Hier ist niemand allein

- im Netz!

Zum Einstieg ein kleiner Ausflug in eine längst vergangene, analoge Zeit. Ein Freund von mir überraschte damals in seiner Studenten-WG einen Mitbewohner mit dem Kopf im Backofen. Der junge Mann war nicht suizidal, sondern wollte im Gegenteil sein Überleben sichern. Auf Nachfrage erklärte er, dass gerade ausserirdische Raumschiffe die Erde mit Strahlen beschössen und der Backofen die einzige Möglichkeit sei, sein Gehirn davor zu schützen. Mit Mühe war er davon zu überzeugen, dass ein Backblech über dem Kopf denselben Schutz bieten könne. So sass man schliesslich beisammen, die meisten barhäuptig, der Eine unter seinem Blechdach – er kam sich dabei sicher ziemlich allein und unverstanden vor.
Dank Facebook bräuchte er sich heute nicht als Aussenseiter zu fühlen: Er könnte in Realzeit posten, was Sache ist, und eine Gruppe gründen, wo er bei anderen Menschen mit ähnlichen Ängsten endlich die Akzeptanz fände, die ihm seine Mitbewohner vorenthielten.

Das Netz verbindet Menschen. Nie war es einfacher, alte Schulfreunde ausfindig zu machen, die einem noch die Rückgabe des Lieblingscomics schulden, den inneren Stalker im Hinblick auf den Ex auszuleben oder anonym Leute mit einer anderen Wahrnehmung der Welt zu beleidigen. Soziale Medien fördern Gemeinschaftssinn und Geselligkeit: Jede noch so weit vom gesellschaftlichen Konsens entfernte Neigung lehnt sich hier Gleichgeneigten entgegen. Der Nerd findet in den Game-of-Thrones-Foren die lang verweigerte Anerkennung; der Egomane pusht seinen Selbstwert mit der Anzahl seiner Likes, der Fan exotischer Fleischeslüste findet jemanden, der ihn buchstäblich zum Fressen gern hat. All das, was in einem Realwelt-Rahmen möglicherweise Befremdung, Lokalverbot oder Verwahrung zur Konsequenz hätte, kann hier ungeniert gelebt werden, ob Fremdenhass oder Fachidiotenwissen.

Und so sitzen sie vor ihren Rechnern, jeder für sich allein daheim, die Blogger, Gute-Fragen-Steller und Trolls, Smiley-Schicker und Google-Vertrauer. Stellt sich die Frage: Sind sie in diesem Moment wirklich allein? Einsame Seelen, die niemanden haben, der ihnen im realen Leben die Flöhe aus dem Fell klaubt? Oder bewegen sie sich nicht vielmehr innerhalb einer world-wide Gemeinschaft – einer Gruppe von Menschen, die gewillt sind, jedem geposteten Pups Aufmerksamkeit zu schenken und flink die ersehnte Bestätigung zu tippen: «Ja genau, ich auch. Like!». Die einem ermöglicht, voll Stolz zu sagen: «Mit dieser Meinung bin ich nicht allein!» Man kann tatsächlich einen emotionalen Bezug zu einem Menschen herstellen, den man nie gesehen, nie berührt hat.

Wo ist sie denn dann, die Einsamkeit vor dem Rechner? Sind Social-Media-Kumpels nur ein schaler Ersatz für Offline-Freunde? Oder eine echte Bereicherung, die Kontinente und Klassen überwindend zusammenfügt, was zusammen gehört? Wo findet «Begegnung» eigentlich statt? Sicher nicht nur da, wo die Möglichkeit besteht, zusammen ein Bier zu trinken. Im Internet berührt man sich auf geistiger Ebene – ob man nun gemeinsam meditiert oder mit axtschwingendem Avatar die «World of Warcraft» durchpflügt. Und sich hinter Masken zu verstecken – das ist leider nicht allein dem virtuellen Auftritt vorbehalten.
Zugegeben: Die meisten Facebook-Freunde taugen nicht viel, wenn es um tatkräftige Hilfe beim Umzug geht. Aber sie können helfen, eine Wohnung zu finden und einen Transporter zu organisieren. Ist doch auch schon was.

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13. September 2016
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