Die Welt auf der anderen Seite des Mondes

Menschen mit einem spirituellen oder ganzheitlichen Weltbild werden in unserer Gesellschaft nicht nur belächelt, sondern auch benachteiligt. Ganzheitliche Bildung muss selbst bezahlt werden, und gerade in Krisensituationen müssen alle den Weg der Schulmedizin gehen. Kolumne.

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Das Weltbild meiner Eltern war geprägt von einem strengen Katholizismus in der Kindheit, exakten Naturwissenschaften und rationalem Leistungsdenken. Trotzdem waren und sind sie liebevolle Eltern. Ich hatte eine gute Kindheit. Dank meiner Familie kenne ich das wissenschaftlich-rationale Weltbild, das in unserer westlichen Gesellschaft vorherrscht, sehr gut. Ich habe den grössten Teil meines bisherigen Lebens versucht, danach zu funktionieren. Doch ich hatte immer einen anderen Drive in mir: Etwas, das mich auf die Suche führte – und mich schliesslich finden liess.

Es gibt sie, die Welt auf der anderen Seite des Mondes. Ich weiss es, weil ich Dinge erlebt habe, die nicht materiell oder rational erfassbar sind. Diese ganzheitlichen Erfahrungen waren für mich so einschneidend und mitunter auch schwierig, dass sie mich gewissermassen zwangen, spirituelle oder ganzheitliche Weltbilder anzuerkennen und mir selbst eines anzueignen.

Seitdem ich dies anerkannt habe, hat sich etwas in mir entspannt: Ich darf diesen Drive haben. Ich darf darüber reden, dass ich Energien in meinem Körper fühle. Darüber, dass sich manchmal mein Herz öffnet und wieder verschliesst. Dass Menschen oft aus Hass und Angst und selten aus Liebe handeln. Und nein – ich bin nicht verrückt oder naiv. Ich bin auch nicht psychotisch. Ich führe ein normales Leben und gehe einer ganz normalen Arbeit nach.

Mir schiessen Tränen in die Augen, wenn ich darüber schreibe. Es ist der Schmerz meiner kindlichen Opferfrau. Sie ist der Persönlichkeitsteil in mir, der Kränkungen und Traumas beinhaltet, sich oft minderwertig fühlt und mich manchmaldestruktiv handeln lässt. Diese Frau weiss, dass spirituellen Erlebnissen und Erfahrungen oft kein Wert zugestanden wird, dass sie belächelt und an den Rand gedrängt wird. Manchmal geschah dies, ganz subtil, in meiner Familie, in der Verwandtschaft oder bei Lehrern. Heute sage ich nein zur Ablehnung und ja zu mir und dem, was ich wahrnehme. Es fühlt sich befreiend an, und ich bekomme Raum für mein eigenes Wachstum und Lernen.

Ich beschuldige niemanden. Ich liebe meine Familie, hege keinen Groll gegen sie, versuche Andersdenkende zu schätzen, und sehe, dass ich zum Teil selbst die Verantwortung für meine negativen Erfahrungen trage.  Nur weil ich oft geschwiegen und ich mich selbst verleugnet habe, konnten andere Menschen sich über mich lustig machen.

Ist es unangemessen, Menschen mit einem ganzheitlichen Weltbild mit anderen Minderheiten zu vergleichen? Meiner Meinung nach haben wir mindestens zwei Dinge gemeinsam: den Schmerz, nicht so sein zu dürfen, wie wir sind, und fehlende repräsentative Strukturen unserer Identität in der gesellschaftlichen Ordnung. Mein Weltbild ist so identitätsstiftend, wie es der Veganismus für einen Veganer ist. Es hat Einfluss auf meine Lebensgestaltung, zum Beispiel bezüglich Bildung, Medizin und Arbeit. Dennoch ist es noch völlig normal, dass Menschen mit einem ganzheitlichen Weltbild ganzheitliche Schulen selbst bezahlen. Auch sollen in Krisenzeiten alle ausschliesslich den Weg der Schulmedizin gehen. Und zu guter Letzt bezahlen wir auf nicht-gewinnorientierten Banken auch noch höhere Negativzinsen. Aber wir nehmen all das in Kauf, weil es für uns richtig ist.

Sofort kommt wohl der Vorwurf, dass ich mich als privilegierte, weisse Schweizerin nicht mit Minderheiten vergleichen dürfe. Mir ist es jedoch ein Anliegen, die gesellschaftliche Anerkennung von Menschen mit ganzheitlichen oder spirituellen Weltbildern zu stärken. Man muss sie nicht belächeln oder abwerten, sondern kann sie in ihrer Andersartigkeit als Menschen anerkennen und sie darin ernst nehmen. Vielleicht haben Sie dies bereits gemacht, indem Sie diesen Artikel bis zu Ende gelesen haben. Danke.

 

Laura C

 

 

 

 

 

 

Laura Condrau schloss nach einem Studium in Soziologie im Januar 2021 den Masterstudiengang in transrationaler Friedensforschung an der Universität Innsbruck ab. Sie ist Programmkoordinatorin bei einer NPO, unterrichtet Kundalini-Yoga und ist Co-Präsidentin des «Global Ecovillage Network Suisse».

www.lauracondrau.ch