sorgen um meine Zukunft. Ihre eigene Zukunft bereitete ihr weniger Kummer, denn es ging ihr gesundheitlich schlecht, und sie wusste, dass sie nicht mehr lange auf dieser Welt bleiben würde. Um so mehr wollte sie mich in den guten Händen des Lebens wissen. Deshalb erneuerte sie ihr Angebot, mir ein Studium zu finanzieren. 

Doch davon war ich weiter entfernt denn je, und so schrieb ich ihr aus der Waldegg einen Brief. «Weisst du», versuchte ich die richtigen Worte zu finden, «in meinem Leben möchte ich Dinge tun, die eine Wirkung haben. Würde ich studieren, hätte ich ständig ein ungutes Gefühl, dass ich da nur für mich selbst und meine Karriere Zeit investiere. Bis man das Erlernte weitergeben kann, dauert es lange und oft kommt es gar nie soweit. Man bleibt im Theoretischen stecken – während die meisten Schweizer Tag für Tag eine Arbeit verrichten müssen, die zwar praktisch und praxisbezogen ist, ihnen aber das Leben nicht gerade versüsst. Ein Student hat doch ein sehr bequemes privilegiertes Dasein, er geniesst alle Vorteile – vor allem auch später, wenn er fertig studiert hat. Und das alles immer auf Kosten der Bevölkerung.

Nun wirst du sagen: Es kann doch gar nicht jeder studieren. Da hast du recht und deshalb studiere ich nicht. Ich versuche mein Leben sinnvoll zu leben, damit es auch anderen etwas bringt. Ich schreibe für Zeitungen, weil ich so die Menschen und besonders die Jungen über Dinge informieren kann, die sie wirklich betreffen. Ich arbeite beim ‚Focus‘ mit, weil ich überzeugt bin, dass wir eine gesellschaftskritische Zeitschrift brauchen, die die Dinge beim Namen nennt. Und schließlich arbeite ich seit neuestem auf der Post, weil es guttut, eine körperliche Arbeit zu verrichten. Eigentlich sollte das jeder Mensch tun.»

Auf der Post? Körperliche Arbeit? Das war für meine Grossmutter, die Witwe eines Fabrikanten, ganz und gar unbegreiflich. Von da an gab sie es auf, mich für eine standesgemässe Laufbahn überzeugen zu wollen. Auch meine Eltern schüttelten nur den Kopf, als ich ihnen von meiner Teilzeitstelle bei der Sihlpost erzählte. Aber ich wollte es wissen. Ich wollte den Weg konsequent gehen.

 

Nächste Folge am 7. April