Seán MacBride-Friedenspreis: Eine Welt ohne Krieg ist mehr als die Abwesenheit von Gewalt

Das International Peace Bureau (IPB) hat am vergangenen Freitag in Berlin in einer bewegenden Veranstaltung die Preisträger des Seán MacBride*-Friedenspreises 2022 und 2023 geehrt.

Yuri Scheljaschenko
Yuri Scheljaschenko, der Kiew nicht verlassen darf, wurde online zugeschaltet. Foto: Screenshot

«In diesen herausfordernden Zeiten für den Frieden und die Friedensbewegung ist es von besonderer Bedeutung, zusammenzukommen und positive Beispiele für die Schaffung von Frieden zu würdigen, sowie jene zu ehren, die trotz Widerständen und Unterdrückung standhaft bleiben», lautete die Botschaft in der Einladung.

Die Preisträger des Jahres 2023 waren drei Organisationen für Kriegsdienstverweigerer – die Russische Bewegung für Kriegsdienstverweigerung, Unser Haus Weissrussland und die Ukrainische Pazifistische Bewegung – die gemeinsam für ihre Arbeit zur Förderung und Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissensgründen in ihren jeweiligen Kontexten ausgezeichnet wurden.

Die Preisträger des Jahres 2022 waren Yuri Scheljaschenko und Asya Maruket, die gemeinsam für ihr Engagement für den Frieden in der Ukraine und ihr Zusammenführen russischer und ukrainischer Stimmen für eine friedliche Lösung unmittelbar nach der Invasion ausgezeichnet wurden.

Frieden ist Solidarität. Im Krieg ist man immer allein. Als Flüchtende, als Soldat muss man überleben, und man steht vor dem unglaublich schlimmen Dilemma, entweder zu töten oder getötet zu werden. In den letzten zweieinhalb Jahren habe ich viel Solidarität erfahren. Ich wiederhole immer wieder, dass wir ohne Ihre Solidarität nicht überleben konnten. Wir waren nicht in der Lage, ohne Ihre Unterstützung und Ihren Schutz weiterzumachen.

Mit diesen Worten bedankte sich Olga Karach, Our House, bei der Übergabe des Preises in Berlin.

Yuri Scheljaschenko, der Kiew nicht verlassen darf, wurde online zugeschaltet und wendet sich mit einem eindringlichen Appell an die Zuhörenden:

Ich könnte sagen, wir könnten diesen Tag feiern. Ich kann es nicht. Die Ukraine ist unter Beschuss. Russland verwüstet mein Land. Ukrainische Städte brennen und Menschen sterben weiter. Wann wird dieser Wahnsinn enden?
Dennoch bin ich irgendwie ermutigt. Eine Figur wie Sean McBride, ein grosser Friedensstifter, Menschenrechtsverteidiger und Gegner des Kolonialismus, inspiriert mich. Er gehörte zu den Verfassern der Europäischen Menschenrechtskonvention, und dieses Instrument arbeitet seit Jahren daran, die Verbindungen zwischen Frieden und Gerechtigkeit zu stärken. Vor kurzem hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein historisches Urteil gefällt, das besagt, dass die fehlende rechtliche Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen in der Türkei eine Verletzung der Menschenrechte darstellt.

In seiner abschliessenden Laudatio würdigte Reiner Braun die Preisträger mit folgenden Worten:

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,
es erfüllt mich mit grosser Freude, eine so beeindruckende Gruppe mutiger Menschen hier versammelt zu sehen. Als Bewohner eines Landes, das von grösserer Freiheit geprägt ist, möchten wir unsere tiefe Anerkennung für Ihr Wirken zum Ausdruck bringen. In diesem Zusammenhang sollten wir stets an die historischen Persönlichkeiten erinnern, die für den Frieden kämpften: Nelson Mandela, Martin Luther King, aber auch Julian Assange. Wir sind uns bewusst, dass diese Menschen für den Frieden gelitten und sogar ihr Leben gelassen haben. Ihre Anwesenheit hier und Ihre Beteiligung sind äusserst ermutigend. Gemeinsam können wir unsere Bemühungen nur unterstreichen.
Jede Handlung, die wir zur Unterstützung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen tun, trägt dazu bei, dass dieses Menschenrecht weltweit anerkannt wird und integraler Bestandteil der Arbeit der Vereinten Nationen sowie aller friedliebenden Organisationen wird. Die Zusammenarbeit mit Ihnen war für das IPB äusserst fruchtbar. Ihre Präsenz bereichert unsere tägliche Arbeit und verleiht ihr eine moralische Dimension. In Momenten der Schwermut denke ich daran, was andere in ihrem Kampf für den Frieden tun und erleiden. Und um Ihren Worten zu verwenden, dann geht das Licht ein wenig auf.
Vielen Dank, dass Sie heute hier sind und den Preis entgegengenommen haben. Im Namen des IPB versichere ich Ihnen, dass wir auch in Zukunft alles tun werden, um Sie zu unterstützen. Letztendlich steht unser historischer Kampf über Jahrhunderte hinweg für eine Welt ohne Krieg – eine Welt, die nicht nur frei von Gewalt ist, sondern auch von Gerechtigkeit geprägt und um die Erhaltung der Natur bemüht ist. Ihre Rolle als Avantgarde in diesem Kampf ist von unschätzbarem Wert. Ihnen gebührt unser aufrichtiger Dank.
Ich danke Ihnen allen für Ihre Teilnahme an dieser bedeutenden Veranstaltung. Die Versammlung dieser Gruppe markiert zweifellos ein historisches Ereignis, und gemeinsam werden wir niemals aufhören, für unsere Ziele einzutreten.

 

 

 

* Seán MacBride - oder in seiner irischen Heimatsprache Seán Mac Giolla Bhríde, wurde laut Wikipedia am 26. Januar 1904 in Paris geboren und starb am 15. Januar 1988 in Dublin. Er war ein irischer Politiker und erhielt 1974 zusammen mit Satō Eisaku den Friedensnobelpreis für seinen langjährigen Einsatz für Menschenrechte in den verschiedensten Funktionen und Organisationen.


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Reto Thumiger

Submitted by cld on Mo, 03/25/2024 - 21:17
Reto Thumiger

Seit über 25 Jahren ist der gebürtige Schweizer und gelernte Kaufmann Aktivist des Neuen-Humanismus. Seine Anliegen, wie kulturelle Vielfalt, gleiche Rechte und Möglichkeiten für alle Menschen sowie eine innere und äußere Revolution - basierend auf der aktiven Gewaltfreiheit, führte ihn in sehr unterschiedliche Länder, wie Ungarn, Spanien, Togo und Sierra Leone. Mit seiner freiwilligen Tätigkeit in Pressenza Berlin möchte er der neuen Sensibilität und dem neuen Bewusstsein ein Sprachrohr verleihen und mit seinem Engagement bei der Organisation‚ Begegnung der Kulturen von einem multikulturellen Nebeneinander zu einer weltweiten menschlichen Nation gelangen.