«Die Beschäftigung mit dem Tod hat mich lebendiger gemacht»

Die meisten Menschen verdrängen den Gedanken ans Sterben, so lange sie können. Können wir den Tod ins Leben holen – als Helferkraft, als Ratgeber? (Teil 2)

«Uns über das, was wir über den Tod denken, auszutauschen, war eine Kraftaneignung» Foto (Symbolbild): Yury Oliveira

Ich treffe zwei Freundinnen zu Kuchen und Tee. Sie sind 73 bzw. 82 Jahre alt und beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit dem Sterben und dem Tod, aus beruflichen und familiären Gründen und auch zur Vorbereitung auf ihren eigenen Tod. In einigen Punkten kommen sie zu ganz unterschiedlichen Konsequenzen. Doch beide sagen: «Der Tod gehört zum Leben, so wie die Geburt, und wer sein Leben voll lebt, muss auch den Tod nicht fürchten.» Hier ist die zweite Geschichte. (Die erste ist hier...)


Meine Freundin sagt:

Beschäftigt euch mit dem Tod, auch wenn ihr glaubt, davon noch weit entfernt zu sein. Findet heraus, wie ihr am liebsten sterben wollt, wie ihr bestattet werden wollt oder wie man eurer gedenken soll, malt es euch richtig aus. Die meisten vermeiden das, denn sie haben Angst davor. Aber die Beschäftigung mit dem Tod hat mich lebendiger gemacht.

Ein positives Verhältnis zum Tod musste sie sich erst erarbeiten. Als im Krieg Geborene war die Angst vor dem Tod während der ganzen Kindheit präsent. 

«Mama, bitte nicht sterben», war ein oft wiederholter Satz ihrer Kindheit. Mama überlebte, aber ihr Vater beging Selbstmord, da war sie selbst 21 Jahre alt. Ihre Erschütterung konnte erst viel später durch Traumatherapie loswerden. 

Während ihres Studiums der Veterinärmedizin machte sie auch Nachtwachen in einer Intensivstation. «Als dort eine Frau starb, hätte ich alle Formalitäten erledigen müssen, doch ich lief einfach weg in die dunkle Nacht. Sie konnten meinen Lohn einbehalten, das war mir egal. Die Kolleginnen lachten über mich, doch ich konnte nicht ertragen, mit einer Leiche im selben Raum zu sein.»

Als Tierärztin war sie schliesslich gezwungen zu töten. «Es war immer meine schwierigste Aufgabe, die Menschen in ihrer Trauer zu begleiten, wenn ich ihrem geliebten Haustier das Leben nehmen musste, um es vom Schmerz zu befreien.»

Die Wende kam mit dem Tod ihrer Mutter. «Sie wollte nicht im Krankenhaus sterben, und gemeinsam mit meiner Nichte ermöglichten wir es ihr, zu Hause zu bleiben. Es war Sommer und Vollmond, wir öffneten alle Fenster zum Garten. Wir hatten Schmetterlingssträucher im Garten. Und im Moment ihres Todes war plötzlich das Zimmer voller Schmetterlinge. Seitdem ist der Schmetterling mein Symbol für die Verwandlung des Todes.»

Danach änderte sich ihr Verhältnis zum Tod. Sie verfasste eine Patientenverfügung, die sie ständig aktualisiert. «Ich war damals mit Anfang 50 in das Ökodorf Siebenlinden gezogen, und eine Gruppe von Menschen in meinem Alter gründete eine Initiative für eine Kultur des Sterbens. Es war wichtig für uns alle. Bewusstsein über das, was wir über den Tod denken, uns auszutauschen, war eine Kraftaneignung, durch die wir uns von alten Ängsten befreien konnten. Das war auch durchaus oft humorvoll.»

In ihrer Patientenverfügung und Vollmacht stehen alle üblichen Anweisungen – wer zu benachrichtigen ist, welche Wiederbelebungsmassnahme sie wünscht und welche nicht, wer ihre Wünsche gegenüber den Ärzten durchsetzen soll. Darüber hinaus schreibt sie immer wieder aktuell auf, wer bei ihrem Tod anwesend sein soll, wie sie begraben werden will und wie sie Menschen von ihr verabschieden sollen. Während sie sich früher gewünscht hätte, dass man an ihrem Sterbebett die ´Internationale´ singt, ist es inzwischen ein weicheres Lied aus Afrika. Hauptsache, es werden nicht zu viele fromme Wünsche ausgesprochen. Inzwischen kann sie sich vorstellen, dass sie von nahestehenden Menschen beim Sterben begleitet wird. 

«Es ist mir sehr wichtig, in einer Gemeinschaft zu leben, wo man sich umeinander kümmert, die einen, wenn es nötig ist, Tag und Nacht begleitet. Umgekehrt bin ich der Gemeinschaft schuldig, dass ich sie informiere und ihr auch nicht zu viele ungeklärte Dinge überlasse. Deshalb halte ich eine ausführliche Patientenverfügung für eine soziale Verpflichtung.»

Sie reiste jahrzehntelang in Krisengebiete, nach Kurdistan, Palästina, als Helferin in Flüchtlingslager, lebte bei den Sandinisten in Nicaragua, bei Indianerstämmen in Kolumbien und Guatemala. «Ich habe dort auch eine andere Kultur des Sterbens erlebt, nicht wie in Europa, wo man gleich nach dem letzten Atemzug in die Kühlkammer kommt.» Bei ihrer Mutter konnte sie durchsetzen, dass die Tote noch zwei Tage aufgebahrt zu Hause lag, bis sich alle verabschiedet hatten.

«Bei meinem Leben habe ich immer gedacht, es ist wahrscheinlicher, dass ich irgendwann versehentlich erschossen werde, als dass ich im Bett sterbe. Vor ein paar Jahren war ich dann tatsächlich in einem Überfall in Guatemala, wo mir die Kugeln um den Kopf flogen. Seitdem lasse ich es etwas ruhiger angehen. Heute finde ich vor allem wichtig, dass wir weder den Tod aus unserem Leben verdrängen noch die Toten. Für mich sind die Toten eine Verpflichtung. Vor allem diejenigen, die gewaltsam und oft anonym aus dem Leben gerissen wurden, die Kinder von Auschwitz, die Befreiungskämpfer weltweit, die Indianer - wir Lebenden haben die Aufgabe, ihnen die Würde und gegebenenfalls ihnen den Namen wiederzugeben.»

Eine Zeremonie in Auschwitz, wo die Namen der ermordeten Kinder verlesen wurden, war ihr ebenso wichtig wie eine Steinsetzung in Tamera für ermordete Umweltschützer in Südamerika.

Für sich selbst wünscht sie sich, eines Tages einfach aus dem Haus zu gehen, sich unter einen Baum zu legen und zu sterben. Noch auf eigenen Füssen gehen zu können bis zum Lebensende, das ist ihr grosser Wunsch. Was nach dem Tod kommt? «Ich würde am liebsten als Baum wiedergeboren, als ein Wesen, das den Menschen Schatten und den Kindern Früchte schenkt.»

Baum