Wir grün gewaschenen Sklavenhalter

Sklaverei ist seit langem verboten, sklavenähnliche Arbeitsbedingungen allerdings nicht. Wer zum überleben keine andere Wahl hat, wird sich in der Not als «neuer» Sklave verdingen. Das sind «eigentlich ganz normale Arbeiter, die für 50 Cent am Tag arbeiten – bei 60 Grad am Arbeitsplatz, total dehydriert – und weder zum Trinken noch zum Pinkeln aufstehen dürfen. Dafür werden sie von bewaffneten Wachen drangsaliert und müssen nachts im verschlossenen Bretterverschlag schlafen.» Dies sagt Evi Hartmann, Professorin für «Supply Chain Management» an der Universität Erlangen-Nürnberg, die vor kurzem im Campus-Verlag das Buch «Wieviele Sklaven halten Sie» herausgebracht hat.
  
Ausbeutung sei oft der einfachste Weg, eine Lieferkette zu optimieren, meint sie in einem Interview mit der Zeitschrift «Jetzt». «Man quetscht die Lieferanten so lange aus, bis sie wie eine leergepresste Zitrone erledigt sind.» In den letzten Jahren sei aber zunehmend so etwas wie Moral in den Fokus der Unternehmen gerückt, aber als Risiko-Faktor. «Kein großer Hersteller oder Händler riskiert heute mit derselben Nonchalance wie vor zehn Jahren die öffentliche Empörung. Das Internet und der berüchtigte Shitstorm sind eine mächtige Waffe geworden. Aber auch ein praktisches Tool, um den Ruf schnell wieder herzustellen. Es gibt wirklich ungeheuer viel Greenwashing.» Hinter unserem guten Gewissen versteckt sich also möglicherweise eine ganz andere Realität. Wie siehst sie aus?

Die Berechnung des Anteils der Sklavenarbeit zur Gewährleistung des eigenen Lebensstils ist enorm aufwändig. Einfacher geht es auf der Website slaveryfootprint.org. In einer Viertelstunde habe ich den Fragebogen über Lebensumstände und Konsumgewohnheiten ausgefüllt und erhalte ein erschreckendes Resultat: 35 Sklaven erleichtern mir das Leben. Selbst wenn man der Datenbank und den dahinter liegenden Algorithmen eine massive Ungenauigkeit zubilligt, werden es immer noch zehn Sklaven sein. Ist das möglich? Die Überschlagsrechnung ergibt: Zwei Drittel der Menschen leben in ärmlichen bis unerträglichen Verhältnissen und sind gezwungen, unwürdige und unterbezahlte Arbeit zugunsten des reicheren Drittels zu leisten. Als Schweizer lebe ich in ausserordentlich privilegierten Verhältnissen, selbst mit einem unterdurchschnittlichen Konsum. Ich gehöre bestimmt zu den fünf bis zehn Prozent Reichsten der Erde. Also doch: Zehn Sklaven sind es im Minimum, die mir mein Leben angenehm machen – eine mehr als unangenehme Vorstellung.

Evi Hartmann schildert locker, drastisch und ohne Umschweife das Dilemma zwischen Moral und Moneten. Sie ist überzeugt: Wir können eine Menge tun, um Sklaverei und Ausbeutung ein Ende zu bereiten, global wie lokal. Vielleicht erkennen wir nicht immer eine Wirkung, aber es ist allemal besser, Teil der Lösung zu sein, als Teil des Problems.



Evi Hartmann: Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral. Campus Verlag, 2016. 224 S. Fr. 22,90/€ 17,95