Zweisamkunst

Was macht ein Atelier für Sonderaufgaben? Nichts Besonderes, meinen die St. Galler Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin augenzwinkernd. Das reicht von einer Stuben­fliege im Flugzeug über das Picknick-Tuch für eine ganze Region bis zum Null-Stern-Hotel. Sie arbeiten an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft.

«Bignik» (2012–2043): Frank und Patrik Riklin sehern vor lauter Tüchern ihr Atelier kaum. (Foto: Jelena Gernert)

«Wir schmieden Leidenschaftspläne, nicht Businesspläne.» Diesen dritten oder vierten Satz unseres Gespräches meint Frank Riklin nicht als Wortspiel, er meint es als Bekenntnis. Frank sprüht vor Leidenschaft, er redet ohne Punkt und Komma, fragt als erstes, ob ich lautes oder stilles Appenzeller Wasser vorziehe und was ich wissen will von ihnen und nicht, was ich nicht wissen will, weil längst bekannt, sieht meine Mind-Map und nickt, begrüsst seinen etwas verspäteten Bruder nach einer Stunde. Sie sprühen vor verdoppelter Leidenschaft, sie reden und kennen kaum Atempausen, widmen sich dem vielleicht dreihundertsten Journalisten, der bei ihnen angeklopft hat. Nach zweieinhalb Stunden Flug durch das Riklin’sche Universum landen wir wieder in ihrem Atelier, das ironischerweise im selben Haus wie das Museum im Lagerhaus liegt. Mein Notizheft ist so voll wie ihr riesiges Atelier voller Ordner ist. Frank und Patrik grinsen – sie haben ihren Teil beigetragen.

Frank und Patrik Riklin haben Kunst studiert, sich aber nur kurz in den Kunstbetrieb eingeklinkt. Der Name Max Frisch fällt: der Schriftsteller probierte Geschichten an wie Kleider, die Zwillinge tun das mit Ideen. Gleich darauf fällt das Wort serendipity, Serendipität: zufällig beobachten, was man nicht gesucht hat. «Die beste Kunst ist für uns jene, die man gar nicht als Kunst wahrnimmt, die zu einem Teil der Gesellschaft wird», sagt Frank. Sie betrachten die Welt im allgemeinen, die Gesellschaft, alles. Das ist keine wolkige Ausrede, das ist ihr Konzept, Sonderaufgaben wahrzunehmen, für die sich niemand zuständig fühlt. Unabhängig und kompromisslos, wie sie sagen.

Experimente mit offenem Ausgang

Frank und Patrik Riklin werden als Inspiratoren eingeladen, damit sie den Puls bestehender Strukturen messen und darauf reagieren. Was in ihren Köpfen und aus ihren Händen entsteht, sind Experimente mit offenem Ausgang: Kunst, wo keiner Kunst erwartet. «Das erzeugt Reibung», sagt Frank. Oder: «Unklarheit schafft neue Handlungsräume.» Sie reden erst, gucken sich um, gehen vom Kleinen aus, suchen nach Komplizen, unternehmen noch nichts. Aber bald streben sie nach neuen Wirklichkeiten, nach Allianzen, nach neuen Feldern und Kooperationen. «Wir verlassen den White Cube, um das Wirkungsfeld unserer Arbeit zu erweitern. Wir machen unsere Komplizen zu Performern unserer Kunst. Wir sind keine Werber, wir machen Marketing zu Macheting.»

Die Riklin-Zwillinge haben eine neue, eine eigene Disziplin gegründet: die Artonomie. Zuerst kommt die Kunst (art), dann die Wirtschaft (economy). Das hat ihnen schon den Vorwurf eingebracht, sich bei der Wirtschaft anzudienen, also eben doch PR zu betreiben, einfach mit einem künstlerischen Ansatz. Patrik zerstreut Zweifel: «Artonomie bedeutet, dass sich unsere Kooperationspartner der Kunst unterwerfen. Nicht das Geld, sondern der Inhalt regiert.» Frank ergänzt: «Kunst wird subversiver, wenn sie nicht als Ausrede dient.»

Die beiden Riklins sind offen, neugierig, machen sich stetig auf die Suche nach neuen Sonderaufgaben. So gingen sie vor sechs Jahren nach Deppendorf (sic!), um Fliegen zu retten. Ein Unternehmer und Insektenbekämpfer in Bielefeld, der promovierte Hans-Dietrich Reckhaus, hatte sie mit der Martkteinführung einer Fliegenfalle konfrontiert. Sie intervenierten und lancierten die Gegenstrategie: retten statt töten. Sie machten aus dem Insektenbekämpfer einen Insektenschützer und setzten 2012 gemeinsam mit ihm die Aktion «Fliegen retten in Deppendorf» um.

Viele Leute meinen, wir seien lustig, dabei meinen wir es ernst.

Eine der geretteten Fliegen, sie hiess Erika, wurde zur Hauptdarstellerin – Kafkas «Verwandlung» liess grüs­sen. Sie flog mit dem weltweit ersten Flugticket für eine Fliege in den Wellness-Urlaub nach Schloss Elmau. Heute liegt sie begraben in einem Sarkophag an der Universität St. Gallen und ist Teil der HSG-Kunstsammlung. «Viele Leute meinen, wir seien lustig, dabei meinen wir es ernst», sagt Frank. «Wir müssen nichts erzwingen, müssen nicht missionieren, wir schaffen Situationen für unübliche Verknüpfungen.»

«Wir provozieren Bruchstellen im Alltag»

Gewiss, die mediale Inszenierung ist Teil ihrer Kunst und auch ihrer Selbstdarstellung, und die Riklins geniessen es durchaus, dass sie seit zehn Jahren nicht einzuordnen sind, dass sie Kunstbeflissene verunsichern. Sie sind auch kokett: «Für uns ist es eine Auszeichnung, nicht ausgezeichnet zu werden.» Sie sind auch verletzlich: «Viele kennen uns und unsere Arbeit nur oberflächlich. Wir sind medientauglich, oft kurios, weil wir Bruchstellen im Alltag provozieren.» Ihr aktuelles «Null Stern Hotel» (2016) – das immobilienbefreite Hotelzimmer in den Bergen, ohne Wände und ohne Dach, mit Butler-Service aus der lokalen Bevölkerung – hat die halbe Welt angelockt. Über 4500 Personen stehen inzwischen für dieses Jahr auf der Warteliste für eine Übernachtung in der riklin’schen Installation. Statt die Nachfrage zu bedienen, überlegen sich die Riklins nun, das Kunstwerk zurückzuziehen, um die inhaltliche Auseinandersetzung zu provozieren. Das Konzept des «Null Stern Hotels» versteht sich seit der Erfindung im Jahre 2008 (in einem Bunker) nicht als kommerzielles Projekt, sondern als eine gesellschaftliche Intervention, die den Luxus der Vielsterne-Hotellerie systemkritisch hinterfragt und dabei die Zukunft und den Zeitgeist reflektiert.

Wie gehen Frank und Patrik Riklin mit dem Tamtam um, das die Medien um sie veranstalten? «Die mediale Inszenierung gehört zu unserem Konzept, sie vermittelt unsere Arbeit ausserhalb des Kunstbetriebs.» Sei es beim «Quatschmobil» (2014), sei es beim «Stadttelefon» (2007) oder bei «Das kleinste Gipfeltreffen der Welt» (2004), an dem sich die «Dorfpräsidenten» der sechs kleinsten politischen Gemeinden in Westeuropa auf einem Schweizer Berggipfel trafen: auf dem Kamor, 1751 m.ü.M.

Wir wollen die Adrettisierung der Kunst verhindern. Kunst erträgt keine Kompromisse; der Inhalt ist König, nicht der Kunde.

Das Atelier für Sonderaufgaben dokumentiert und filmt alles minutiös, das hat auch einen Hauch von Eitelkeit an sich. Aber sie ist ehrlich. Sie machen, was sie sagen, und es ist nicht alles andere als eitel, wenn sie sich dem Kunstbetrieb verweigern. Sie haben ganz selten Fördergelder beantragt – das ist ihnen schon angekreidet worden. Die Riklin-Brüder sind keine Prediger, die sagen, was Kunst sein soll. Sie betrachten die Wirtschaft als Komplizin, sind gleichzeitig wählerisch, lehnen neun von zehn Anfragen ab. Und sie sind sich bewusst, dass sie jederzeit scheitern können. Vielleicht beim «Bignik» (2012–2043).

Seit sechs Jahren arbeiten sie an er Neuinterpretation des klassischen Picknicks. Gemeinsam mit der Bevölkerung der Region Appenzell Ausserrhoden–St. Gallen–Bodensee soll ein überdimensioniertes Picknick-Tuch entstehen, das aus den lokal vorhandenen textilen Ressourcen schöpft und von Jahr zu Jahr grösser wird. Pro Einwohner ein Tuch, so lautet die Vision des Langzeitprojekts. «Bignik» ist pure Lust an der Übertreibung. Es bearbeitet eine vermeintliche Utopie: ein gemeinschaftlicher Prozess mit 44 Gemeinden. Und es ist eine logistische Herausforderung. Denn wenn jeder der 252 140 Einwohner ein Tuch beisteuert, wird das Artefakt grösser als hundert Fussballfelder. Einmal im Jahr wird das wachsende Bignik-Tuch gemeinsam mit der Bevölkerung irgendwo in der Ostschweiz ausgelegt. Dieses Auslege-Manöver wurde unter anderem vom kanadischen Discovery Channel aufgegriffen. Dazu die Riklins: «Neunzig Prozent des Medienechos kommen aus dem Ausland.» Die Fertigstellung der Bignik-Vision ist auf 2043 geplant.

Einbrechen, damit andere ausbrechen

Solche Projekte haben etwas zutiefst Demokratisches an sich, sind alles andere als elitär, schliessen niemanden aus. Frank und Patrik bestätigen: «Kunst und Alltag gehören zusammen.» Sie suchen die Öffnung und stellen vermehrt Öffnung fest. Sie wollen mit ihrer Arbeit Kunstmuseen und Kunstinstitutionen nicht kritisieren. Zeit ist ihnen wichtig, sie streben keine Schnellschüsse an. Woran verdienen sie, wenn sie keine Kunst verkaufen? Am Erzählen, wenn sie von ihren Werken und Erfahrungen berichten, ähnlich wie ein Schriftsteller, der Lesungen hält. Sie erzählen etwa davon, wie 800 Einwohner von Deppendorf 902 Fliegen gerettet haben. Ist das nicht Selbstinszenierung? «Es geht nicht um uns», sagen Frank und Patrik Riklin. Und zitieren den Thurgauer Hans Ulrich Obrist, einen der begehrtesten Kuratoren der Welt: «Kunst ist das, was uns bleibt.» Die Riklins beschreiben Kunst als «ein schmales, langes Feld», das aber zu ­schmal sei für sie. Sie wollen ein Unternehmen sein und ihr eigenes System erfinden. Drei Felder umfasst es: die unabhängige Kunstproduktion in der Gesellschaft; die Artonomie bei der Zusammenarbeit mit Unternehmen, die bereit sind, sich auf die Kunst einzulassen; die laute Reflexion ihrer Erfahrung und Expertise.

«Wir haben für uns eine Welt geschaffen», sagt Patrik. «Wir sind Künstler, Facilitators, Ermöglicher. Wir brechen in Systeme ein, damit die andern ausbrechen können.» Kunst sei wie ein Schutzmantel, sie aber strebten eine andere Realität an. Und sie sehen diesen Reizpunkt als Ressource. Frank und Patrik Riklin machen Konzeptkunst, die nicht selten irritiert und verunsichert. Sie richten sich nach dem Modell der drei Wirklichkeiten: die primäre, die mediale, die subjektive. Sie sagen: Unsere Kunst lebt von der Differenz zwischen den Perspektiven, und das treibt den Motor für den Diskurs an.» Jetzt gerät Patrik in Rage: «Mich ärgert es, wenn Kunst weichgespült wird. Wir wollen die Adrettisierung der Kunst verhindern. Wir sind keine Dienstleister.» Kunst erträgt keine Kompromisse; der Inhalt ist König, nicht der Kunde. Das Unübliche wollen die Riklins willkommen heissen, die Überraschung, die Irritation. Das sei kein Marketing, beteuern sie, solange die Kunst im Zentrum stehe. Und hat nicht Kunstkritikerin Barbara Basting vom «Vermessenheitsanspruch der Kunst» gesprochen?  

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