Primärerfahrungen nehmen ab

Woher kennen wir unsere Welt? Aus eigener Erfahrung oder aus dem Fernsehen? Ein Blick auf die Menschheitsgeschichte lehrt uns, wie wandelbar unsere Wissensquellen sind: Primärerfahrungen haben im Laufe der letzten Jahrhunderte rapide ab-, Sekundärerfahrungen zugenommen. Mit anderen Worten: Realitäten erschliessen sich uns heute eher über den Bildschirm, das bedruckte Papier oder die Radioboxen als durch unsere fünf Sinne. Unsere Wirklichkeit wird immer stärker von den Medien konstruiert.


Die Wissensquelle eines Bauern im Mittelalter war da näher an seinen eigenen Erfahrungen: Er kannte seinen (geliehenen) Hof und dessen Umgebung. Als eines der wenigen Tore zur Welt dienten die Dorffeste, wo die mehr oder weniger isoliert lebenden Bauern mit anderen Menschen in Kontakt kamen. Lesen und Schreiben konnte der Bauer nicht, sein Wissen stammte aus eigenen Erfahrungen oder vom Hörensagen – sein Horizont war beschränkt.

Es ist symptomatisch, dass ich die Erkenntnis zu den abnehmenden Primärerfahrungen in einem Geschichtsbuch entdeckt habe. Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus eignet sich der mitteleuropäische Mensch sein Wissen hauptsächlich aus Büchern und anderen Medien an. Im Vergleich dazu hat er nur Weniges selber gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, oder ertastet – sein Horizont ist beschränkt.


Ein unumgängliches Dilemma? Vielleicht nicht, denn die Welt liegt uns trotz Fernsehen und Radio wortwörtlich immer noch zu Füssen. Im Gegensatz zum mittelalterlichen Bauern haben wir die Möglichkeit, unsere eigenen Erfahrungen mit denen aus den Medien zu ergänzen.
Es steht Ihnen frei, Ihren Computer nun auszuschalten und sich einen Spaziergang zu gönnen...Mehr zum Thema «Massenmedien produzieren Massenmenschen» erfahren Sie im Zeitpunkt Nummer 106 ab Ende Februar.
02. Februar 2010
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