Vom Bierchen zum Surf-Effekt

Hat uns das Schicksal oder das tyrannische Potenzial des Zufalls am Wickel? Die Samstags-Kolumne.

Bierrudern
Und das alles nur wegen eines Bierchens... Foto: Pixabay

Wer kennt das nicht: Man stösst im Internet auf eine spannende Seite, überfliegt sie, vertieft sich, folgt einem weiteren Link – zwanzig Minuten später taucht man zurück in die Welt, die man ein Weilchen verlassen hat. Aber immerhin: 20 Minuten Lebenszeit wofür? Dieser Surf-Effekt bestimmt unser ganzes Leben.

Denn wenn ich mich jetzt in der Kneipe «entscheide» (von wegen «freier Wille»), ein Bier zu trinken statt einer Limonade, dann führt das möglicherweise zu ein paar «Bierchen» mehr und dann noch einen Schnaps obendrauf und dann zu einem Streit mit einem guten Freund, der danach einer gewesen war, an den ich mich am Morgen danach mit schwerem Kopf und Bitterkeit im Herzen erinnere – und erst nach zwei weiteren Stunden «in die Gänge» komme. Und das alles wegen dieses einen ersten Bierchens. Das meine ich mit Surf-Effekt.

Oder ich entscheide mich für die knallenge Jeans, die meinen Po heiss zur Geltung bringt. Und lenke Blicke auf mich, die ich mit anderer Kleidung nicht auf mich gelenkt hätte, und es kommt zu einer Beziehung, ich heirate, lasse mich scheiden und stehe da mit zwei Kindern, allein. Und das alles wegen dieser einen knallengen Jeans.

Anstelle von «Surf-Effekt» könnte man es auch «das tyrannische Potenzial des Zufalls» nennen, tyrannisch genug, dass ihn manche Kulturen auch als «Vorsehung» oder als «Kismet» bezeichnet haben – was über die Namensgebung hinaus auch nicht weiterhilft. Wie auch immer, man könnte verrückt werden, wenn man darüber nachdenkt. Oder erleuchtet. Oder, oder …

Denn «die Entscheidung», darüber nachzudenken, würde ja bereits den nächsten Surf-Effekt in Gang setzen.


 

24. Februar 2024
von:

Über

Bobby Langer

Submitted by cld on Mi, 04/05/2023 - 07:30
Bobby Langer

*1953, gehört seit 1976 zur Umweltbewegung und versteht sich selbst als «trans» im Sinn von transnational, transreligiös, transpolitisch, transemotional und transrational. Den Begriff «Umwelt» hält er für ein Relikt des mentalen Mittelalters und hofft auf eine kopernikanische Wende des westlichen Geistes: die Erkenntnis nämlich, dass sich die Welt nicht um den Menschen dreht, sondern der Mensch in ihr und mit ihr ist wie alle anderen Tiere. Er bevorzugt deshalb den Begriff «Mitwelt».